Wer
bettelt, gehört gleich zur Mafia
Der Saubermann von Düsseldorf, OB Erwin, und sein
Ordnungsdezernent planen einen neuen Angriff auf Arme und Obdachlose.
Die beiden
wollen die umstrittene Düsseldorfer Straßensatzung weiter
verschärfen.
„Bettler,
jetzt hat Erwin das Gebettel dicke“ hetzte die
Bild-Zeitung Mitte September. Darunter das Foto eines Mannes, der einen
Hut
hochhält: „Das will Erwin verbieten: ein
osteuropäischer Mann kniet demütig auf
der Tonhallenstraße.“ Dass die Springerpresse sich
schärfere Gesetze gegen
sozial schwache Menschen herbei sehnt, ist an sich nichts Neues. Doch
tatsächlich wollen OB Erwin und Ordnungsdezernent Leonhardt
(CDU) die umstrittene
Düsseldorfer Straßenordnung weiter verschärfen.
Hintergrund ist, dass die
Polizei und Erwins hausgemachter Ordnungsdienst (OSD) seit den
Sommermonaten
eine Zunahme von bettelnden Menschen im Bereich der Innenstadt bemerkt
haben
wollen. Die Düsseldorfer Polizei spricht laut NRZ gleich von einer
Zunahme
„organisierter Bettler“, und der OSD sieht an der
Schadowstraße „geschulte
Banden“ am Werk. So wollen Erwin und
Leonhardt den §6 der Düsseldorfer Straßenordnung um
einen Passus ergänzen, mit
dem dann auch „organisiertes Betteln
(missbräuchliche Ausnutzung der
Spendenbereitschaft anderer aufgrund Verleitung oder Bestimmung
insbesondere
auch von Kindern durch einen bedürftigen Dritten) sowie Betteln
unter der
Vortäuschung einer Notlage oder eines körperlichen
Gebrechens“ verboten werden
kann. Vor allem die Überprüfung von „Vortäuschen
einer Notlage oder eines
körperlichen Gebrechen“ bietet dem OSD ein ganz neues
Aufgabenfeld, in dem er
z.B. Leute, die betteln, aus dem Rollstuhl zieht, um zu sehen, ob die
vielleicht laufen können. Oder bettelnden Menschen einfach mal die
Krücke
wegnimmt. Da fällt dem OSD mit seinen „qualifizierten
Mitarbeitern“ gewiss
etwas ein.
Auffallend an
der Debatte um die Verschärfung der
Straßenordnung ist, dass es laut CDU nicht um die
„Düsseldorfer Wohnungslosen“
geht. Laut Sozialdezernent Burkhardt Hintzsche sind „bettelnde
Düsseldorfer,
beziehungsweise Obdachlosigkeit“ kein Thema mehr. Also kommen die
„geschulten
Banden“ (NRZ) und die „Bettelmafia“ (Bild)
natürlich aus dem Ausland. In der
Tat bestreiten einige Menschen aus Osteuropa ihren Lebensunterhalt,
indem sie
in der Innenstadt sitzen und betteln. Es gibt ganze Familien, die mit
einem
Touristenvisum aus Osteuropa einreisen und hier Almosen sammeln. Von
dem
erwirtschafteten Geld leben oft noch zwei weitere Familien im
Herkunftsland,
berichten StraßensozialarbeiterInnen von fiftyfifty und
Altstadt-Armenküche.
Das wundert kaum, liegt etwa in Rumänien der Durchschnittslohn bei
120 Euro,
der gesetzliche Mindestlohn bei 80 Euro im Monat. Meistens sind
Menschen aus
Osteuropa in den Sommermonaten anzutreffen, viele von ihnen essen in
der
Altstadt-Armenküche, besorgen sich dort einen Schlafsack, einige
verkaufen auch
die fiftyfifty, eine neue Form von Armutsmigration, so die
SozialarbeiterInnen
weiter. Fälle, dass Menschen von organisierten Banden zum Betteln
gezwungen
werden, sind ihnen bisher nicht bekannt.
Offenbar
brauchte OB Erwin nur einen populistischen
Aufhänger, um die Straßenordnung zu verschärfen,
vielleicht auch als neue
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für seinen
Ordnungsdienst. Aber der Absurdität
bei Verschärfungen von Straßenordnungen sind offenbar keine
Grenzen gesetzt.
Erst vor ein paar Monaten wurde in Köln die dortige
Straßensatzung verschärft:
Das Suchen nach Lebensmitteln u.a. in öffentlichen Mülleimern
wird dort
neuerdings mit einer Geldbuße belegt. Statt die Armut zu
bekämpfen, setzt auch
der Düsseldorfer CDU-Chef weiter auf den Kampf gegen Arme, d.h.
Vertreibung. So
wäre es dem OB und seinem Ordnungsdezernenten am
liebsten, die Bettler mit
Hilfe von Aufenthaltsverboten aus der Stadt zu entfernen. Im November
will die
CDU ihren Antrag in den Stadtrat einbringen. Ob sie sich damit
durchsetzen
kann, scheint fraglich, denn immerhin sind für eine Mehrheit
zumindest die
Stimmen der FDP nötig. Diese trug den harten Repressionskurs des
OB in der
Vergangenheit oft nicht mit und setzte im sozialen Bereich weniger auf
Repression, sondern eher auf Hilfe für die Betroffenen, wie z.B.
mit einem
Konsumraum für Heroinabhängige.
Schon jetzt regt
sich Protest, die Grünen fordern in einem
Brief an den OB mehr „Hilfe statt Vertreibung“, und das
Straßenmagazin
fiftyfifty wird den Zusatz der Straßenordnung bereits im Vorfeld
juristisch
prüfen lassen. Bleibt zu hoffen, dass sich wie bei der
Einführung der
Straßenordnung auch andere Gruppen und Initiativen dem Protest
anschließen.
Denn es gilt immer noch: Die Straße gehört allen!
Oli
www.terz.org - 26.09.2005