Am Dienstag, den 21. Oktober, erhielt die Düsseldorfer Konzernzentrale
der LTU in der Parsevalstraße überraschenden Besuch von demonstrierenden
AntirassistInnen. Sie protestierten gegen einen am darauffolgenden Tag angesetzten
Abschiebeflug nach Istanbul. Die MitarbeiterInnen der LTU wurden mit Flugblättern
und einem Redebeitrag über die Aktivitäten ihrer Firma im Geschäftsfeld
Abschiebungen informiert. Die Annahme eines original Airbusmodells mit LTU-Deportation-Class-Logo'
wurde von Seiten der LTU-Geschäftsführung leider verweigert. Bereits
im Juli gab es anlässlich eines Abschiebefluges eine spontane Demonstration
im Abflugterminal des Düsseldorfer Flughafens, und auch das diesjährige
antirassistische Grenzcamp in Köln machte im August mit einem eigenen Aktionstag
gegen den Abschiebeflughafen Düsseldorf Front.
Doch die LTU zeigt sich bisher von den Protesten wenig beeindruckt und hält
eisern am schmutzigen Geschäft mit den Abschiebungen fest. Ungefähr
im Monatsrhythmus starten vom Düsseldorfer Flughafen gecharterte LTU-Maschinen
als sog. Rückführungsflüge nach Istanbul. Bei den monatlichen
Sonderflügen werden jeweils ungefähr hundert Menschen abgeschoben.
Mindestens neun solcher Abschiebeflüge wurden im Laufe des letzten Jahres
mit LTU-Maschinen und -Personal durchgeführt. Die LTU bewirbt sich aktiv
bei der Düsseldorfer Charterfirma Air Traffic GmbH' um jeden einzelnen
dieser Flüge, für die sie jeweils ungefähr 50.000 Euro erhält.
Sie stellt ihre Flugzeuge und ihr Bord- und Bodenpersonal zur Verfügung,
während Air Traffic' im Auftrag der Landesregierung NRW für
die gesamte organisatorische Abwicklung der Abschiebeflüge sorgt. Da die
LTU in ihrem touristischen Kerngeschäft nicht ausgelastet sei, rechtfertigte
sich die LTU-Unternehmensspitze in einem Gespräch mit den protestierenden
AntirassistInnen, sei das marode Unternehmen im Rahmen des Sanierungsprogramms
auf das Geschäftsfeld Deportationsflüge' angewiesen. "Damit
haben wir das Jahresgehalt eines unserer Mitarbeiter gesichert," so der
LTU-Geschäftsführer Jürgen Marbach.
Abschiebe-Airport Düsseldorf
Die monatlichen Rückführungsflüge' nach Istanbul sind Teil
der Abschieberoutine auf dem Düsseldorfer Flughafen. Allein im Jahr 2002
liefen über den Flughafen Düsseldorf insgesamt 5.919 Abschiebungen.
Damit ist Düsseldorf nach Frankfurt der zweitgrößte Abschiebeairport.
Über den Flughafen Düsseldorf werden die meisten Sammel- und Charterabschiebungen
in der Bundesrepublik abgewickelt. Routinemäßige Abschiebeflüge
gibt es auch alle zwei Wochen mittwochs nach Belgrad und donnerstags nach Pristina.
Organisiert werden diese Flüge durch das Land NRW, wobei sich regelmäßig
andere Bundesländer beteiligen.
Abgeschoben werden oft ganze Familien mit ihren Kindern. Viele dieser Familien
leben häufig bereits länger als zehn Jahre in der Bundesrepublik.
Die Kinder sind also hier geboren und deutschsprachig aufgewachsen. Zu ihrem
Herkunftsland haben sie keinerlei Beziehungen mehr. Die Betroffenen werden regelmäßig
in sogenannten unangemeldeten Aktionen' auf dem Ausländer- oder Sozialamt
oder in ihren Wohnungen festgenommen und dann direkt zum Flughafen verschleppt.
Sie haben weder die Möglichkeit, einen Anwalt zu informieren, noch können
sie ihren persönlichen Besitz oder ihre Ersparnisse mitnehmen. Am Zielflughafen
landen sie dann völlig mittel- und orientierungslos.
Auch schwer kranke und akut behandlungsbedürftige Menschen werden abgeschoben,
da die lokalen Ausländerämter regelmäßig ärztliche
Atteste über die Reiseunfähigkeit der Flüchtlinge ignorieren.
Sollten Betroffene sich gegen diese unmenschliche Behandlung wehren, kommt es
zur Anwendung unmittelbaren Zwangs' von Seiten der Sicherheitskräfte.
Die Flüchtlinge werden dann durch den Bundesgrenzschutz oder private Sicherheitsdienste
gefesselt und mit Gewalt ins Flugzeug transportiert. In der Vergangenheit ist
es bei solchen gewaltsamen Abschiebungen immer wieder zu Todesfällen gekommen.
Allein in Düsseldorf scheiterten im letzten Jahr 94 Abschiebeversuche am
massiven Widerstand der Betroffenen.
In der Türkei droht vielen Betroffenen, insbesondere denjenigen kurdischer
Herkunft, politische Verfolgung und im Extremfall sogar Folter. Von Menschenrechtsorganisationen
werden immer wieder Fälle dokumentiert, in denen Abgeschobene direkt auf
dem Istanbuler Flughafen verhaftet wurden und danach verschwunden blieben. Die
deutschen Behörden kümmert das wenig. Nach der neuesten Rechtsprechung
des Bundesverfassungsgerichtes ist auch die im Heimatland drohende Folter kein
Abschiebehindernis mehr.
Konzept Imageverschmutzung
Ein imagebewusster Ferienflieger wie die LTU, der sich ansonsten gerne mit seinem
Engagement zur Rettung des Regenwaldes brüstet, muss sich gut überlegen,
ob er nicht aus dem schmutzigen Geschäft mit den Abschiebungen aussteigt.
Schließlich haben die Abschiebeflüge für die Firma keine große
wirtschaftliche Bedeutung. Der bei einer internationalen Kampagne und entsprechenden
Medienberichten drohende Imageschaden könnte demgegenüber schmerzhafter
ausfallen. In verschiedenen europäischen Ländern haben sich in der
Vergangenheit bereits große Fluggesellschaften aufgrund des öffentlichen
Drucks aus dem Abschiebegeschäft zurückgezogen: so z.B. die Airline
Sabena in Belgien, die Firma Martin Air in den Niederlanden oder die rumänische
Tarom.
Die AntirassistInnen aus NRW fordern jedenfalls den sofortigen Stopp der Abschiebeflüge nach Istanbul und den öffentlich erklärten Ausstieg der LTU aus dem Abschiebegeschäft. Solange dies nicht geschieht, wollen sie weiterhin den Ferienflieger LTU als Abschiebeairline outen. Vorbild ist dabei die erfolgreiche deportation-class'-Kampagne von Kein Mensch ist illegal' u.a. antirassistischen Gruppen gegen die Deutsche Lufthansa. "Solange die LTU an dem Geschäftsfeld Deportationsflüge' festhält, werden wir mit unserer Imagebeschmutzung fortfahren", verspricht Iris Müller, Sprecherin der LTU-Deportation-Class-Kampagne'.
www.terz.org - 1.11.2003