Es ist hart zu sehen,
wie
einige Wirtschaftler sich dreist und kaltschnäuzig aus dem letzten
bisschen
sozialer Verantwortung zu stehlen versuchen und in ihren
“Vorschlägen” sogar
hinter Bismarck zurückgehen. Die letzten sozialen Masken fallen,
wenn der
Bundesverband der Industrie meint, Sozialabgaben, da solle doch bald
mal jeder
selber für sorgen, das sei nicht Verantwortung der Industrie. Was
denn dann
noch, Schnuckis? Effiziente Rahmenbedingungen zur Ausbeutung von
Tagelöhnern
herstellen, oder gleich Strukturen für Sklaven? Lässt sich
natürlich auch
machen, darauf gründete die Demokratie mal bekanntlich –
vielleicht endet sie
auch so. Ökonomen geben sich als neue Feudalherren und bekommen
kaum Contra von
Bevölkerung und Politik. Doch keine Sorge: Über korrupte
PolitikerInnen braucht
Ihr euch demnächst gar nicht mehr aufzuregen, Politik wird
nämlich gerade im
Sinne eines modernen zeitgemäßen Dienstleistungsunternehmens
totalrenoviert.
Immer schön den Sachzwangboogie tanzen, auf dass die letzten
Utopien, eh nur
was für Romantikspinner, flöten gehen. Dunkle Gedanken,
dunkler Monat November.
Dafür braucht’s die richtigen Flötentöne. Hier einige davon.
V.A.:
TESTAMENT OF HOUSE – THE SECOND PROPHECY (Ministry of Sound)
War doch alles
nur Spaß,
Dschanns! In Wahrheit gibt’s doch nur ein revolutionäres
Gefühl: gute Laune! Versucht’s
mal hiermit: 2 CDs Satt-Grooves, eingewixt von Knee Deep, und dazu im
Zimmer
rumspringen wie eine hysterische Pollesch-Diva und über die
Verhältnisse
kreischen. Geht doch alles.
GUSTAV: RETTET
DIE WALE
(mosz)
Geht doch nicht?
So nehmt
das hier! Gustav ist ne Frau. Sie kommt aus Österreich, hat Kunst
studiert, und
ist trotzdem saugut. Neun geile Leckt-mich-doch-Pop-Protestsongs,
für die sich
Björk schämen würde. Verpasst das doch nicht!
V.A.: WHERE
WE’RE AT
(Smalltown Supersound)
Ja wo sind wir
denn hier?
Aufm Cover liegt’n Typ in Penntüte, mal dazulegen. Ah, aus Oslo.
Das kleine
Label. Erste Compi. Und ja doch. Wirklich richtig gut, nur was eine
wirklich
coole Compi edelt, sind Exklusivtracks. Gibt’s hier nicht.
V.A.: CATSKILLS
SAMPLER VOL.
4 (Catskills)
20 mal
Katzenkraft, gut
gemixt und dito nicht exklusiv, doch dito recht hörenswert: dunkle
Downbeats,
altschuliges Arschgekratze und Loddl-Pop. Die Erben der Eklekto-Welle
strecken
und räkeln sich – unaufgeregt.
HUSKY
RESCUE:
Tagträum,
Freidenk,
Kuschelsparkelblutklingengegengeröst. Wenn Finnen
spinnen und ihre pelzigen
Divas hauchen. Klasse kommende Winterplatte.
DAMIEN DEMPSEY:
SEIZE THE
DAY (irl/Clear)
Es gibt sie
noch: diese
Songwriterscheiben, die einen umhauen. Kein Wunder: Damien ist ein
Boxer, der
mit dem Herz desselben singt. Schon der irische Akzent macht dich
schwach, aber
das Storytelling und die Vibes knocken dich endgültig aus. Und der Opener
“Negative Vibes” ist offizielle Novemberhymne.
THALIA
ZEDEK: TRUST NOT THOSE IN WHOM WITHOUT SOME TOUCH OF MADNESS
(thrilljockey)
Noch ne Dosis?
Komplett
analog und ohne jegliche ProTools aufgenommen. Thalia auf der Höhe
ihrer
schweren Kraft. Das schleppt sich wie eh und je, schleift dich mit und
gibt
Energiefunken.
THE
SOFT PINK TRUTH: DO YOU WANT NEW WAVE OR... (Soundslike)
Matmos’ Drew
Daniels covert
10 Punk- und Hardcore-Faves im Elektro-Disco-Stil. Crass, Kreutzen oder
Angry
Samoans im Electroclash: vorstellbar? Die Versionen sind kaum
wiederzuerkennen,
das Experiment ziemlich gelungen.
THE THING: ART
STAR
(Smalltown Superjazz)
Diednda? Art
Star von den
YeahYeahYeahs und Have Love will Travel von den seligen Sonic’s covern
– via
Freejazz. Kracher. Da hinten kommt noch mehr...
V.A.:
[Re:Jazz] POINT OF VIEW (infracom)
Hier werden
ClubLoungeKlassiker von Soul-II-Soul, Rockers Hifi, Air oder Goldie
schön,
äußerst geschmackvoll doch leider oft zu geschmackvoll
verjazzt. Das Projekt
hat den Gähn-Charme einer LateNiteBar ohne Ecken und Kanten.
BJÖRGÚLFSSON
/ PIMMON / THORSSON: STILL IMPORTANT SOMEKIND NOT... (Crónica)
Live in der
Melkfabriek Den
Bosch Herbst 2002: elektroakustisches DreamTeam, das Klangdestruktion
stets mit
rhythmischen Schichtungen pulsieren lässt. Zerschnittenes Gas,
ganzgeschlagenes
Glas.
RAINSTICK
ORCHESTRA: THE
FLOATING GLASS KEY (Ninja Tune)
Angenehm
durchdacht
musizierendes Computerarbeiterduo aus Japan, das einen wundervollen und
gar
nicht aseptischen minimalistischen Schwing hinbekommt.
JOHN
HUDAK: ROOM WITH SKY (Spekk)
Hudaks Musik ist
fast nicht
da. Er spricht über das Licht, das der Himmel in seinen sehr
sonnigen Raum
schickt. Verstehen kann man das nicht, denn die Stimme ist über 20
mal
bearbeitet worden, aber hören. Remastered von Stephan Mathieu, ist
so eine
vergriffene Conscience-Ambient-Platte wieder erhältlich.
ARIEL
PINK’S HAUNTED GRAFITTI:
THE DOLDRUMS (Paw Tracks)
Auch er macht
sich’s zuhause
komplett alleine, um dann mit fremdwarmen Gefühlen in die
Gemeinschaft zu
ziehen. Der LALoFiGlamWeirdo nimmt sogar seine Stimme als Drumset –
entdeckt und
gefördert vom Animal Collective.
O.LAMM:
HELLO SPIRAL (Active Suspension)
Das nervt leider
manchmal.
Ähnlich weird, aber uninspiriert, daddelt und frickelt Lamm etwas
zuviel an
sich herum. Später noch als Krönung: der todestiefstnervige
Liebmädchengesang.
IndieAvantgarde für Anrufbeantworter.
THE
DELGADOS: UNIVERSAL AUDIO (Chemikal Underground)
Ja, Indie ist
der Tod, und
ihr seid seine Schüler. Die Delgados haben diesen Todeskuss nicht
abwehren
können, malädieren aber noch auf höchstem Niveau vor
sich hin. Da kann man
eigentlich noch mal hinhören, bevors eh aus ist. Nett.
IDAHO: VIEUX
CARRÉ
(Kalinkaland)
Die Kalifornier
klingen in
den besten Momenten wie langsame Dinosaur Jr … na, lassen wir das. Auf
jeden
Fall eher elegisch, viel Piano, rockt, aber laaangsam …
THE
CZARS: GOODBYE (Bella Union)
Hello again,
Piano: nette
Ündü-Songs mit tiefen Texten aus seichten
Allgemeinplatzmodulen. Und der
Grafiker des Covers gehört klar bestraft.
KREIDLER: EVE
FUTURE RECALL
(Wonder)
Noch mehr Indie?
Mal
langsam: das ist Kammerpop. Kreidler knüpfen konzeptuell und
musikalisch an
ihrer Version des Romans von L’Isle Adam an, und das ist richtig gut
geworden.
Kann man nicht meckern, kann man tollfinden.
ANDREW PEKLER:
NOCTURNES,
FALSE DAWNS, BREAKDOWNS (scape)
Pekler ist mal
als Kind
obelixmäßig in einen Jazztopf gefallen, jedoch fehlte ihm
bislang dessen Kraft.
Jetzt aber wird das was: Mann, der hat echt was aus der Spannung von
Identität
und Konstruktion gelernt. Schon gut.
HANS APPELQUIST:
BREMORT
(Komplott)
Alter Schwede!
Appelquist
konstruiert mit Bremort einen Un-Ort und gibt in dieser fiktiven
Durchschnittsstadt seinem Audio mit den Mitteln des Films –
Überraschungsmomente, Intermezzi, Kommentierung, Verstärkung
– eine nonlineare
und komplexe Handlung. Spannendes und klares Hörpanorama!
FOURCOLOR: WATER
MIRROR
(apestaartje)
Keiichi
Sugimoto, ein
versierter Klangproduzent zwischen Elektronik und Akustik, hier mit
einem
erstem Soloalbum. Seine Gitarre lotet ungemein detailreich, subtil und
präzise
Klangoberflächen aus, um in die Tiefe zu gelangen. Die extrem
ruhigen Stücke
verlangen eine Art nervöser Gelassenheit.
V.A.: SWEET
& SALTY …
POPCORN REHEATED (Royal Earforce)
Schon wieder
eine
Klassikersong-Compi - diesmal ist’s “Popcorn”, eingetaucht in
elektronische
Grooves. Und oh meine Lieben, das swingt nicht schlecht, wenn Kreidler,
Eric D.
Clark, DJ Friction oder AGF heiße Butter in die Pfanne hauen.
V.A.: LE POP EN
DUO (Le Pop
Musik)
Da ham wa’s
wieder:
französische Schlager, die wir toll finden dürfen, diesmal im
Duo, weil doppelt
hält besser. Und was soll sein: Bei so viel Harmlosigkeit ist
Vogelgezwitscher
schon ne Handgranate. Gut. Und wenn’s dann rockt, auch gut.
V.A.: HECHO EN
CUBA 3
(Ministry of Sound)
Hier das Beste
der
hochoffiziellen kubanischen Salsa und Latino-Kultur - keine
Überraschungen,
aber eine sagenhafte Dynamik und Frische hält das Niveau.
!DELADAP: CIGANI
RUZSA +
ANGELO (Ecco Chamber)
Diese Combo aus
Tschechien,
Ungarn und der Slowakei hingegen macht grenzüberschreitenden
Roma’n´Sinti-Pop.
Universalistische Themen wie Liebe, Hoffnung und Tod sind ihnen
omnipräsente
Begleiter, wenn die Rose schwingt.
MALIA:
ECHOES OF DREAMS (Epic)
Der Shootingstar
aus Malawi
watet nicht knie-, aber knöcheltief in Jazz und Blues. Diese
Verbindung aber
reicht zu einer Pop-Version mit Charakter.
FENIX: MARFIM
(Traumton)
Die Entdeckung
aus
Brasilien: Fenix androgynes Contertenor-Falsett erinnert an Ney
Matogrosso oder
Edson Cordeiro. Sein hochvitaler Brazil-Kammer-Pop besticht jedoch
durch
hochinteressante Arrangements und großartige Farbigkeit.
TELMO PIRES:
PASSOS
(Traumton)
Der junge
Portugiese
entstaubt den Fado und verwirft die Klischees. Zwischen Paris und
Berlin
entwirft er in intensiver Rastlosigkeit und sinnlicher Präsenz ein
Panorama,
das die Saudade im Genuss der Traurigkeit als Glück feiert.
V.A.:
ENJOY EVERY
Das solltet ihr
allerdings
wirklich tun, denn irgendwann ist das Leben bekanntlich vorbei. Den
großartigen
Warren Zevon erwischte es vor einem Jahr im September. Hier zahlen
folgende
Trauergäste Tribut: Jackson Browne, Bonnie Raitt, Ry Cooder, David
Lindley, Bob
Dylan, Steve Earle, Don Henley, Die Pixies, Adam Sandler, Bruce
Springsteen,
Dwight Yoakam, Van Dyke Parks ... ich hör ja schon auf. Und sogar
Sohn Jordan
zeigt, welch begnadeter Songschreiber sein Pa war. Bewegend in jedem
Sinn des
Wortes.
SPADE COOLEY –
TRAGÖDIEN UND
LIEDER (Intermedium Rec)
Der King of
Western Swing
war ein Bastard, ein Walt Disney des Country, der von einem riesigem
Vergnügungspark in der Mojave-Wüste träumte, sich mit
Speed hochpumpte, massive
Paras bekam und schließlich seine Frau vor den Augen seiner
Tochter
misshandelte und umbrachte. Diese kaputte und zutiefst tragikomische
Story hier
als Hörspiel mit Peter Lohmeyer, April Hailer und Frank Spilker.
Ziemlich
ausgezeichnet, dazu die schrägen Songs als Bonus CD.
KOCH-SCHÜTZ-STUDER:
LIFE
TIED (Intakt)
Ausgewählte
Life-Performances eines der besten und radikalsten europäischen
Freeform-Trios.
Ob Venedig, Biel oder New York – diese Hardcorekammermusiker
schaffen es,
Intensität radikal nach vorne zu reiben und immer wieder auf den
Punkt zu
bringen. Ziemlich
fantastisch.
BARRY
GUY / MARILYN CRISPELL / PAUL LYTTON:
Zum Abschluss
noch ein
Brocken: dekonstruierte Klangkunst auf der Höhe dieser Zeit,
auseinandergefügt
in einer Architektur des scharfen Streichelns und der weichen Schnitte,
rastlos, zerfasert, abstrakt, sinnlich, uneinsichtig, klar, irrsinnig
kalt und
mit heißer Vernunft. Die Transformation der Odyssee gerät
unter diesen sechs
Händen zu einer mitreißenden Reise, deren Abstraktion nahezu
greifbar
erscheint. Ein postmoderner Maelstrom, ein Meilenstein der
Fragmentation, die
erst in Buxtehudes Klaglied zu einem kleinem Tod findet.
www.terz.org - 26.10.2004