musicENO – AMBIENT REVISITED
Ein Trip in die
Steinzeit:
Ich kann mich an Diskussionen über Ambient erinnern, da ging es um
Mutterbauchambient
vs. Störambient. Ersterer war natürlich abzulehnen, da er mit
seiner meist auf
Harmonien gegründeten Tonalität einlullte und höchstens
dazu taugte, unreife
Rave Kids frühmorgens von ihren schlechten Pillentrips
herunterzubekommen.
Störambient war dagegen, natürlich, hochpolitisch,
super atonal und klasse
dekonstruiert – und nervte, bis die
Kühe
nach Hause kamen. Immer musste irgendwo was knacken, zisseln und
zischen,
ständig dachte man, die Gasleitung sei defekt oder man hätte
Mäuse unter der
Spüle. Irgendwann gab man’s auf, gab sich entnervt dem kleinen
Klangkrieg hin
und bemerkte die wirklichen Mäuse unter der Spüle nicht mehr.
Industrial hatte
man gefressen, das röhrte und mahlte wie eine ganz andere
Nachtschicht, in der
die Gesellschaft aus den Angeln gehoben werden sollte. Tolle Sache,
aber dieser
Störambient, der doch den Alltag so bewusst machen sollte,
überreizte indes die
Nerven bisweilen so sehr, dass man irgendwann nur mehr flüchten
wollte. Was
war, was ist Ambient? Mit der Re-Edition von Brian Enos Ambient-Reihe
lässt
sich dieser Frage auf die beste aller Arten nachgehen, denn
schließlich
entwickelte der Ex-Roxy-Music-Musiker und idiosynkratische Produzent
Eno den
Begriff und das Konzept “Ambient” überhaupt erst. Die 1978er
Produktion “Music
for Airports”, teilweise co-komponiert mit Robert Wyatt und produziert
von
Conny Plank, und tatsächlich dazu konzipiert, beruhigend auf
Passagiere mit
Flugangst einzuwirken und auch so eingesetzt, definiert Ambient als das
genaue
Gegenteil von “Muzak”, also absichtlich leichtgewichtiger Musik, die
sich populistischer
Elemente bedient, um ein Derivat einer Stimmung zu erzeugen.
Esoterische New
Age-Muzak intendiert oft, die Sinne regelrecht einzulullen, wenn nicht
zu
betäuben, wogegen Fahrstuhlmusik oder Kaufhausmusik auf diffuse
und
oberflächliche Weise gute Laune simulieren und stimulieren soll.
Sie will ganz
bewusst die Ökonomie- oder Konsum-Umgebung aufhellen und
verzichtet daher
explizit auf Momente des Zweifels und der Unsicherheit. Enos Begriff
von
Ambient hingegen meint eine Musik, die sich ganz konkret auf bestimmte
Umgebungen bezieht und darin Atmosphären schaffen soll, in denen
die Hörer Raum
für sich selbst bekommen können. Eben nicht als abgekapselte
Individuen – dies
meint der auf Ambient häufig angewendete
Eskapismusvorwurf –, sondern als bewusste
und sehr offene Hörer einer Wahrnehmung in all ihrer
Komplexität. Statt eine
künstliche Stimulation zu schaffen,
geht es in diesem Ambientbegriff darum, Strukturen herzustellen, in
denen die
Hörer im wahrsten Sinne des Wortes wieder zu sich selbst finden
können. “Ambient
Music is
intended to induce calm and a space to think”, so eine zentrale
Intention Enos.
Viele Klangkunst will
Räume öffnen, doch
meist sind es nur die der jeweiligen Künstler. So nervt sie oft
nur ab durch
ein Zuviel an Zurückhaltung oder an Aufdringlichkeit, Eno dagegen
wagt
zumindest den Versuch einer intersubjektiven Matrix, die offen und
dennoch
konkret genug ist, so dass sie einen veritablen und unautistischen
individuellen Raum im Kollektiv bilden kann. Bei “Ambient 2 / The
Plateaux of
Mirror” von 1980 prägt das Piano des Mitkomponisten Harold Budd
die Stücke
erheblich. Diese Platte ist wahrscheinlich diejenige, auf die das
modische
Synonym “Wellnessmusik” am ehesten angewendet werden kann, und doch
geht diese
Bezeichnung extrem ins Leere, denn gerade diese Musik vermag das meiste
an Spiegelungspotenzial
zu bieten. “Ambient 4/ On Land” von 1986 ist die düsterste Platte,
sie
versucht, das Gebilde “Landschaft” auf organische Weise in Klang zu
transformieren. Das Album “Discreet Music” von 1975, zuerst auf Enos
eigenem
Obscure-Label erschienen (auf dem übrigens auch die ersten
Klänge von Michael
Nyman, Harold Budd oder dem Pinguin Orchestra erschienen) ist eine
bemerkenswerte Vorstufe dieser Reihe. Ausgehend von seinen Experimenten
mit
einem Echosystem und drei Variationen eines Kanons von Pachelbel lotet
Eno hier
die Frage nach der möglichen Dominanz von Musik aus. Wie Satie
verfolgt er ein
Konzept einer Musik, der man zuhören kann, aber nicht unbedingt
muss. Eine
Musik, die die Stimmung im Raum nicht dominiert, aber prägt – und
wenn sie denn
ausgelaufen ist, merkt man, dass da etwas war. Mit seiner Ambient-Reihe
–
Ambient 3 spielte übrigens ein gewisser Larajii ein, wobei Eno nur
produzierte
– hat Eno Parameter der Wahrnehmung von Klang definiert. Die hier
erwähnten
vier Platten sind, inklusive Texten von Eno, via EMI endlich als CDs
reeditiert
worden. Reeditiert meint hier nicht ein digital-remastering
der analogen
Bänder – dies steht Enos Haltung entgegen, eine einmal
existierende Arbeit
wieder zu verändern – sondern eine Übertragung der Musik mit
heute gültiger und
zeitgemäßer Technik. Was war, was ist Ambient?
HONKER
musicEngland´s Dreaming
Punk ist ja wieder schwer en
vogue. Einige behaupten ja, er war nie tot. Irokesen und bunte Haare
haben
schon lange im Straßenbild ihren Platz gefunden. Aber Punk war
mehr als eine
modische Attitüde. Ein Grundlagenwerk hat mit
England´s Dreaming Jon
Savage geschrieben (auf deutsch bei
Edition Tiamat – lesenswert!). Was lag also näher als, dass Savage
mal in
seinen Raritäten kramte und eine Compilation zusammenstellt.
Voilà, there it
is! Er beschränkt sich nicht nur auf England, sondern versammelt
auch einiges
aus den USA, Frankreich und Australien. Insgesamt 25
außergewöhnliche Stücke.
Es ist natürlich keine ultimative Zusammenstellung des Punk. In
der damaligen
Ära des selfmade gab es dermaßen viel gute Musik, das
niemand alle Gruppen
kennen konnte. Also werden einige
mosern, die Gruppen fehlen und jene waren nie Punkmusiker and so on. Es
ist
halt Jon Savage´s ganz persönliche Zusammenstellung und die
hat es in sich. Er
suchte die Musik nicht nach Popularität aus, sondern suchte Titel
und Gruppen
nach inhaltlichen Kriterien aus. Ganz richtig lautet der Untertitel
“Before,
during and after Punk”. Das ultimative Vorpunk-Stück eröffnet
den Reigen:
“Search & Destroy” von Iggy Pop and the Stooges aus dem Jahre 1973.
Ein
wegweisendes Lied für die nächsten Jahre. Neben wenigen auch
heute noch
bekannten Gruppen, wie z.B. den Ramones (Rest in Peace, Jungs) oder
Brian Eno
& Snatch (geiles Stück über die RAF) sind es vor allem
die nicht ganz so
berühmt gewordenen Gruppen wie DEVO, The Normal, X-Ray Spex, etc.,
die die CD
bestimmen. Zu allen Songs gibt es eine kurze Information über die
Gruppe und
das ausgewählte Stück und dessen Bedeutung für die
damalige Zeit. So macht es
nicht nur Spaß, die Scheibe zu hören, sondern auch das
Booklet zu lesen.
Aufgrund des Punk-Revivals sind fast alle hier vertretenden Gruppen in
den
letzten Jahren wieder neu als CD aufgelegt worden, worauf im Booklet
hingewiesen wird. Deshalb suchte Savage vor allem
außergewöhnliche Aufnahmen
aus. Neben den schon genannten Gruppen sind weitere Anspieltipps Patti
Smith
mit einer Live Aufnahme von My Generation, The Saints, Wire und The
Adverts.
Meikel F
www.terz.org - 26.10.2004