Leben und Sterben in Ancona
Von Nanni Moretti als bekanntestem politischen Filmemacher Italiens hätten
viele sich in diesem Jahr eigentlich ein Berlusconi gewidmetes Werk gewünscht.
Stattdessen widmete er sich in seinem neuen Film mit dem Tod einem gern als
"ewig" bezeichneten und als entsprechend unpolitisch erachtetem Thema.
Man richtete sich bei "Das Zimmer meines Sohnes" also auf ein Melodram
ein, das einen in den emotionalen Schwitzkasten nimmt und zu einer tränenreichen
Kapitulation vor den tragischen Weltläufen zwingt. Zu Herzen geht die Geschichte
über eine gut situierte Familie - Vater Psychoanalytiker, Mutter Verlegerin
- , die ihren Sohn Andrea bei einem Tauchunfall verliert, dann auch wirklich.
Aber sie ist nicht auf Überwältigung aus. Wie sehr "Das Zimmer
meines Sohnes" sich von konventionelleren ästhetischen Formen des
Umgangs mit dem Tod unterscheidet, erschließt sich erst durch den Schluss.
Im letzten Teil lässt der Film sich nämlich einfach treiben und verwandelt
sich unvermittelt in einen Road Movie. Damit unterläuft er die Anforderung,
dem Unglück einen Sinn abzuringen, schafft es jedoch gleichwohl, mit dem
traurigen Ereignis auf eine Weise zu Rande zu kommen, die sogar noch ein vorsichtiges
Bekenntnis zum Leben enthält.
Von diesem Ende her betrachtet, erscheint es als schlüssig, dass Regisseur und Hauptdarsteller Nanni Moretti sich anbietende Erzählfäden nicht aufnimmt, um den Tod darin zu verweben und ihm so etwas von seiner Ungeheuerlichkeit zu nehmen. Der Regisseur betreibt kein Tauschgeschäft mit dem Schicksal, das den Verlust mit etwaigen späteren Gewinnen verrechnet. So wächst die Familie über die schmerzliche Erfahrung nicht etwa enger zusammen. Die Hinterbliebenen entfremden sich vielmehr voneinander, da jeder einen anderen Weg der Trauerarbeit wählt. Der Vater will sich mit dem Tod nicht abfinden. Er sucht nach Defekten in der Tauch-Ausrüstung und gibt sich eine Mitschuld am Sterben seines Sohnes. Hätte er den besagten Tag wie geplant mit Andrea verbracht, statt auf den Notruf eines Patienten zu reagieren, wäre alles ganz anders gekommen, wirft Giovanni sich vor. Seine Frau gibt sich völlig ihrer Trauer hin. Als die Familie später einen Brief von der Urlaubsbekanntschaft ihres Sohnes erhält, klammert Paola sich mit einer Inbrunst daran, als würde Andrea in der Verfasserin weiterleben. Die Tochter hingegen reagiert sehr diszipliniert. Sie weint nur im Verborgenen und versucht die Normalität des Familienlebens aufrechtzuerhalten. Einmal jedoch, während eines Basketball-Spiels, bricht ihre Anspannung sich Bahn.
Auch einer anderen dramaturgischen Bewältigungsstrategie verweigert sich
der Film. Giovanni wird kein besserer Psychoanalytiker, dadurch dass er durch
das am eigenen Leib erfahrene Leid mehr Verständnis für das Leid seiner
Patienten aufbrächte. Der konträre Fall tritt ein. Sein Schmerz versperrt
ihm den Zugang zu dem der anderen. Gegen den Mann, der ihn am Unglückstag
zu sich rief, entwickelt er sogar regelrechte Aggressionen. Giovanni zieht daraus
schließlich die Konsequenz, vorerst nicht weiter zu praktizieren.
Ebenso wenig vermag die Religion über den Verlust hinwegzuhelfen. Von den
Trauerfeierlichkeiten zeigt der Film detaillierter nur den profansten Teil:
Das Zuschweißen des Sarges. Die - gar nicht einmal so unpassenden - Sätze
des Pfarrers über die Grenzen der Macht Gottes, Leid und Unrecht Einhalt
zu gebieten, regen Giovanni noch lange später auf. Bleibt nur, was Moretti
auch in seinen früheren Filmen immer blieb, Sport und Musik. Beim Laufen
erwachen die im Körper steckenden Lebensgeister wieder ein wenig. Und den
Brian Eno-Song "By this River" setzt der Regisseur so unverblümt
plakativ ein, dass er sich wie ein schwerer, alles erdrückender Trauerflor
über die Bilder legt und auf diese Weise für eine Katharsis sorgt.
In dieser Welt der Kontingenz, in der jeden jederzeit ein Unglück ereilen
kann, wie Moretti in einer dem Tod Andreas unmittelbar vorausgehenden Szenenfolge
andeutet, wo alle Familien-Mitglieder kurz in eine brenzlige Situation geraten,
steht ein wirkungsvolleres Instrumentarium gegen den Lebensschmerz nicht zur
Verfügung. Selbst als Psychoanalytiker belässt es Giovanni bei ganz
pragmatischen Tipps. Einem unter einem überstarken Sexualtrieb leidenden
Mann, den die Angst umtreibt, eines Tages über ein kleines Mädchen
herzufallen, rät er, statt des obligaten Pornos doch einmal einen anderen
Film anzuschauen; einer zwangsneurotischen Frau macht er den Vorschlag, sich
sportlich zu betätigen. Nie steigt er tief ins Innere seiner PatientInnen
herab, um die vergangenen Kränkungen und Verletzungen durchzuarbeiten.
Eine gewisse Hilflosigkeit drückt sich in der Inadäquatheit dieser
so bescheidenen, diesseitigen Mittel gegen die verschiedenen Nöte aus.
Ein Pessimist ist Nanni Moretti jedoch nicht. Er glaubt zwar nicht an die Fähigkeit
des Menschen, durch eigene Handlungen seine Geschicke zu bestimmen, dafür
aber an das Leben an sich und seine Heilkraft. Deshalb spielen bei ihm die Zeit,
der Körper und die Bewegung eine große Rolle und nehmen seine Filme
häufig die Form einer Chronik oder eines Tagebuchs an, statt eine sinnfällige
Geschichte zu erzählen. Was Moretti in seinem vorvorletzten Werk "Liebes
Tagebuch" auch gegen seinen Juckreiz unternahm, der, wie später festgestellt
wurde, von einem gutartigen Tumor in der Lunge herrührte, Hautklinik, die
Konsultation einer medizinischen Kapazität, Fußreflexzonen-Massage,
Akupunktur und schließlich Bestrahlung, mehr als alles andere war es die
Zeit, die die Erkrankung zum Abklingen brachte. Deshalb brachte er von seiner
Odyssee durch das Medizin-System nur einen mageren Erfahrungsschatz mit: "Es
tut gut, morgens vor dem Frühstück ein Glas Wasser zu trinken."
Ähnlich verhält es sich in seinem neuen Film. Die Figuren plagen sich
mit ihrer Trauerarbeit ab, während die Wochen verstreichen, und am Schluss
fusionieren diese beiden "Erzählstränge" im Roadtrip der
sich auf einmal seinsvergessen vorwärts treiben lassen könnenden Familie
- und plötzlich lastet etwas weniger schwer auf ihren Seelen. Nix Neues
über den Tod bietet "Das Zimmer meines Sohnes" also, aber ein
so offenes, genaues, manchmal entwaffnend einfaches und elementares Kino, das
es der Realität weit eher auf die Spur kommt als die ganzen aufgepeitschen,
fiebrigen Handkamera/Video-Exerzitien dieses Jahres.
www.terz.org - 29.10.2001