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Dinge auf einmal? Das geht
nun wirklich nicht!
Hintergründe
zur technischen
Fraktion zwischen PDS, NPD und dem “Ab jetzt ... Bündnis für
Deutschland”
Direkt nach den
Kommunalwahlen in NRW konnte die PDS im Rhein-Sieg-Kreis mit einer
Überraschung
aufwarten. Ihr Spitzenkandidat für den Kreistag Uwe-Bernd Griesert
ließ kaum
Zeit nach der Wahl ins Land streichen, um sowohl an die NPD als auch
das extrem
rechten “Ab jetzt ... Bündnis für Deutschland” heranzutreten,
um mit diesen
gemeinsam eine technische Fraktion zu bilden.
Alle drei Parteien hatten
bei der Kommunalwahl einen Sitz erhalten. Der Gesetzgeber gibt die
Möglichkeit,
dass sich Parteien, Listen, Kandidaten etc. zu technischen Fraktionen
zusammenschließen. Im Falle des Kreistages Rhein-Sieg hätte
dies zur Folge,
dass diese künstlichen Fraktion Geldmittel (insgesamt 80.000 Euro)
und
Räumlichkeiten bekommt, sowie die Möglichkeit, “sachkundige
Bürger” in
Ausschüsse zu entsenden.
Genau diese Zuwendungen
peilte Griesert an. Er wolle “auf den Spielplatz der Großen”
kommen. Darüber
hinaus, so berichtet die NPD, hätte man bei diesen Gesprächen
Gemeinsamkeiten
u.a. in der “Sozialen Frage” feststellen können. In einem
Interview bestätigt
Griesert gegenüber der FAZ diese Version, in dem er u.a. auf
“notwendige”
Sachpolitik verweist.
Griesert bewegt sich
mindestens seit Januar 2001 in den Reihen der PDS Rhein-Sieg, wo er
u.a. für
den Rundbrief “Linkszeit” verantwortlich zeichnete. Griesert bekleidete
innerhalb der PDS Rhein-Sieg bis zum 8. Oktober das Amt des Kassenwarts
und
Sprechers. Der Kölner Stadtanzeiger spricht in diesem Zusammenhang
von
Auseinandersetzungen zwischen Griesert und Michael Otter, dem
Wahlkampfleiter
der PDS bei den vergangenen Kommunalwahlen. Griesert habe u.a. mehr
Geld für
den Wahlkampf gefordert und darüber hinaus Otter das Mobbing einer
Kollegin
vorgeworfen.
Am 15. Oktober 2004 ist der
60 jährige auf Druck der PDS-Führung aus der Partei
ausgetreten. Am 17. Oktober
gab er bekannt, dass er aufgrund des öffentlichen Drucks die
technische
Fraktion doch nicht eingehen und eventuell auch sein Mandat – welches
dann an
die PDS zurückfallen würde – aufgeben werde. Die NPD feiert
die “technische” Fraktion
in der Zwischenzeit auf ihrer Homepage.
Um was für eine merkwürdige
Konstellation es sich bei dieser “technischen” Fraktion handelt, zeigt
sich
zusätzlich an der Umgangsweise der NPD und des “Ab jetzt ...
Bündnis für
Deutschland” miteinander. NPD und das “Ab jetzt ... Bündnis
für Deutschland”
haben inzwischen auch gerichtlich miteinander zu schaffen. Unter
anderem wirft
eine NPDlerin dem Ex-NPDler und beim “Ab jetzt ... Bündnis
für Deutschland” für
die Kreistagswahl Rhein-Sieg auf Reservelistenplatz 3 gesetzten
Dominique Oster
vor, sie vergewaltigt zu haben.
Der laut Express wegen
Volksverhetzung und Besitz und Weitergabe von Kinderpornographie
vorbestrafte
Oster sitzt wegen dieses Tatvorwurfes und Bedrohung der Klägerin
seit Mitte
September in Untersuchungshaft. Er selbst bezeichnet die Klage als
Kampagne
ehemaliger NPD-“Kameraden” gegen ihn, da er zum “Ab jetzt ...
Bündnis für
Deutschland” gewechselt sei.
Zu diesem Thema führte die
TERZ ein Interview mit Michael Kretschmer,
Landesgeschäftsführer der PDS NRW
TERZ: Die sog. Technische
Fraktion im Kreis Rhein-Sieg zwischen PDS, NPD und dem Bündnis
für Deutschland
wurde beantragt von dem PDS-Kreisspitzenkandidaten Uwe-Bernd Griesert.
Wie
konnte solch ein Zusammenschluss zustande kommen?
M. K.: Wie das
zustande
gekommen ist, wissen wir selbst nicht. Weder der Kreisverband, noch der
Landesverband waren im Vorfeld darüber informiert. Es gab auch
keinerlei
Anzeichen für ein solches Vorgehen. Griesert hat weder
rechtsradikale
Äußerungen oder sonst etwas von sich gegeben, so dass dieses
Vorgehen für alle
Beteiligten überraschend gewesen ist. Ich habe gestern selbst mit
ihm
telefoniert, und er hat mir gegenüber geäußert, dass es
sich lediglich um eine
technische und keine politische Fraktion handelt. Ihm sei klar
geworden, dass
es zwei Arten von Abgeordneten gibt: Einzelabgeordnete und Fraktionen,
und er
will bei den Großen mitspielen und hat deshalb die Technische
Fraktion
initiiert.
TERZ: Der dortige
NPD-Kreistagsabgeordnete Stefan Meise verkündete in einer
Presseerklärung:
“Inhaltlich konnten in den Vorgesprächen (zur Bildung der
technischen Fraktion)
besonders in sozialen Fragen weitgehende Übereinstimmungen
festgestellt
werden.” Wie ist das einzuschätzen?
K: Die aktuelle
Entwicklung
hat gezeigt, dass die NPD auf die sozialen Themen springt und auch
Forderungen
von uns übernimmt. Das macht uns politisch schon zu schaffen. Wir
können
deswegen jedoch unsere Positionen zu Hartz IV nicht zurücknehmen,
nur weil die
NPD sie übernimmt und angeblich dasselbe will. Das ist ja ihre
Strategie –
nicht nur in NRW, sondern gerade in Sachsen und Brandenburg gewesen –
auf diese
soziale Frage zu springen, um damit Wählerstimmen zu erreichen.
Griesert hat
mir erzählt, dass die Vorgespräche stattfanden unmittelbar
nach Bekanntgabe des
Wahlergebnisses. Aber davon hat er niemandem irgendetwas gesagt.
TERZ: In der
NPD-Parteizeitschrift “Deutsche Stimme” wird schon seit etlichen Jahren
diskutiert über einen sog. Nationalen oder “deutschen Weg” zum
Sozialismus.
Gibt es in diesen Fragen Berührungspunkte zwischen sog. Nationalen
und sog.
Demokratischen Sozialisten?
K: Es gibt zu
diesen Fragen
nirgendwo Gespräche oder Übereinstimmungen. Die PDS hat
nirgendwo gefordert,
dass es den Nationalen Sozialismus geben soll – weder in ihrem alten
noch in
ihrem neuen Programm. Die PDS hat sich im neuen Programm durchaus auch
zur
sozialen Marktwirtschaft bekannt. Es gibt nirgendwo
Übereinstimmungen mit den
Forderungen der NPD nach einem Nationalen Sozialismus, der in erster
Linie
genährt wird durch Ausländerfeindlichkeit.
TERZ: Das Ringen um
gemeinsame Wege in “nationalen Fragen” vollzieht sich jedoch nicht nur
bei der
NPD, sondern auch in den Diskussionszirkeln der PDS. In der Zeitung
“Neues
Deutschland” wurde schon 1998 die Diskussion zur Frage geführt:
“Wie national
muss die Linke sein?”. Die PDS-nahe Zeitung gab in dieser Debatte
neofaschistisch gesinnten Leuten wie dem Michael Nier, aus dem
Arbeitskreis
Wirtschaftspolitik beim Parteivorstand der NPD oder dem Redakteur der
neurechten Wochenzeitschrift “Junge Freiheit” sowie anderen Rechten ein
Forum
zur Positionierung.
K: Es hat auch
mal in der
PDS relativ kurz eine Diskussion gegeben über Linke und Nation.
Ich persönlich
denke, dass die PDS dieses Verhältnis nicht unbedingt klären
muss. Es ist halt einfach
umstritten in der Linken. Es gibt Positionen, die Deutschland
kategorisch
ablehnen, und es gibt in der PDS auch Positionen: “Ich lebe gern in
meinem
Land” oder “Ich liebe meine Heimatstadt”. Das ist für mich alles
legitim. Ich
denke, diese Frage wird in der PDS auch nicht geklärt. In dieser
Frage wird
sich die Linke immer streiten und solange das nicht in Extrempositionen
ausartet, kann man das auch aushalten.
TERZ: Aktuelle Auswirkungen
dieses scheinbar nicht klaren Verhältnisses zeigen sich nun im
Rhein-Sieg-Kreis. Diese technischen Fraktionsbildung zwischen dem
PDS-Spitzenkandidaten und den zwei Neonazi-Parteien ist zugleich ein
eklatanter
WählerInnenbetrug, da die PDS ja auch mit Parolen gegen Rechts auf
Stimmenfang
gegangen ist.
K: Wir haben
selber
öffentlich deutlich gemacht, dass wir dieses Vorgehen für
schweren Wählerbetrug
halten. Das ist Irreführung der PDS-Wähler – in dem Kreis
immerhin 4250
Menschen – die jetzt natürlich maßlos enttäuscht sind
von der PDS. Wir werden
als Landesverband noch eine geeignete Form finden, uns bei denen zu
entschuldigen. Es ist nicht Griesert, sondern die PDS gewählt
worden. Hier ging
es wohl um Ansehen, Einfluss und Geld. Deshalb fordern wir auch, dass
er sein
Kreistagsmandat niederlegen muss. Wir haben im Kreis im Wahlkampf
deutlich
gemacht, dass wir entschieden gegen rechte Parteien sind. Das ist nun
alles
umsonst.
TERZ: Gibt es Konsequenzen
aus diesem Skandal?
K: Das ist
schwer –
natürlich kann man sagen: Wir wollen eine bessere Kontrolle, was
für Menschen wir
aufstellen. Letztendlich liegt es jedoch in der Entscheidungsbefugnis
der
jeweiligen Kreisverbände. Sie müssen eigentlich die Leute
kennen, die sie
aufstellen. Ich denke, wir werden versuchen, Kriterien zu erarbeiten,
was für
Anforderungen wir an Kandidaten stellen. Wirklich rauskriegen kann man
so was
nicht im Vorfeld, wenn es keinerlei Andeutungen für so was gibt.
www.terz.org -26.10.2004