Kein Bock auf ESC und Nation

Am 14.05. findet in Düsseldorf das Finale des Eurovision Song Contest statt. Wieder einmal wird die Stadt versinken in einem je nach Kaufdatum vor oder nach der WM 2006 mehr oder weniger übelriechenden Meer aus Fahnen, T-Shirts, BHs, Schweißbändern, Socken und Ganzkarosseriekondomen für Autos in den Deutschlandfarben Schwarz-Rot-Gold.

Während der ESC 1956 als europäischer Komponist_innenwettbewerb begann, der die europäische Integration und damit die Auflösung starrer nationalistischer Vorurteile fördern sollte, ist er spätestens seit 1967 - dem Jahr, in dem zum ersten Mal keine Songtitel oder Komponist_innen-Namen auf der Punktetafel standen, sondern ausschließlich die beitragenden Nationen genannt wurden - ein Wettbewerb der Nationen, der regelmäßig zur "Völkerschlacht"1 ausartet.

Wie immer bei solchen Angelegenheiten wird diese Schlacht mit ungleichen Mitteln ausgetragen: Wer ins Finale kommt, ist nur teilweise von den vorhergehenden Auswahlshows abhängig. Eine weitaus größere Rolle spielt die Höhe des Beitrags, den das jeweilige Land an die Europäische Rundfunkunion (EBU), den Veranstalter des ESC, überweist. 1996 schied Deutschland bereits in der Vorrunde aus. Als Konsequenz hieraus erhielten die fünf zahlungskräftigsten Mitglieder der EBU, Spanien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien (und seit diesem Jahr auch Italien, das in den vergangenen Jahren aufgrund von Desinteresse nicht teilnahm) für ihre Beiträge eine Wildcard für das Finale.

Aber nicht erst seit 1997 geht es beim ESC vor allem um die Stärkung des Nationalismus innerhalb der Mitgliedsländer der EBU und die Darstellung der Stärke der eigenen Nation nach außen. Weniger als fünf Minuten reichen, um ein ganzes Feuerwerk des Nationalismus entgegengeschleudert zu bekommen. In der Eröffnungssequenz des ESC "grüßen" die einzelnen teilnehmenden Nationen vermeintlich die gesamte europäische Fernsehgemeinde, meinen aber eigentlich nur diejenigen, die für dieselbe Nation streiten wie die jeweiligen Grüßenden. Während der Umbaupausen präsentiert das ausrichtende Land seine "besten Seiten" in kurzen Filmchen - Essen, Sehenswürdigkeiten, Trachten und Ähnliches - Hauptsache, sie entsprechen Klischees, die man selbst für sich beanspruchen kann und die in anderen Ländern ebenfalls bekannt sind. Als Gewürz kommen dann noch ein paar unbekanntere Beispiele hinzu. Gleiches gilt für die Auftritte der einzelnen Künstler_innen: Die nationale Selbstdarstellung spielt sowohl bei der Musik als auch in der Darstellung eine wesentliche Rolle2. So treten viele Künstler_innen in landestypischen Trachten auf oder hüllen sich gleich in ihre Nationalfarben. Die Reproduktion von Klischees und Stereotypen spielt dabei in jedem Fall eine größere Rolle als die Realität. So verwenden einige osteuropäische Länder gerne Elemente der Musik der Roma, weil diese als wild-lebendige Tanzmusik dem westeuropäisch-romantischen Klischee von Osteuropa entspricht, während die Gesellschaften der jeweiligen Länder im Alltag Roma bis hin zum kompletten Ausschluss und gewalttätigen Übergriffen diskriminieren. Und bei der Punktevergabe zeigen uns Einspieler aus den jeweiligen Ländern die "prototypische" Familie, die glücklich-jubelnd für die eigene Nation in ihrem Wohnzimmer mindestens eine Nationalfahne in die Kamera hält.

Nationale Erhebung

Doch wie es beim Wettkampf zwischen Nationen so ist, läuft nicht alles harmonisch ab, es kommt natürlich zu Konflikten. Als Norwegen 2003 in seiner nationalen Vorentscheidung versuchte, einen Einspieler zu Ehren des Gastgebers Lettland zu zeigen, führte dies beinahe zu einer heftigen Krise zwischen den beiden Ländern. Denn anstelle typisch "lettischer" Folklore bekamen die Zuschauer_innen einen Strauß Buntes aus Russland serviert: Kosaken, Balalaikas und Matrioschkas. Die größte lettische Tageszeitung "Daina" verglich: "Als ob die Letten die norwegische Kultur durch Deutsche in Naziuniformen darstellen würden!" und drohte mit einem Wirtschaftsboykott gegen Norwegen. Retten konnte die Situation nur eine persönliche Entschuldigung des norwegischen Botschafters Jan Wessel-Hegh bei der lettischen Präsidentin Vaira Vike-Freiberga3. Überhaupt haben es die Norweger_innen schwer mit dem ESC: Ihre 17 Jahre währende Erfolglosigkeit im Wettbewerb der Nationen verursachte ein "nationales Trauma", da sie sich als "Angehörige einer kulturellen europäischen Unterschicht" fühlen mussten, bis der "Bobbyschock" (der Sieg des norwegischen Duos "Bobbysocks") sie endlich rettete: "Wenn man nicht sagen kann, was man am 04.05.1985 um 23.45h, dem Zeitpunkt der Verkündung des Siegs, getan hat, ist man kein richtiger Norweger."4

Und auch in Deutschland ist es kaum besser. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2006 unter den Delegationsleiter_innen der einzelnen Nationen beim ESC empfinden vor allem die Deutschen - neben Russland und Kroatien - eine Niederlage beim ESC als "nationale Schande"5. Das ist kein Wunder, dient der ESC doch vor allem dazu, nationale Identität zu stärken. Der NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer, der bis zur Übernahme durch Stefan Raab für den ESC bzw. seine nationalen Vorentscheidungen in Deutschland verantwortlich war, formulierte "10 Gebote für einen erfolgreichen ESC", von denen vor allem das Erste und Zweite interessant sind:

  1. Das internationale Grand-Prix-Finale ist mit der nationalen Vorentscheidung interessant zu machen. Per se ist es nicht interessant genug, erst durch einen identitätsstiftenden Vorlauf, der von nationalen Fernsehmachern aufzubauen ist, wird es interessant.
  2. Die nationale Grand-Prix-Vorentscheidung ist auf die Verbindung zwischen Popmusik und nationaler Ehre auszurichten. Diese Verbindung ist einmalig: Im Fernsehen, in der Popmusik und im Nationalbewusstsein.6

Daraus wird deutlich: Nationalismus und ESC sind nicht zu trennen, und der nationalistische Aspekt ist auch kein "zufälliges Beiprodukt", sondern von vorneherein beabsichtigt und geplant. Spätestens seit dem "Sommermärchen", der WM 2006, ist die "alte Geschichtskonstruktion", bei der der Nationalsozialismus im Mittelpunkt stand und aufgrund derer 1994 noch 44 % der Deutschen der Meinung waren, nationale Symbole oder gar Nationalstolz verböten sich aufgrund der deutschen Vergangenheit, selbst Geschichte. Ein "Geschichtsgefühl", wie es Martin Walser 2002 in seiner Rede zum 08. Mai in der SPD-Zentrale beschworen hat, mittels dessen man die "unschönen" Teile der Vergangenheit einfach vergessen kann, darf und ausdrücklich soll, um "Deutschland wieder in seinem Herzen fühlen zu können", hat stattdessen ihren Platz eingenommen. Die Ergebnisse dieser Entwicklung ließen sich im Sommer 2006 zum ersten Mal in voller Blüte beobachten und sind uns allen wohl bekannt7.

Beim ESC lassen sich interessante chronologische Parallelen beobachten: Meier-Beer stellte seine "10 Gebote" auf, weil der Grand-Prix in Deutschland kaum noch eine Oma hinter dem Ofen hervorlockte. Sein erster Schritt auf diesem Weg bestand in der Kooperation mit dem Musiksender VIVA im Jahr 2004. Diese war auch ein erster Schritt zum Erfolg des ESC, weil so eine junge Zuschauer_innenriege erreicht werden konnte. Im darauffolgenden Jahr wurde VIVA jedoch von MTV übernommen, und Meier-Beer konnte seine Kooperation nicht fortsetzen. In diese Lücke stieß Stefan Raab mit dem Bundesvision Song Contest, der die Grundlagen legte für ein Festival, das eine nationale Identifikation für größere Teile der Bevölkerung ermöglichte8.

Seit der WM ist das Bedürfnis in Deutschland nach "Deutschland-Parties" offensichtlich enorm gestiegen. Manche_r hat bis heute sein Deutschland-Schweißband nicht abgelegt. Aber auch das "neue Geschichtsgefühl" schafft keinen "neuen" Nationalismus in Deutschland, trotz allen Vergessens, das darin enthalten ist. Regelmäßig kommen auch im Kontext des ESC alte Vorurteile wieder hoch.

Ein deutsches Mädel

Gerade in den neuen Medien wie z.B. Facebook und Twitter kam im letzten Jahr das zum Ausdruck, was bis dahin meist in Wohnzimmern und an Stammtischen verborgen blieb. Nachdem Deutschland beim ESC 2010 von Weissrussland, Moldawien, Georgien, Armenien und Israel jeweils null Punkte erhalten hatte, fanden sich Kommentare wie die folgenden im Internet:
"Israel, Scheiss Juden"
"Ja die Juden vergessen uns das nie"
"Da hat Lena wohl zuviel Gas gegeben"
"Lena, du bist einfach die Beste! Nur eins nervt einfach jedes Jahr: die scheiß Russen halten immer zusammen, die sollten echt ausgeschlossen werden! Das ist einfach das Letzte! Und von den drecks Juden aus Israel war wie immer auch nichts zu erwarten"

"Die Juden" und "die Russen" - zwei Feindbilder, die zu genau der Zeit, die die Deutschen doch jetzt lieber vergessen sollen (und wollen) Hochkonjunktur hatten. Nach Lenas letztjährigem "Sieg für Deutschland" war auch das allgemeine Presseecho voll von nationalistischen Phrasen:

"Nicole ist nicht mehr allein: Lena Meyer-Landrut ist die zweite deutsche Gewinnerin in der Geschichte des Grand Prix. [...] Die nationale Aufgabe ist gewuppt, das Unternehmen Lena ist gelungen, ein ganzes Land atmet auf." (FR-Online.de)

"Ich gratuliere Lena Meyer-Landrut zu ihrem Super-Erfolg in Oslo. Lena hat mich mit ihrer Natürlichkeit und Herzlichkeit sehr beeindruckt. Sie ist ein wunderbarer Ausdruck des jungen Deutschlands." (Angela Merkel)

Das "neue", junge Deutschland: Während Lena "Isch liebe Deutscheland" trällert und vom damaligen Ministerpräsident von Niedersachsen und heutigen Bundespräsident Christian Wulff mit den Worten: "Willkommen zurück auf deutschem Boden!" nach ihrer Rückkehr begrüßt wird, müssen Menschen aus anderen Ländern nach wie vor - und jedes Jahr mehr - Angst vor Faschist_innen und Neonazis haben, ebenso aber auch alle anderen, die nicht ins Weltbild der Nazis passen.

Kein Bock, danebenzustehen während Deutschland im bierseligen Nationstaumel die letzten 70 Jahre vergisst und mit den Augen auf der Leinwand nicht mitbekommt, wenn hinter der Masse der nächste Mensch den deutschen Nationalismus am eigenen Leib erfährt. Kein Bock, Teil eines nationalen Kollektivs zu sein. Und auch kein Bock mehr auf Bierdosen im Deutschland-Look, mit deren Inhalt uns schwarz-rot-gold bemalte, mit Deutschland-Schweißbändern ausgerüstete nationale Idioten überschütten. Kein Bock auf Tradition, Volksmusik und Trachten. Kein Bock auf Deutschland. Kein Bock auf Rassismus. Kein Bock auf Sexismus. Kein Bock auf Antisemitismus. Kein Bock auf Islamophobie. Kein Bock auf Nazis. Kein Bock auf Nation. Nirgendwo.

GRUPPE LI.LA DÜSSELDORF
INFO [at] LILA-DUESSELDORF.DE

1 Stöffler, C.: Das Ende der Schadenfreude. In: M. Fessmann, K. Topp und W.N. Krigs (Hg.): L'Allemagne Deux Points. Ein Kniefall vor dem Grand-Prix, Berlin 1998, S. 138-143, hier: S. 142
2 Wolther, I.: "Kampf der Kulturen". Der Eurovision Song Contest als Mittel national-kultureller Repräsentation, Würzburg 2006, S. 128
3 Ebd., S. 230-231
4 Ebd., S. 131-132
5 Ebd., S. 217
6 Ebd., S. 71
7 Caborn, J.: Die "Selbstbewusste Leichtigkeit" des neuen deutschen Seins. Geschichte und Selbstbewusstsein im neuen Nationsdiskurs In: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hg.): Irsinn der Normalität. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus, Münster, 2009, S.88-106, hier: S. 88
8 Wolther: "Kampf der Kulturen", S. 233