bookVerbürgerlichung
der
Welt
Der Historiker
der
Humboldt-Universität, Heinz Köller, nimmt sich in der
Neuerscheinung des
VSA-Verlages die Darstellung der Verbürgerlichung der Gesellschaft
vor und
verortet diesen Prozess im Zeitraum von 1770 bis 1870. Jenes Zeitalter
gilt als
Revolutionszeitalter: Beginnend mit der industriellen Revolution in
England –
die Entstehung von Webstuhltechnik, die Erfindung der Dampfmaschine,
die damit
einhergehende Entfaltung des kapitalistischen Fabriksystems –
beschreibt der
Autor in materialistischer Geschichtstradition den Prozess des
Übergangs von
der ständischen Feudalgesellschaft zur kapitalistischen
Staatengesellschaft. Der
amerikanische Unabhängigkeitskampf 1775–1783, die
Französische Revolution von
1789 und die Napoleonische Ära bis zur Gründung des Deutschen
Reiches werden
hier im Kontext internationaler Machtverhältnisse und
innergesellschaftlicher
Widersprüche beschrieben. Wohltuend hebt sich Köller von
anderen
deutschzentrierten Beschreibungen jener hundert Jahre ab: “Objekt ist
die
außerdeutsche allgemeine, globale Geschichte.” ‚Deutsche’
Geschichte wird hier
im Kontext des Habsburger Reiches und im Konflikt demokratischer
Bestrebungen
mit der preußischen Monarchie behandelt. Der Autor zitiert hierzu
Metternich:
Es stimmt, dass ich die Demokratien nicht liebe; Die Demokratie ist
überall und
immer ein Prinzip der Auflösung und Zersetzung. Sie zielt auf die
Trennung der
Menschen, sie lässt die Gesellschaft erlahmen. … Allein die
Monarchie mag die
Menschen zu vereinen.” Köller durchleuchtet die Zeit jenes
Jahrhunderts in
Abkehr von eurozentrischen Darstellungen. Neben den europäischen
Mächten
bekommt der Leser Einblick in die Vorgänge im Osmanischen Reich
und Russland,
in Amerika, Afrika, Asien, Australien und Neuseeland. Die großen
Revolutionen
jener Zeit werden in eigenen Kapiteln behandelt. In umfangreichem Stil
wird in
zwei Kapiteln die Geschichte der Arbeiterbewegung dargestellt – von
ihrer
Entstehung als frühproletarische Bewegung und der Herausbildung
des Marxismus
bis zur Gründung der I. Internationale 1864 in London. Köller
beschränkt diese
Darstellung nicht auf erhellende wie zum Teil auch amüsante
Darstellungen wie
folgender: Am 25. Januar 1848 beauftrage die Zentralbehörde (des
Bundes der
Kommunisten; Anm. TERZ) die Kreisbehörde Brüssel “dem Bruder
Marx anzuzeigen,
dass, wenn das Manifest der Kommunistischen Partei … nicht bis Dienstag
1.
Februar d. J. in London angekommen ist, weitere Maßnahmen gegen
ihn ergriffen
werden”. Köller beschreibt das frühindustrielle Fabriksystem,
mörderische
Ausbeutungsmethoden, Kinderarbeit und politische Kämpfe. Er gibt
einen
fundierten Einblick in die Entwicklung frühsozialistischer Utopien
und die
Herausbildung divergierender Gedanken und konkurrierender Ideologien
und
Strategien im Kontext der Herausbildung der internationalen
ArbeiterInnenbewegung.
Ob nun gerade
ein Ausspruch
von Altkanzler Helmut Schmidt über den “Raubkapitalismus” den
Schlusspunkt des
Nachwortes schmücken muss, sei dahingestellt. Wirklich
ärgerlich hingegen sind
fehlendes Register und Zeittafel – ein Leseservice, der nicht nur
angesichts
des breit angelegten Untersuchungsgegenstandes, sondern auch angesichts
des
stolzen Buchpreises angemessen gewesen wäre. Vielleicht wird
dieses Manko ja in
einer dem Buch zu wünschenden zweiten Auflage nachgeholt.
www.terz.org - 26.10.2004