Die Wohnungsgenossenschaft hat den BesetzerInnen viel Arbeit abgenommen: Durch
Aktionen, Sprühereien und öffentlichen Protest gewarnt, ließ
sie die Häuser sichern. Alle leerstehenden Wohnungen wurden zugemauert,
Steine für die Behausungen der restlichen MieterInnen lagen schon bereit.
Trotzdem konnte sie das Befürchtete nicht vereiteln. Bis Mittags ist jedoch
fraglich, ob die BesetzerInnen ihr gerade erobertes Haus halten können
- die Polizei will die Aktion zunächst schnell beenden. Es kommt zu einem
Tumult auf der Straße, als diese gesperrt werden soll, MitbürgerInnen
und AnwohnerInnen wollen nicht gehen. Die Polizei sucht hinter dem Haus nach
Möglichkeiten zu stürmen. Auch dort trifft sie auf Widerstand. Dann
wechselt der Kurs - die Entschlossenheit der BesetzerInnen und die Solidarität
der Bevölkerung sind zu groß.
Nach gut einer Stunde ist klar: Von einer gewaltsamen Räumung durch ein
SEK wird abgesehen - keine Gefahr in Verzug. Nachdem die Straßensperrung
aufgehoben wurde, entspannt sich die Lage. Die BesetzerInnen schwärmen
vom sehr guten Zustand der Wohnungen ("Ihr würdet sofort hier einziehen")
und wollen ganz allgemein erreichen, das die Häuser nicht abgerissen werden.
Konkret fordern sie ein Gespräch mit der Genossenschaft über einen
möglichen Erhalt der Häuser (s. Interview). Da der Vorstand zunächst
nicht erreicht wird, bleibt die Besetzung straffrei und wird von einer Dauerkundgebung
mit Lautsprecherwagen begleitet.
Zwei VertreterInnen des Vorstandes, Adelheid Kress und Peter Braun, erscheinen
dann doch am frühen Abend. Erst als Pfarrer Torsten Nolting, Leiter der
Düsseldorfer Diakonie, sich als Moderator anbietet, stimmen sie einem Gespräch
mit den BesetzerInnen am nächsten Vormittag zu. Einziges Angebot: Entweder
ihr zieht freiwillig ab, oder wir lassen Euch räumen. Die NRZ wird den
Standpunkt von Frau Kress am nächsten Tag treffend zitieren: "Die
Häuser werden abgerissen. Basta."
Später findet ein Sonntagsspaziergang durch Bilk statt. Es wird auf die
Prozesse hingewiesen, mit der die Genossenschaft die verbleibenden MieterInnen
aus der Wohnung klagen will. Man zieht an einer Häuserzeile auf der Suitbertusstraße
vorbei. Sie ist in den 1980ern auf den Ruinen intakter, gut erhaltener Altbauwohnungen
errichtet worden. Eigentümerin: Die Düsseldorfer Wohnungsgenossenschaft.
Eine Protest-Besetzung ließ sie damals gewaltsam räumen.
Gegen 20:30 fällen die BesetzerInnen ihre Entscheidung: Sie werden gehen.
Mit der Genossenschaft läßt sich nicht weiter verhandeln. Man hat
eine solidarische Bevölkerung erlebt. Mit einer aufmerksamen Presse in
allen lokalen Tageszeitungen und guter Informationsarbeit im Viertel ist das
Thema Binterimstraße wieder präsent. Nun heißt es Kräfte
sammeln und weiter für den Erhalt der Häuser kämpfen!
Montag Abend, 21.30. Alles ist ruhig auf der Binterimstraße. Das Schicksal
der Häuser ist weiterhin offen. Für einen langen Moment war der Funke
spürbar. Sich nicht alles gefallen lassen; Widerstand leisten; die Genossenschaft
dazu bringen, sich öffentlich zu verhalten; den Abriß verhindern
und immer wieder:
Nicht die Besetzung leerstehender Häuser ist kriminell, sondern das leerstehen
lassen und das Abrißvorhaben der Düsseldorfer Wohnungsgenossenschaft.
HILLE E.
Terz sprach mit BesetzerInnen der Binterim 28.
Terz: Als erstes würden wir gerne wissen: Wie kam es zu der Aktion?
B: Nachdem öffentlicher Protest von der Düsseldorfer Wohnungsgenossenschaft
ignoriert wurde und die ersten Räumungsklagen gegen die restlichen MieterInnen
vorlagen, war uns klar: Es muß gehandelt werden. Mit der Besetzung wollten
wir einen größtmöglichen Druck aufbauen, um für den Erhalt
der Häuser Binterimstraße 26 - 32 zu kämpfen. Ebenfalls sollte
am Beispiel der Binterimstraße aufgezeigt werden, wie preisgünstiger,
intakter Wohnraum in Düsseldorf vernichtet wird. Und das obwohl Düsseldorfs
Wohnsituation alarmierend ist: Die Mieten sind die höchsten in NRW; es
fehlen derzeit 5.500 Sozialwohnungen; ca. 15.000 Personen sind als Wohnungssuchende
gemeldet - Tendenz steigend. Dabei steht allein die Binterimstraße 28
seit einem halben Jahr leer. Wieder sollen 43 günstige Wohnungen (3,00
Euro der qm) wegfallen.
Terz: Ihr seid als Klone von OB Erwin aufgetreten. Warum?
B: Diese Maskierung erfüllte einen doppelten Zweck. Einmal ganz klar, damit
wir nicht erkannt werden. Und zweitens, weil auch hier OB Erwin seine Finger
im Spiel hatte. Er setzte die Mitglieder der Bezirksvertretung Bilk unter Druck,
für den Abriß zu stimmen. Er drohte ihnen, sie seien für die
Entscheidung persönlich haftbar. Außerdem ist er als OB für
die Wohnsituation in dieser Stadt mitverantwortlich.
B2: Zusätzlich finden wir, daß OB Erwin in dieser Stadt schon soviel
Scheiße gebaut hat, daß wir wenigstens seinem Konterfei mal zu einer
guten Aktion verhelfen wollten.
Terz: Wie verlief die Besetzung?
B: Wir sind sehr schnell und ohne Probleme in das Haus gekommen. Allerdings
kam es bald zu einer Auseinandersetzung mit übermotivierten Beppos. Ihr
Versuch, über den Hinterhof ins Haus zu gelangen, konnte zum Glück
abgewendet werden. Im Laufe des Tages wurde das Haus gesichert sowie verbarrikadiert,
und wir wendeten uns der Inneneinrichtung zu. Im Keller fanden wir Tische, Stühle,
einen Holzkohleofen, den wir anschlossen, sowie weitere tolle Sachen.
Terz: Wie war die Stimmung im Haus, und wie empfandet Ihr die Unterstützung
draußen?
B: Die Solidarität hat uns total gut getan und uns in der Wahl unserer
Aktion bestätigt. Schon kurz nach der Besetzung versammelten sich viele
UnterstützerInnen vor dem Haus und blieben bis in den späten Abend.
Bereits in den ersten Stunden erhielten wir von AnwohnerInnen Tee, Kaffee, Brötchen
usw.. Dies war natürlich gut für die Stimmung im Haus. Trotz Streßsituationen
und Anspannung waren wir ein super Team und hatten jede Menge Spaß in
unserem neu gefundenen Kollektiv. Besonders mit den Erwin-Masken hatten wir
viel Freude. Das Gespräch mit Pfarrer Nolting von der Diakonie und Ratsherr
Frank Laubenburg sowie die Pressekonferenz werden wohl beiden Seiten in ständiger
Erinnerung bleiben. Wann sitzt man schon mal einer solchen Masse Erwins gegenüber?
Terz: Die Wohnungsgenossenschaft war anfangs zu Gesprächen nicht bereit.
Erst nach Berichten im Fernsehen zeigte sich ein Teil des Vorstandes vor Ort.
Am Sonntag um 11.00 Uhr hattet ihr Verhandlungen. Wie verliefen diese?
B: Das Gespräch fand bei einer Mieterin der Binterimstraße statt.
Es kamen Adelheid Kress und Peter Braun vom Vorstand sowie Pfarrer Nolting als
Moderator. Herr Nolting wollte dabei nicht die Diakonie repräsentieren.
Frau Kress machte direkt deutlich, daß ihrerseits kein Gesprächsbedarf
bestehe und der Abriß feststehe. Sie behauptete, bereits seit 1990 die
Wohnungen nicht mehr an ihre Mitglieder vermieten zu können, da keine Nachfrage
bestünde. Wir machten auf die Wohnungssituation aufmerksam und betonten,
daß innerhalb und außerhalb der Genossenschaft ein großes
Interesse an den Wohnungen besteht. Von uns wurden mehrere Vorschläge zum
Erhalt der Häuser gemacht, z. B. Verkauf an die Stadt wie bei der Kaiserswerther
Straße oder Vermietung bzw. Verkauf an einen Verein für ein selbstverwaltetes
Projekt wie auf der Kölner Straße. Sie lehnten rigoros ab. Aufgrund
ihrer Genossenschaftsgesetze, sowie aus wirtschaftlichen Gründen und aus
Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern ginge dies nicht. Weiterhin verstrickte
Frau Kress sich in Widersprüche, indem sie behauptete, jedeR könne
Genossenschaftsmitglied werden. Dabei hatten die MieterInnen der Binterimstraße
genau das versucht und nie die Möglichkeit erhalten. Das einzige "Angebot"
der Genossenschaft nach 45 Minuten war straffreier Abzug oder Räumung am
Montagmorgen. Im Nachhinein haben wir es als Fehler empfunden, die Bedingung
des Vorstandes, ohne MieterInnen zu verhandeln, akzeptiert zu haben. Denn die
hätten uns helfen können, Widersprüche aufzudecken.
Terz: Warum habt ihr das Haus am Sonntagabend um 21:30 Uhr, begleitet von
vielen UnterstützerInnen, verlassen?
B: Wir diskutierten lange und ausführlich über diesen Punkt. Für
uns kam eine Räumung sowie freiwilliger Abzug in Frage. Letztlich waren
für uns die Erfolge entscheidend, die wir zu diesem Zeitpunkt bereits erreicht
hatten. Eine Eskalation hätte uns da nicht viel weiter gebracht. Momentan
finden Prozesse von MieterInnen gegen die Räumungsklagen statt, die öffentlichkeitswirksam
begleitet werden. Der freiwillige Abzug ist nicht das Ende des Protestes. Solange
solche Schweinereien in Düsseldorf stattfinden, kommen die "Erwine"
wieder. Wann, wo und mit welchen Mitteln bestimmen wir!
BiWoGe contra DüWoGe
Die profitorientierte Entmietungspraxis der Düsseldorfer Wohnungsgenossenschaft
(DüWoGe) in Bilk hat eine lange Geschichte...
Ein Rückblick
Bei der Bezeichnung Wohnungsgenossenschaft denken viele zunächst an ein
Modell von Wohnraumvergabe jenseits der Profitlogik. Die Geschichte der DüWoGe
zeigt jedoch, dass auch derartige Vereinigungen an der Umgestaltung des Stadtteils
Bilk zu einem Viertel mit immer teureren Mieten unter der Maßgabe sozialer
Verdrängung ("Gentrification") aktiv mitgewirkt haben.
Ende der siebziger Jahre begann dieser Prozess sozialer Verdrängung und
steigender Mieten im Zuge einer Stadtplanung im Interesse kapitalistischer Umstrukturierung
der Stadt. Die Folge: Leerstand von Wohnraum und steigende Zahl von Wohnungssuchenden
mit geringem Einkommen. Dies war auch in Düsseldorf der Anlass für
die Hilfe zur Selbsthilfe - den Häuserkampf.
Am 4.4.1981 wurden die Häuser auf der Suitbertusstraße 122 und 122
A besetzt. Der Gebäudekomplex der Häuser Nr. 120 - 124 befand sich
zu jener Zeit im Besitz der DüWoGe, welche diese Häuser seit Jahren
nicht mehr renovierte, etliche Wohnungen leerstehen und schließlich die
Fenster in den Parterrewohnungen zumauern ließ. Obwohl die Bausubstanz
der Häuser nach unabhängigen Gutachten in einem akzeptablen Zustand
waren, wurden keine Renovierungsarbeiten an den Häusern mehr durchgeführt,
um den Abriss der Häuser beschleunigen zu können. Dem Abriss kam zunächst
für ein Jahr eine Initiative mit dem schönen Namen BiWoGe durch Besetzung
zuvor, was soviel bedeutete wie "Bilker Wohnraum-Rettungsgenossenschaft".
Besetzerinnen und Besetzer zogen mit Kind und Kegel in die leerstehenden Wohnungen,
renovierten und entfachten politisch Öffentlichkeit gegen die Praxis der
DüWoGe und für den Erhalt billigen Wohnraums in Bilk. Am 15.6.1982
wurden die BesetzerInnen polizeilich geräumt und strafrechtlich belangt.
Damit stand dem Abriss der 1909 erbauten Häuser auf der Suitbertusstraße
nichts mehr im Wege.
Ähnlich wie heute zum geplanten Abriss der Häuser auf der Binterimstraße
rechtfertigte die DüWoGe Anfang der Achtziger ihre Abrisspraxis von intakten
Häusern mit billigen Mieten mit dem fadenscheinigen Argument veränderter
sozialer Ansprüche. So erklärte die Wohnungsgenossenschaft damals
zur Begründung des Abrisses ihrer Häuser auf der Suitbertusstraße,
dass dort neue Sozialwohnungen errichtet werden sollen. Die Darstellung der
DüWoGe, den Abriss der Häuser auf der Binterimstraße wegen der
Errichtung eines Altenwohnprojektes als einen Akt sozialer Notwendigkeit erscheinen
zu lassen, ist nicht nur deshalb durchsichtig, weil die Errichtung solcher Wohnanlagen
nicht die Vernichtung billigen Wohnraums rechtfertigt; sie kann auch bei Erhalt
der Häuser im Viertel errichtet werden. Die Praxis der DüWoGe im Umgang
mit der Besetzung der Häuser auf der Suitbertusstraße zeigt im Rückblick
deutlich, dass der Abriss billiger Mietshäuser auf lukrativen Grundstücken
eher dem Spekulationsinteresse dieses Vereins als dem genossenschaftlichen Gedanken
dienlich ist. Auch damals entstand im Zuge der politischen Auseinandersetzungen
um Wohnraumspekulation und Wohnraumvernichtung eine Front zwischen außerparlamentarischer
Opposition und großer Koalition zwischen Stadtrat und DüWoGe.
Vielleicht ist es nun wieder an der Zeit, laut über eine Neuauflage von
Häuserkampf nachzudenken.