USA, Irak und die deutsche Linke
Die Einschätzungen über den angekündigten US-Angriffskrieg auf
den Irak sind kontrovers: Nachdem wir in der letzten TERZ mit drei Beiträgen
den Auftakt zur Diskussion gegeben haben (siehe www.terz.org), wollen wir uns
diesmal auf das Feld von PRO und CONTRA innerlinker Debatten um die Positionierungen
der sog. Antideutschen begeben. Martin, ein Aktivist in antideutschen Gruppen,
kritisiert die TERZ-Stellungnahmen und Al C. antwortet.
Was reitet wohl einen Terz-Redakteur, wenn er sich gleich viermal innerhalb
weniger Absätze von seinen eigenen, teilweise überaus vernünftigen
Schlußfolgerungen distanziert? Nicht nur der unmittelbar folgende Artikel
von AL C (TERZ v. Oktober 2002, S.13.), sondern Fehri selbst gibt das Stichwort:
Nur "nicht ins antideutsche Horn tröten", bzw. unter den Verdacht
geraten, dies zu tun (S.12).
AL Cs hilfloser Versuch, "sog. antideutschen Zirkeln" bzw. der Zeitschrift
bahamas "Holocaust-Verharmlosung" sowie mehr oder weniger direkte
Unterstützung imperialistischer und rassistischer Politik unterzuschieben,
beruht einerseits auf Unterschlagung oder Verfälschung "antideutscher"
Quellen, andererseits schlicht auf falschen Behauptungen. AL C nennt drei Argumente,
weshalb zum einen der "drohende US-Angriffskrieg auf den Irak" nicht
als "Notwendigkeit zum Schutze Israels verkauft" werden dürfe
(wie es, wenn man so will, die bahamas ja auch tatsächlich tut). Der andere,
für AL C wichtige Punkt - "die US-Parole vom Krieg der ,Zivilisation
gegen Barbarei´ wird dort [bei den Antideutschen, M.] WÖRTLICH genommen"
[Hervorheb. M.] -, ist eine dreiste Behauptung in der Hoffnung, die Leserschaft
werde den Unsinn einfach schlucken; im Kontext eines Begriffs einer Dialektik
von Zivilisation und Barbarei allerdings, und nur so ist sie von Seiten der
bahamas gemeint, ist die Parole durchaus nachvollziehbar. Gerade die Erkenntnis
von der Vermitteltheit von Aufklärung und ihrem Rückfall in ihr Gegenteil
verbietet deren Identifizierung bzw. eine Ineinssetzung von westlicher Welt
und dem zu kurz gekommenen Rest (der leider vornehmlich reaktionär und
antisemitisch, eben "barbarisch", gegen die Verhältnisse meint
sich zur Wehr setzen zu müssen).
Jedenfalls stellt Fehri die richtige Frage: "Könnte es nicht sein,
dass die USA mit den falschen Motiven nicht vielleicht trotzdem das Richtige
tun?" Nur sollte Fehri auch auf seine Mündigkeit vertrauen, diese
Frage auch zu beantworten.
Zu den drei "Argumenten" AL Cs:
1.) Selbst wenn die US-amerikanische Außenpolitik "je nach Anlass
auch konträr" zur israelischen Außenpolitik verliefe, wie AL
C behauptet, ist dies kein Argument gegen die Tatsache, daß der Irak wohl
die derzeit größte militärische Bedrohung Israels von außen
darstellt, und die Beseitigung des Baath-Regimes daher auch der Sicherheit des
zionistischen Staates zugute käme. Die bahamas behauptet keineswegs eine
absolute Interessensidentität zwischen Israel und den USA, wie AL C der
Zeitschrift unterzuschieben versucht, sondern eine relative, der jüngeren
politischen Entwicklung geschuldete: "Es ist weder ein imperialistischer
Masterplan noch Altruismus, der die USA nötigt, gegen diese Allianz des
Schreckens Stellung zu beziehen..." Den USA sei ein Feind erwachsen, "mit
dem nicht um soziale Errungenschaften zu konkurrieren ist, der kein berechenbares
oder verwandtes Ziel verfolgt. (...) US-Amerikaner beginnen zu verstehen, daß
die weltweite Befriedigung über den islamischen Terror sie den am meisten
Bedrohten, den Juden und ihrem Staat, immer näher bringt. (...) Nur kann
die USA versuchen, sich anders zu besinnen und nochmals ein Appeasement... zu
wagen. (...) Beide Varianten sind möglich, auch wenn derzeit mehr für
die antiirakische Option spricht..." (bahamas Nr. 39, S.29 f.)
2.) Daß erst ein US-amerikanischer Krieg eine "unkontrollierte Bedrohung
für Israels Bürger" in Bezug auf "Terroranschläge"
darstelle, ist ja wohl ein schlechter Witz: Woher kommen dann die rund 600 toten
Israelis innerhalb der letzten zwei Jahre? Wenn AL C die "Gefahr eines
kriegerischen Flächenbrandes" als Gefährdung Israels beschwört,
kann das Argument auch umgedreht werden: Man müsste fragen, ob nicht gerade
die Tatsache, daß Saddam Hussein bereits der 2. Golfkrieg Anlaß
war (nicht Grund!, denn den kann es vernünftigerweise nicht geben), das
nicht-kriegsbeteiligte Israel zu bombardieren, oder auch die Tatsache, daß
er als Finanzier des Al-Aksa-Terrors faktisch längst wieder Krieg gegen
Israel führt, die Beseitigung des Baath-Regimes notwendig macht.
3.) Das dritte Argument AL Cs, das des "zerstörerischen Potenzials
der militaristischen US-Außenpolitik", unterstellt eine Identität
von "innen- und außenpolitisch rassistischen Komponenten" einerseits
und "militaristischem Hyperimperialismus" andererseits (was immer
das auch sein mag). AL C stellt einen nicht weiter erklärten Zusammenhang
her zwischen Rassismus gegen Afroamerikaner und dem "Interesse des transnationalen
Kapitals und dessen Umsetzung auch unter militärischen Gesichtspunkten."
Gerade im Gegensatz zur noch immer andauernden Tradition deutscher Außenpolitik,
die sich an völkischen Kategorien orientiert (z.B. bei der Zerschlagung
Jugoslawiens), richten die USA außenpolitisch sich nach der instrumentell-vernünftigen
Maßgabe der Selbsterhaltung. Und dieses Interesse besteht nicht immer
nur in erfolgreicher Kapitalverwertung, sondern eben auch in dem Erhalt der
Bedingung der Möglichkeit von Kapitalverwertung: Der handgreifliche Schutz
des eigenen Gemeinwesens und seiner Bürger vor kriegerischen Angriffen
von außen.
"Falls Saddam Hussein, der mit Abstand aggressivste Despot auf dem Globus,
sein Waffenarsenal ungestört aufbauen kann, folgt daraus zwangsläufig
zweierlei: Zum einen werden sie früher oder später eingesetzt, und
zum anderen wird es weltweit einen allgemeinen Rüstungswettlauf mit diesen
Waffen geben." (Walter Laqueur in: Die Welt, 17.9.02, S. 5) Weil der Antisemitismus
in Form des nicht nur verbalen Kampfes gegen Israel und die USA im Zentrum der
Baath-Ideologie steht, sind auch die Opfer einer möglichen irakischen Aggression
quasi "vorprogrammiert". Dabei sind - entgegen AL Cs Behauptungen
- dem "irakischen Diktator der Islam oder das Palästinenser-Problem"
sehr wohl "real von Bedeutung". Die gegen Juden als Verkörperung
einer erfolgreichen und überlegenen Moderne gerichtete konformistische
Revolte im Nahen Osten changierte nämlich immer schon zwischen panarabischem
Nationalismus einerseits und dem Islamismus andererseits, was auch "erklärt",
weshalb erst vor einem Jahr das höchste Exekutivorgan des doch eigentlich
säkularen Iraks ein Dekret zur Einführung der Todesstrafe für
die Tatbestände der Prostitution, der Homosexualität, des Inzests
und der Vergewaltigung eingeführt hat.
MARTIN
www.terz.org - 29.10.2002