Kriegsverbrechen
in Frankreich 1944
Vor
einigen Monaten gab es die Möglichkeit, einen äußerst
interessanten Vortrag, der wiederholt werden sollte, über Aspekte
der deutschen
Besatzungszeit in Frankreich während des zweiten Weltkriegs zu
hören.
Der
Referent Bruno Kartheuser, ein belgischer
Schriftsteller, beleuchtete die Hintergründe deutscher
Kriegsverbrechen in
Tulle und Oradour im Juni 1944. Begangen wurden diese Verbechen von
Soldaten
der SS-Panzerdivision „Das Reich“ unter dem Kommando von
Heinz Bernhard
Lammerding. Einem Mann, der in Abwesenheit in Frankreich zum Tode
verurteilt
worden ist und friedlich unbelangt in Düsseldorf als wohlhabender
Bauunternehmer starb. Sehr viel Detailwissen steckt in den bisher in
der
Edition Krautgarten erschienen Bänden dieser Tetralogie. Wer
über
deutsch-belgisch-französische Geschichte während der NS-Zeit
mehr wissen will,
sollte sich diese Reihe sorgfältig anschauen. Terz hatte
kürzlich
dankenswerterweise die Möglichkeit, ein Interview mit Herrn
Kartheuser zu
führen, das wir hiermit veröffentlichen.
TERZ:
Wenn man sich die bisher erschienen Bände Ihres Werks
anschaut, kann man, wenn man die Anforderungen wissenschaftlicher
Arbeit kennt,
erahnen, wie unglaublich viel Recherche hier vorliegt. Was war der
Ausgangspunkt und wussten Sie, worauf Sie sich da einließen?
B. K.:
Ausgangspunkt war der Hinweis auf das zunächst
mysteriöse Schicksal des St. Vithers Walter Schmald, der kurz vor
Kriegsende
vom französischen Widerstand erschossen worden war. Erste
Lektüren zeigten mir,
dass er SD-Mann war, und in der Folge erwies sich, dass er eine
mörderische
Rolle bei einem Nazi-Kriegsverbrechen in der kleinen Stadt Tulle
(Region von
Limoges) gehabt hatte. Es hat mich einfach gereizt, den
„Fall“ zu rekonstruieren.
Je weiter ich gelangte, desto komplexer wurde das Thema. Andererseits
gab es
bislang keine schlüssige Rekonstruktion der Vorgänge, da auch
die
Nachkriegsjustiz den Fall mehr als schlampig abgehandelt hatte. Ein
weiterer
Anreiz bestand darin, mit dieser Arbeit auch die Gemütslage und
die
Verhaltensweisen der Ostbelgier zu ergründen, die damals in
Nazi-Diensten
standen. Zu Beginn habe ich geahnt, dass das Thema schwierig sein
würde, so
dass ich im Laufe der Recherche kaum überrascht wurde.
TERZ: Ihre Arbeit ist
außergewöhnlich, weil Sie anhand eines
Beispiels, der Massenerhängung von 99 französischen
Zivilisten am 09.06.1944 in
Tulle in Südwestfrankreich, alle Aspekte des damaligen besetzten
Frankreichs
aufzeigen: Wehrmacht, SS, SD auf deutscher Seite, einen
französischen
Rumpfstaat unter Vichy-Vorzeichen und die unterschiedlichen
Widerstandsgruppen.
War das von Anfang an Ihre Absicht?
B. K.: Die nur
parteiischen Schilderungen von SS-Leuten
einerseits und von französischen Widerstandsgruppen andererseits
ließen mich
die Fragwürdigkeit der einseitigen Gedenkliteratur innewerden. Ich
konnte
nichts mit einer chauvinistischen Schilderung – ob nazi-deutsch
oder
patriotisch-französisch – anfangen. Es war mein Bestreben,
das Geschehen
unparteiisch und „international“, d.h. nach universalen
Normen des Rechts und
der Menschlichkeit zu schildern. Deshalb auch das Bemühen, alle
nur irgendwie
greifbaren Quellen in Frankreich und in Deutschland einzubeziehen. Des
Weiteren
ging es mir um die möglichst präzise Ermittlung aller
Verantwortlichen und
ihres jeweiligen Anteils an der Gesamtverantwortung. Da musste die
Rekonstruktion eben Feinarbeit sein.
TERZ: Einerseits machen Sie in Ihrer
Arbeit deutlich, dass
die Verbrechen von Tulle oder auch von Oradour Teil einer Terrorpolitik
waren,
die ihre Wurzel in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus
hatte.
Dies alles eskaliert in der so genannten Bandenbekämpfung gegen
den Widerstand.
Die Methoden dieses Terrors lernte zum Beispiel die SS-Division
„Das Reich“ im
Kampf gegen die Sowjetunion. Andererseits war der deutsche Einmarsch in
Belgien
1914 ebenfalls von massivsten Kriegsverbrechen begleitet. Sehen Sie
mehr
Kontinuität oder mehr Unterschiede zwischen 14-18 und 40-44 bei
der deutschen
Besatzungspolitik in Frankreich und Belgien?
B. K.: Die
jeweiligen Felder sind so umfassend, dass alle
Vergleiche hinken müssen. Zwar hatte das deutsche Militär
sich im belgischen
Bewusstsein als fanatische und barbarische Truppe eingraviert (Beispiel
Dinant
und Löwen). Ich bin jedoch überzeugt, dass der Hitler-Krieg
eine bedeutende
Schraubendrehung mehr an Vernichtungsgewalt,
Vernichtungswillen und
Brutalisierung der ausführenden Täter vorgeführt hat,
als dies im 1. Weltkrieg
der Fall war. Entscheidend war die Fanatisierung durch die neue
Ideologie mit
totalen Feindbildern, und diese Fanatisierung hat nicht nur die SS und
die
Gestapo erreicht, sondern auch die „einfachen“ Soldaten.
Ich war auch sehr
überrascht zu entdecken, dass der Begriff des Widerstandes –
die Quintessenz
der nationalen Wiedergeburt in De Gaulles Frankreich nach dem Krieg
– in
Deutschland argwöhnisch beäugt wenn nicht, schlimmer, als ein
Synonym für
Feigheit aus dem Hinterhalt verstanden wird. Da hat die
Bürgererziehung in
Deutschland – in Schule und Kaserne – doch noch einiges
nachzuholen.
TERZ: Spielt der Erfolg des D.Day am
06.06.1944 nicht eine
große Rolle beim Verhalten einerseits des Widerstands und
andererseits der
Besatzer, auch in Bezug auf Tulle und Oradour, ohne irgend etwas am
deutschen
Terror damit rechtfertigen zu wollen?
B. K.: Die
Landung der Alliierten war für die offensiv
kämpfenden Widerständler ein lang erwartetes Signal. So kam
es zu
Kampfaktionen, zu Angriffen und Stadtbesetzungen, wie z.B. in Tulle,
Guéret,
Ussel im Limousin. Auf deutscher Seite gab es seit langem appellative
Befehle
der obersten Heeresführung in Frankreich, die in verbaler
„Kraftmeierei“ nicht
zu überbieten waren: äußerste Schärfe,
allerschärfste und blutigste Mittel …
Die SS-Truppe von Lammerding führte dann vor, was konkret an Mord-
und
Gewaltpotential in diesen Befehlen der Wehrmachtsführung (OBW und
MbF)
enthalten war. Der Angriff des Widerstands auf die deutsche Garnison
von Tulle
war nicht der objektive Grund, wohl aber die proklamierte
Scheinbegründung der
Mordaktion der SS in Tulle. Diese Aktion hätte an gleich welchem
andern Ort der
Gegend stattfinden können, aber der Vorgang in Tulle eignete sich
augenfällig
als Vorwand, um ein Exempel zu statuieren und die Bevölkerung auf
Dauer zu
terrorisieren. Insbesondere sollte signalmäßig einer
großen Region mitgeteilt
werden, dass es falsch und gefährlich sei, den Widerstand zu
unterstützen.
Diese Rechnung ist allerdings nicht aufgegangen. Spätestens im
August räumten
die übrig gebliebenen deutschen Truppen, die sich nicht ergeben
hatten, die
Zentralregion, und aus dem französischen Widerstand war eine Armee
geworden.
TERZ: Der Kommandant der 2. SS
Panzerdivison Heinz Bernhard
Lammerding lebte nach dem Krieg als wohlhabender Bauunternehmer in
Düsseldorf.
Die Verbrechen der Deutschen in Frankreich, Belgien oder auch den
Niederlanden
sind hier weitgehend unbekannt. Wie sieht das heute in Frankreich und
Belgien
aus?
B. K.: Diese Art
Aufdeckungsarbeit scheint in Deutschland
allgemein nicht willkommen zu sein, besonders nach so langer Zeit. Nach
dem
Krieg haben die betroffenen Milieus geschickt die Westintegration und
die
Wiederbewaffnung dazu eingesetzt, die Verbrechensaufarbeitung aus der
Kriegszeit zu vereiteln. Lammerding war, obschon in Bordeaux zum Tode
verurteilt, eine geschützte Persönlichkeit, vermutlich auf
Basis einer
Kronzeugenregelung. Was Frankreich angeht, so empfehle ich eine
Rundreise durch
französische Dörfer und Städte in den Sommermonaten Juni
bis August, um sich
Rechenschaft davon abzulegen, wie tief die Erinnerung an die
Ermordungen,
Hinrichtungen und Deportationen haften geblieben ist. Es gibt zahllose
Ortschaften, die in diesen Monaten der Verbrechen gedenken, die sich
bei
Kriegsende, kurz vor der Befreiung, ereignet haben. Ich glaube, man ist
sich
dessen in Deutschland nicht bewusst. Im Falle von Tulle kommt hinzu,
dass eine
umfassende Aufklärung des Verbrechens und eine Bestrafung der
Täter kaum
stattgefunden hat. Ich bin neugierig, wann wohl einmal ein ranghoher
deutscher
Politiker sich an einem solchen Gedenktag nach Tulle begibt und sich
schweigend
an der Gedenkstätte verneigt.
TERZ: Würden Sie sagen, dass man
nach dem Zweiten Weltkrieg
zwecks Westintegration der Bundesrepublik in der Ära des kalten
Krieges schnell
zur politischen Tagesordnung übergegangen ist, ohne an Tabus wie
massive
Kriegsverbrechen oder auch die weit verbreitete Kollaboration zu
rütteln?
B. K.: Generell
ist festzuhalten, dass die Sprache und die
politische Kultur damals versagt haben. Es kam nicht zur Thematisierung
der
verbrecherischen Taten, die außerhalb Deutschlands begangen
worden waren. Sie
wurden nicht ausgesprochen. Man redete auch nicht von Verbrechern,
vielmehr war
die Rede von Soldaten, Heimkehrern oder Kriegsgefangenen. Die
Bundesregierung
betrieb aktive und intensive juristische Beratung der Verbrecher, die
sich im
Ausland (vorwiegend in Frankreich) vor Gericht zu verantworten hatten.
Die
ehemaligen Angehörigen der Körperschaften – Wehrmacht,
SS, Polizei, Justiz –
widersetzten sich heftig und effizient der
„Aufklärung“. Dem half zusätzlich
der grassierende Antikommunismus des Kalten Krieges, wobei viele
ehemalige
Täter sich bestätigt fühlen konnten, dass sie angeblich
bereits vor 1945 den
richtigen Gegner bekämpft hätten.
TERZ: Wann erscheint der vierte Band,
der sich mit der juristischen
Aufarbeitung der untersuchten deutschen Kriegsverbrechen
beschäftigt?
B.K.: Daran
arbeite ich zur Zeit, und zwar wenigstens noch
ein Jahr.
TERZ: Gab es nach dem Krieg
nennenswerte deutsche Versuche,
entweder begangenes Unrecht zu lindern oder aber in revanchistischer
Art und
Weise gegen Frankreich oder Belgien vorzugehen, z.B. über
bestimmte
Stiftungen?
B. K.: Zuerst,
was das Bereuen angeht, so bleibt die Geste
Willy Brandts in Warschau auch heute noch die überzeugendste
„Rhetorik“, um
sich von offizieller deutscher Seite den Taten der Vergangenheit zu
stellen.
Solche Gesten werden noch vielerorts in Europa erwartet. Dem steht ein
neuer
Trend in Deutschland entgegen, der ein dumpfes „es reicht
jetzt“ diffus
artikuliert. Brandt-Gesten wird es daher in Zukunft kaum noch geben.
Dabei sind
ungemein viele Vorgänge und Tatkomplexe noch nicht aufgeklärt
und
aufgearbeitet. Was die revanchistischen Kreise angeht, die sich auf
eine
großdeutsche Nostalgie oder den alten deutschen Nationalismus
berufen, so sind
sie zwar massiv in Deutschland vorhanden, aber sie haben ihre
Kleiderordnung
„zivilisiert“ und haben gelernt, die anstößige
Artikulation und
Selbstdarstellung zu vermeiden. Die meisten sind im Schoß der
großen Parteien
integriert worden. Konnte man noch vor 20 Jahren am teilweise
kriminellen oder
demokratiefeindlichen Gebaren dieser damals noch sichtbar virulenten
Clubs
Anstoß nehmen, so muss man heute eher skandalisiert und
beunruhigt sein, wie
viel von ihrem expansionistischen Gedankengut und Machtwillen Gemeingut
normaler deutscher Außen- bzw. Kulturpolitik geworden ist.
TERZ: Sie bedanken sich bei manchen
Behörden für deren
Unterstützung, andererseits scheint es bis heute nicht
möglich zu sein alle
Archive zu benutzen. Auch unter politischen Gesichtspunkten: Wurde Ihre
Arbeit
durch welche Behörden auch immer eher behindert oder
gefördert?
B. K.: Die
deutschen Archive in Berlin, Freiburg,
Düsseldorf, Koblenz und Ludwigsburg haben mir sehr zuvorkommend
geholfen. Das
traf auch bislang für die französischen Archive zu. Jetzt
aber, wo ich auf die
Konsultierung der Justizarchive zugehen möchte, erlebe ich
große
Schwierigkeiten bei den französischen Archiven. Es hat sicherlich
damit zu tun,
dass die „Collaboration“ bewirkt hat, dass zahlreiche
Franzosen (Polizei,
Miliz, SS-Freiwillige, Vichy-hörige Funktionäre, Spitzel) an
verbrecherischen
Aktionen gegen ihre Landsleute beteiligt waren, und auch dies wird in
den
Gerichtsakten dokumentiert sein. Es sind allerdings auch
französische
Instanzen, die sich zur Zeit zu meinen Gunsten dafür einsetzen,
dass dieses
Embargo der 100-Jahre-Frist aufgehoben wird.
TERZ: Herr Kartheuser, vielen Dank
für dieses Interview.
www.terz.org - 24.10.2005