Seit einiger Zeit hat Attac sich des Themas "Soziales" angenommen
und wie Werner Rätz ausführte, gebe es bei Attac Kräfte, die
"tatsächlich über die kapitalistische Logik hinausgehen"
wollen. Ob er sich selbst dazu ordnet, ließ er im Dunkeln, aber er ging
sogar so weit, vom herkömmlichen Arbeitsbegriff abzugehen, und schwärmte
von der Umwandlung der Arbeit zu einer Tätigkeit, welche dem Menschen dann
als angenehme Beschäftigung gelten könne. Bei einem staatlich garantierten
und passablen Einkommen unabhängig von der Arbeitsleistung. Das ist eine
verlockende Vorstellung. Hat doch auch schon der alte Marx von solchen Perspektiven,
allerdings im Kommunismus, gesprochen.
Doch bevor Werner Rätz zu solch schönen Vorstellungen kam, geißelte
er die Vorschläge, Gesetzesinitiativen und Beschlüsse diverser Kommissionen,
Regierungsfraktionen und Oppositionsparteien in Bausch und Bogen. Unter der
Prämisse, die der Bevölkerung pausenlos um die Ohren geschlagen wird,
dass der Staat pleite sei, die Sozialsysteme zusammenbrechen - also alles den
Bach herunterginge, werden von Regierung und in Abweichung in einzelnen Details
auch von der Opposition die vorgeschlagenen Maßnahmen (Agenda 2010, Hartz
I - IV, Rürup, Herzog etc.) durchgezogen. Ein Vorgang, so Rätz, in
dem die ganze Richtung nicht stimme. Bisher konnte man z.B. nicht unter das
Sozialhilfeniveau gedrückt werden. Durch die "Reformen" und den
Wegfall der Arbeitslosenhilfe hin zum Arbeitslosengeld II werde der Druck auf
die unterste Ebene enorm verstärkt. Die "öffentliche Hand"
habe u.a. deswegen kein Geld mehr, weil die Regierung 2001 mit der Steuerreform
Unternehmensentlastung in Höhe von ca. 30 Mrd. Mark zwecks Weckung der
Investitionsbereitschaft betrieben habe. Doch die erwünschten Investitionen
erzielten nicht den von der Regierung erwarteten Effekt: Arbeitsplätze
wurden und werden weiterhin abgebaut und mitnichten neue geschaffen. Bei den
Regierungsfraktionen, so Rätz weiter, gebe es zwar einzelne Abgeordnete,
die den Gesamtpaketen widersprächen, wie z.B. Ottmar Schreiner, doch auch
diese seien gefangen von dem Grundkonsens, es sei kein Geld da.
Dem gegenüber machte Werner Rätz dem Publikum in Neuss eine andere
Rechnung auf. Geld sei da, es gelange nur zur Zeit ständig von der "öffentlichen
Hand" in viele private Hände (siehe oben). Zudem sei der Weg in die
private Kranken- und Rentensicherung völlig falsch. Statt dessen sollte
z. B. die Konkurrenz der gesetzlichen Krankenkassen verschwinden. Diese haben
in den vergangenen Jahren wegen eben dieser Konkurrenz eine enorme Kostensteigerung
bei den Verwaltungs- und Werbungsmaßnahmen auf das Doppelte verzeichnet.
Dies ginge voll zu Lasten der Versicherten, deshalb solle EINE gesetzliche Krankenversicherung
für alle her.
Da auf Grund der Entwicklung immer weniger Menschen immer mehr Reichtum produzieren,
also immer weniger Leute in die gesetzlichen Kassen einzahlten, gebe es tatsächlich
ein Finanzierungsproblem. Deshalb sollen grundsätzlich die Gewinne der
Unternehmen mit einbezogen werden. Nicht unbedingt verkehrt argumentiert er,
dass die Unternehmen für die Entstehung der Krankheiten mit verantwortlich
seien, und von daher sei es auch gerechtfertigt, dass sie in die Kasse einzahlen
sollten.
Tja, dann taucht natürlich die Frage auf, wie solche Einsichten und Forderungen
in praktische Politik umgesetzt werden können. Und da sieht es schon ziemlich
flau aus. Nach Attac soll eine "gesellschaftliche Mehrheit geschaffen werden,
um eine Umkehr (im obigen Sinne, HPJ) einzuleiten", so Werner Rätz
auf der Veranstaltung. Das bleibt ganz schön im Schwammigen, zumal Rätz
selber davon spricht, dass der Alltagsverstand eben nur für kleine Änderungen
à la Ottmar Schreiner zu haben ist. Es bleibt die Frage: Wer ist der
Adressat der Attac-Forderungen, und - viel wichtiger - wer soll diese durchsetzen?
Also: Wenn man bei Attac inzwischen so weit ist, vom Kapitalismus zu reden,
sollte man auch tiefer einsteigen in die Fragen: Wer steht wo im Produktionsprozess?
Was ist im Kapitalismus die Rolle des Staates und des Parlamentes, bzw. die
Rolle der "Demokratie" etc. pp.
Dann wäre auch Schluss mit der Vorstellung, wie sie am 18. Oktober auf
dem Attac-Kongress in Aachen formuliert wurde: "Wir vertrauen auf die 'sozialen
Bewegungen', die auf die Parteien (von denen sich die Attac-Leute ja gerade
abgewendet haben, HPJ) einwirken sollen, um andere Verteilungsmodelle durchzusetzen."
(ARD-Tagesthemen v. 18.10.03). Woher das Vertrauen? Der Alltagsverstand der
Massen entspringt doch dem täglichen Tun, das beinhaltet fremdbestimmt
und marktgerecht zu funktionieren.
Appelle an die Herrschenden, doch bitte Einsicht zu zeigen und vernünftig
zu regieren - das ist der Kleinbürger-Sozialismus, den schon Marx gründlich
kritisiert hat.
HPJ