by
HONKER
MADE MY DAY
Köpfe
rauchen: welche Koalition macht den grössten Unsinn?
Pfeifen rauchen: Welche besternte Ernte ist die Härte? Reifen
rauchen: welcher
Weg ist der schnellste zurück zum Anfang? Wieviel Vakuum geht in
ein
Bürokratenhirn? Warum stossen die Pflanzen in Europa in heissen
Sommern
Kohlendioxid aus? Müssen Neun Live-Mitspieler präventiv
entmündigt werden?
Schreiben Kofferkulis auch im Dunkeln? Wieviel Meter sind’s zum
Glück? Wer noch
mehr Fragen hat, steckt sie sich an den Hut und geht einen trinken.
Jetzt aber.
VORPAL: AN
INCOMPLETE GUIDE TO VORPAL MUSIC (Cock Rock
Disco) Das ist aber mal ein grober Unfug! Pitts-burgh’s Kozloski
zeigt uns mit
seinem Debut, dass Squarepusher schläft oder scheintot ist, mashed
up Shit und
Gimmicks Stimmungen nicht ausschliessen und Cock Rock Disco fett
bleibt.
DIE
TÖDLICHE DORIS: WELTEN – WORLDS... (Vinyl on Demand)
Lo-Fi-Dokument der Spitzenklasse: Doris komponierte hier 1984 Musik zu
einer
Modenschau. Die 24 Tapes, auf schröggeligen Recordern abgespielt,
werden von
einem Tanzmusiktrio, vermittelt vom Berliner Arbeitsamt, begleitet
äh
konterkariert äh hört’s doch selbst. Die hatten noch
soziale Ideen damals.
KOSMONAUTENTRAUM:
UNGEHÖRTES UNERHÖRTES (Vinyl on Demand) 25
Jahre Rewind: Minimal-Partyhits wie „Der Deutsche“ oder
„Juri Gaga-rin“ lassen
auch für Nachgeborene ahnen, wie zeitlos radikal die Musik der
Frühachziger
sein konnte. Hat zero Schimmel oder Patina angesetzt.
V.A.:
WAHRNEHMUNGEN (Vinyl on Demand) 19 Tapes
veröffentlichte das Label Selektion der Gruppe P.D. (später
P16.D4) 1980/81. 5
werden hier mit neuem Material auf 2 CDs wiederveröffentlicht:
minimal,
konsequent und mit einem kleinem Filmfaible wird sich hier in den MS 20
gelegt.
Sehr schön.
KSCHZT: THE
EARTH’S HUM (Blasé) Ganz grossartige
elektronische Sound-scapekompositionen des Finnen, bewegt, funky,
spacig,
psychedelisch. Hmtja...wär Anfang der 90er wohl auf Space Teddy
erschienen...kicher...
FROG POCKET:
GONGLOT (Planet Mu) Sehr schöne eigenwillige
Folk-Elektronik auf dem Debut des Schotten, der seine keltische
Musiktradition
fantasievoll-fantastisch prozessiert und mit Warp-ähnlichen Beats
bewegt.
LOKAI: 7 MILLION
(Mosz) Den Wienern gelingt etwas sehr
seltenes, nämlich ihre instrumentellen Texturen aus Gitarre und
Elektronik so
dicht und gleichsam offen zu halten, dass es einem, wie Ebbe und Flut,
ganz
natürlich vorkommt.
OOIOO: GOLD
& GREEN (Thrill Jockey) Vorsicht: diese
Japaner essen mit Räucherstäbchen. Komische Tiere
tröten, Glöckchen bimmeln und
Damo Suzuki liegt bestimmt stoned unter der Bettdecke. Grandiose
Halbwachmusik.
YANNIS
KYRIAKIDES:
THE BUFFER ZONE
(Unsounds) Kyriakides wieder in Höchstform:
die neueste Arbeit handelt von der „Todeszone“ (so das
griechische Original)
auf Zypern, in der Tido Visser vom Kassio-pea Quintet als UN-Soldat und
kafka-esker Grenzgänger unterwegs ist.
TAYLOR DEUPREE +
EISI:
EVERY STILL DAY
(Noble Rec.) Der New Yorker, einer der
besten zeitgenössischen Elektroakustiker, spinnt um das
sanftluftige
Songmaterial der japanischen Gruppe einen warmen Kokon, in dem der
zunehmende
Hang Deuprees zu Melodiösität bestens brüten kann.
BRETSCHNEIDER +
STEINBRÜCHEL: STATUS (12k) Auf Deuprees
Label nach wie vor alles offen: der deutsche Minimalrythmiker und der
schweizerische Klangdesigner schickten sich über 2 Jahre die Files
hin und her,
bis der Rahmen für diese 12 sehr subtilen, ungemein konzentriert
wirkenden
Stücke stimmte.
ANDREW PEKLER:
STRINGS +
FEEDBACK (Staubgold)
Pekler hier als
Mittler zwischen den Zeiten: aus der
Vergangenheit bringt er Samples von Morton Feldmann, prozessiert sie
neu in der
Gegenwart und zeichnet damit eine Karte für die Zukunft. Sinistrer
NeueMusikSampleJazz.
HAROLD BUDD +
ERALDO
BERNOCCHI: MUSIC FOR FRAGMENTS FROM THE INSIDe
(SubRosa) Budd, Ambient-Pionier und legendärer Pianist auf Enos
‘Ambient 2’,
verbindet sein quecksilbriges Spiel mit der määndernden Tiefe
des italienischen
Experimental- und Dub-Wizzards. Live in einem altem italienischem
Palazzo
erfand man für eine knappe Stunde Vergangenheit neu.
TU’M: JUST
ONE NIGHT (Dekorder) Das italienische
Kleinstadtduo outet sich als Duchamp-Fans und kollaboriert mit
Elektronikern
wie Oval’s Frank Metzgers oder Simon Fisher Turner. Diese tollen
9
ClickCutSample-Tracks hingegen sind eine impressionistische Reise durch
die
Nacht zum Morgen.
V.A.: IMPULSIVE!
REVOLUTIONARY JAZZ REWORKED (Universal)
Die neue Welle des Jazz rollte auf Impulse von 1961 bis 1974: hier war
ein Ort
für die Innovation, der Groove, Kopfnicken und Arschwackeln nicht
egal waren.
Zu hören in 10 grandiosen Originalen, und dann in 10 mehr oder
minder
inspirierten Remixen. Gross z.B.: Kid Koala, Prefuse 73 und, ja doch,
RZA.
LOTEK HIFI:
MIXED BLESSINGS (Big Dada) Roots-Manuva-Buddy
Lotek, schon urlange in Londoner Dancehall-Hop-Szenen unterwegs, wills
hier
endlich selber wissen. Netter Roll-Off, entspannt und cozy, aber nicht
annähernd so aufregend wie die letzten Ninja-Deals.
ENSEMBLE DU
VERRE:
SING ME
SOMETHING (Fante Records) Weil der HH-Drummer Sönke
Düwer schon mal immer eine Platte mit Gesang machen wollte, musste
dieser tolle
Titel dran glauben. Der elektronisch produzierte VocalJazz (u.a. Ursula
Rucker)
überzeugt aber letztlich ohne wenn und aber.
ERIK SUMO: MY
ROCKY MOUNTAIN (Pulver Records) Diese Scheibe
nicht verpassen, wer auf ItaloWestern-JazzFolkStomper steht! Neben
seiner
knarzigen Erfolgscombo „Amorf Ördögök“ lotet
der Ungar, nun endlich mit Band,
seit einiger Zeit schon mögliche unmögliche Musikstile aus!
LOBI
TRAORÈ: THE LOBI TRAORÈ GROUP (EMI) Endlich hier zu
hören: die mitreissende Livemusik von Traoré, einem der
besten afrikanischen
Musiker. Seine legendären Sessions in Bamako City sind in diesen
10 Tracks, die
live und direkt ohne Overdubs auf Platte gingen, nahezu greifbar.
V.A.: DIALECT
– INTERSECTION (Dialect) Der erste Überblick
über das sympathische Pariser DeepElectronica-Label zeigt eine
enorme
Bandbreite sophisticateter Clubmusik, die weiss, wie es funkt.
Schöne broken
und gerade Beats von Simon Says über Seelenluft bis zum guten
alten Charles
Webster.
NORKEN: OUR
MEMORIES OF
WINTER
(Combination) Neben Kirk DeGiorgio bekommt derzeit
wohl nur Lee Anthony Norris derart viel Soul in elektronische Musik.
Der
„Spring-themes“-Nachfolger mit einem ganzen Sack voll Tunes
für Reisen,
Inter-ludes und Interzones. Der Winter kann kommen.
LONDON
ELEKTRICITY:
POWER BALLADS
(Hospital) Überraschung! Ihr
Radio-Drum&Bass rockt wie Hulle, flasht wie Fisch, und ist dabei
absolut
nicht verschleimt. Leute, das ist kein Underground, das ist gut. Klasse
Platte
voller Energie und Lebensfreude. Winter kann noch mal kommen.
SEAN PAUL: THE
TRINITY (WEA) Die fleischgewordene
Jamaicakoa-lition. Brüllt sich in die Charts und badet in allen
Ätherwellen.
This year’s jamaicain model legt mit
Dancehall-Ragga-Hop-Crossover und Tonnen
Ladies-Tunes Brennstoff nach. Wer ist Shabba Ranks?
MISS YETTI: GOLD
& LIEBE (Gold & Liebe) Früher, in
D’dorf, nahm Miss Yetti keiner so wirklich ernst, und bald haute
sie nach
Berlin ab. Jetzt kooperiert sie mit Villalobos, Heil, Görl,
Carretta, Allien
usw usf, hat Respekt, ein eigenes Label, und jede Menge eigene
ElektroHouseschrubber im Gepäck, hier im Mix von ihr selbst zu
hören.
LESBIANS ON
ECSTASY:
GIGGLES IN THE
DARK (Alien8 Rec.)
Die Tour-Mates
von Le Tigre lassen sich von ebendiesen und
weiteren US-Indie-Herzchen abmixen. Geschrei, Hipness-Neurosen,
Subkulturindustrie, dicke Beats. Also ich find’s ja nicht so
toll, aber
vielleicht gefällt’s Stefan ja...
COLOMA: DOVETAIL
(Klein)
Die Ambitioniertheit, das Aufgesetzt-Prätentiöse, dass uns
als Stil
verkauft werden soll, ausgeklügelte Arrangements, Taylors
affektiert-klarer
Kunstgesang, die Produktion von Levin - all das entzückt
vielleicht Pop-Nerds
und Tontechnikerwillis, aber nicht mich. Und ihr?
NOVA EXPRESS:
EXOTISCHER
JAHRGANG (Parallel)
Gleich noch mal
mit Schmackes in die Nesseln: solche Musik
kann eigentlich nur aus Düsseldorf kommen...vielleicht noch aus
Hannover.
Coverversionen in „unserer“ Sprache, Easy Ell, Schlager,
locker, frivol,
ironisch, 1a produziert, Gemütlichkeits-Stil-Bohemé. Wo ist
das
Wirtschaftswunder zu diesem Pop?
BERTINE ZETLITZ:
ROLLERSKATING (EMI) Dann lieber real Pop:
trotz hoher Punktabzüge bei Coverkonzept und Artwork
überzeugt die norwegische
Sängerin und Produzentin durch spooky Ideen, offensives
Draufgängertum bei
gleichzeitiger smarter Myster-iösität und vor allem durch
unprätentiösen
zeitgemässen 1:1-DiscoPop. Das ist doch was.
JONATHA BROOKE:
BACK IN THE
CIRCUS (Bad Dog
Records) Wer’s unsynthetischer mag: eine der
derzeit besten Songschreiberinnen. Ziemlich schön, persönlich
und catchy, mixt
Brooke, die von Gitarre bis Pro Tools alles spielt und selber macht,
auf ihrem
Drittling einen intimen, lockeren und
packenden Songzyklus (mit überraschenden und gelungenen
Coverversionen), der
auf Dauer einen tollen Flow entwickelt. Eigentlich ist sie Country,
eigentlich
ist sie House, eigentlich ist sie die Beatles. Oder alles.
GEORGES
MOUSTAKI: VAGABOND (Virgin) Moustaki ist alt und
weiss und klar und gut. Diese Musik riecht wie Herbstlaub, das du vom
Boden
aufhebst, und sie klingt wie zwei anstossende Weingläser. Auf zwei
Songs
würdigt der grosse alte Grieche den grossen alten Brasilianer und
abwesenden
Freund Tom Jobim. Aufgenommen in Rio mit Francis Hime, dem Arrangeur
von Milton
Nascimento, wirft diese Musik Licht in Schatten.
IRENE SCHWEIZER:
PORTRAIT (Intakt) In 14 Stücken und einem
fantastisch zusammengestelltem musikalischem Panorama wird kristallklar
und mit
herz- und hirnerfrischendster Deutlichkeit erfahrbar, was für eine
grandiose
und lebendige Jazzpianistin Irene Schweizer – wahrscheinlich eine
der besten –
ist. Irene Schweizer hat immer seelenverwandte Kontexte gesucht und
dort
kongenial angedockt, intuitiv und intensiv, bis wieder etwas Neues
entsteht.
Dem Spiel mit den PartnerInnen - von Han Bennink über Andrew
Cyrille, Pierre
Favre, Joele Leandre, Louis Moholo oder Maggie Nicols u.v.a. – so
direkt
zuhören zu können, ist eine unglaubliche Freude, die mensch
sich gönnen sollte.
Ein 88seitiges Booklet fächert die Facetten auf und konzentriert
sie wieder.
HERBERT
GRÖNEMEYER: LEONCE UND LENA (Grönland)
Richtig gelesen,
Herbie is in the House. Was gibt er uns?
Theatermusik! Selbst einst und wohl für immer Rampensau, kann er
gut verstehen,
worum es geht. Zur Büchner-Inszenierung von Robert Wilson am
Berliner Ensemble
beweist er eine bemerkenswerte und tolle Stilvielfalt zwischen Polka,
Kunstlied, Chanson, Jazz und viel mehr. Das pralle Leben. Auf CD 1
erzählt
Herbie das Stück, es gibt Texte und die Songs, auf CD 2 letztere
noch mal
konzentriert. Gutgut.
THE MISFITS:
COLLECTION I & II (EMI) Und immer noch
böseböse: die verdammten ollen Misfits. Ihr könnt euch
ja euere persönlichen
Mixtapes der 1983 aufgelösten Ur-Punks zusammenstellen, aber
diesen Scheiss
hier hat Mr. Danzig selbst zusammengestellt. Und wer hat nicht alles
bei ihnen
geklaut...jede Metalcombo mit Grummelfresse. Vergesst es - hier ist das
Original. Und vergesst nicht, Fragen zu stellen. Brains for
dinner/Brains for
lunch/Brains for breakfast/Brains for brunch/Brains at every single
meal/Why
can’t we have some guts? Und vergesst nicht, zu vergessen.
www.terz.org - 26.09.2005