Das Märchen von den geforderten Integrationsleistungen

In Neuss soll ein junger Nigerianer abgeschoben werden, obwohl er die von der Bundesregierung viel gepriesenen "Integrationsleistungen" erfüllt. In der Alltagspraxis der Ausländerbehörden werden die Bemühungen der Flüchtlinge selten berücksichtigt.

"Mein Name ist Michael John, und ich wende mich an Sie, weil ich von Abschiebung bedroht bin. Ich möchte Ihnen berichten, wie mein Leben in Deutschland verlaufen ist. Ich komme aus Nigeria und bin im Jahr 2005, als ich 15 Jahre alt war, als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Meine Eltern waren in Nigeria bei einem Überfall gestorben, und ich habe den Kontakt zu meinen anderen Verwandten verloren", so beginnt der 20jährige in einer Rundmail von fiftyfifty über seine drohende Abschiebung zu berichten.

Seine Flucht führte Michael John bis nach Neuss, wo er zunächst in einer Einrichtung der Jugendhilfe lebte. Er lernte die deutsche Sprache in einem Intensiv-Sprachkurs und wurde kurz darauf für die 8. Klasse einer Hauptschule angemeldet. Es folgte ein Umzug in eine betreute Wohngemeinschaft für Jugendliche, in der Michael sich gut einlebte. Die Betreuer_innen und die dort lebenden Jugendlichen wurden Ersatzfamilie für ihn.

Am Ende der 10. Klasse machte Michael den Realschulabschluss und entschied sich, für ein weiteres Jahr ein Berufskolleg zu besuchen. Die Erfahrungen, die er dort während eines Praktikums machte, ermutigten ihn, eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer zu beginnen. Aber der tägliche Umgang mit den alten, teilweise demenzkranken Menschen belastete ihn so sehr, dass seine Arbeit darunter litt. Zum Ende der Probezeit wurde ihm gekündigt.

Die Ausländerbehörde in Neuss nahm die Kündigung zum Anlass, seine Abschiebung nach Nigeria vorzubereiten. "Du hast deine Chance gehabt und sie nicht genutzt" sagte der zuständige Mitarbeiter zu ihm. Dass Michael vorbildlich integriert und bei allen beliebt ist, Sänger der Schulband war, Mittelfeldspieler im Fußballverein und mittlerweile in drei Gospelchören singt, spielt in den Plänen der Ausländerbehörde keine Rolle.

Als er im Dezember 2009 erfährt, dass sein Abschiebeflug schon gebucht ist, sucht Michael Hilfe und wendet sich an die Flüchtlingsberatung der Diakonie in Düsseldorf sowie an die Flüchtlingsinitiative STAY!. Mit deren Unterstützung stellt er einen Antrag beim Petitionsausschuss des Landtags von NRW, dessen Bearbeitung mehrere Monate in Anspruch nimmt.

Während dieser Zeit, in der seine drohende Abschiebung ausgesetzt ist, verfolgt er weiter sein Ziel, eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Er meldet sich auf einer Fachoberschule an, möchte nach erfolgreichem Fachabitur studieren. Nebenbei jobbt er in einem Supermarkt, verdient so den Großteil seines Lebensunterhalts selbst. Doch die Ausländerbehörde zeigt sich unbeeindruckt.

Der Petitionsausschuss jedoch erklärt Michaels Antrag für unterstützenswert und empfiehlt der Härtefallkomission, für ein Bleiberecht zu stimmen. Die endgültige Entscheidung soll im Mai 2011 fallen.

Sofort fängt die Ausländerbehörde an, Michael unter Druck zu setzen, er soll nun 900,- Euro monatlich verdienen und dies durch einen unbefristeten Arbeitsvertrag nachweisen. Alternativ könne auch ein Bürge für seine Finanzierung aufkommen.

Der Sachbearbeiter droht, er habe bereits den Text für eine Negativbewertung im Computer und Michael solle ja nicht straffällig werden. Deutlicher kann man seine Vorurteile nicht zum Ausdruck bringen, hatte sich Michael doch weder strafbar gemacht, noch sich sonst etwas zu Schulden kommen lassen. Michaels Einwand, mit keiner Nebentätigkeit so viel Geld verdienen zu können, folgt die Empfehlung, er könne ja die Schule abbrechen, um arbeiten zu gehen. Aber mit einer dreimonatigen Duldung einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu finden, ist fast unmöglich. Zudem sind, wenn Michael die Schule jetzt abbricht, seine "Integrationsleistungen" nichts mehr wert und würden sich bei der Härtefallentscheidung negativ auswirken. Die perfide Logik einer Ausländerbehörde, deren Hauptanliegen ist, dass keine Sozialleistungen gezahlt werden müssen, gibt Michael also keine Chance.

"Ich wundere mich über die Ausländerbehörde. Die kennen mich doch und wissen, dass ich mir eine Zukunft aufbauen will. Aber das ist für sie anscheinend nicht wichtig. Der Druck von den Behörden ist schlimm für mich. Ich fühle mich nicht frei als Mensch. Im Moment kann ich nachts nicht schlafen, weil ich Angst vor der Ausreise habe. Sie sagten mir, sie setzen mich einfach in Lagos ab, und dann muss ich sehen, wie ich weiter klarkomme. Nigeria ist aber ein großer Staat, und es ist niemand mehr da, den ich kenne und der sich um mich kümmern kann", schildert Michael seine Situation.

Mittlerweile hat Michael John mit Hilfe von STAY! und fiftyfifty einen Bürgen gefunden. Insgesamt haben sich in wenigen Tagen über dreißig Menschen gemeldet, die bereit waren, eine (Teil-) Bürgschaft für ihn zu übernehmen. Eine Form von Solidarität, die hoffentlich Schule macht.

Michael John will die Bürgschaft natürlich nicht Anspruch nehmen und sucht dringend einen Nebenjob ab 14 Uhr.
Kontakt über stay! 0211 / 72139511 oder info [at] stay-duesseldorf.de.

PETER