movieProletkult: Kaurismäkis
"Der Mann ohne Vergangenheit"
Noch weniger hatten die Protagonisten von Kaurismäki nie:
Die Hauptfigur in seinem neuen Film ist nach einem Raubüberfall nicht nur
ohne Gedächtnis, sondern auch ohne Geld, Arbeit und Wohnung mutterseelenallein
im fremden Helsinki. Aber sie findet bald Unterschlupf bei den Mittellosen,
richtet sich in einer Wellblech-Hütte häuslich ein, verliebt sich
während einer Armen-Speisung in eine Heilsarmeeistin und hat dann allerlei
Abenteuer mit den Institutionen zu bestehen. Wenn Aki Kaurismäki sich der
Mühseligen und Beladenen annimmt, hat das nichts Bemühtes oder Paternalistisches.
Weil die Armen das natürlichste Sujet seiner "armen" Kunst darstellen,
wirkt der Film sogar cool, was schon etwas heißen will in der heutigen
Zeit. Der Kargheit seiner Ästhetik entspricht die Kargheit ihrer Lebensumstände,
ihrer Gradlinigkeit die entwaffnende Offenheit ihrer "Ich bin ein Verlierer"-Bekenntnisse,
ihrer Lakonie ihre Stummheit, ihrer Glamourophobie ihre Allerweltsgesichter
und ihrer Suche nach dem Wesentlichen ihre einfache Sprache des Herzens. Diese
Wahlverwandtschaft lässt ein so banales Wort wie "danke" ganz
schwer wiegen und die Liebe bisweilen so hell leuchten wie zu Stummfilm-Zeiten.
Und bei Kummer hilft noch der Blues. Kompliziert sind immer nur die anderen,
die Mittelschichtler mit den schmutzigen Geheimnissen ihrer Ehe-Betrügereinen
oder die Arbeitsamt-Bürokraten. Ihnen gehört auch die Sprache. Von
der Paragrafen-Kaskade des juristischen Disputes zwischen Polizei-Beamten und
Rechtsanwalt versteht der zu Unrecht inhaftierte "Mann ohne Vergangenheit"
nicht die Bohne. Mit dieser Sicht auf die Dinge läuft der Regisseur allerdings
Gefahr, nicht so sehr für die Armen als vielmehr für die Armut selbst
Partei zu ergreifen, weil sie ihm Quell der Wahrhaftigkeit ist. Seinem Namenlosen
gefällt das einfache Leben dann auch mehr und mehr. So hat er bedeutend
mehr zu verlieren als seine Ketten - seinen uncool-coolen Lifestyle und die
Reinheit seines Herzens nämlich. Rebellion liegt ihm deshalb fern. In Wirklichkeit
geht es bei den Verdammten der Erde verständlicherweise natürlich
weit weniger pittoresk und gemütlich zu. Dass Kaurismäki dies im Grunde
gut weiß, macht sein Werk zu einem etwas schalen Vergnügen.
JAN
www.terz.org - 24.9.2002