Der Hassprediger

Neonazis unter der Lupe: Manfred Breidbach

So oft kommt es nicht vor, dass ein scheinbar unbedeutender stellvertretender NPD-Kreisvorsitzender aus dem wahlpolitisch erfolglosen Westen der Republik beim starken Mann der Partei ins Blickfeld gerät.

Im Herbst 2011 war es soweit. Holger Apfel schickte sich gerade an, Vorsitzender seiner Partei zu werden. Einer Partei, die weitgehend neonazistisch geprägt ist – aber nicht mehr so erscheinen soll, geht es nach dem Sachsen. Auf "Bürgernähe" will er die NPD trimmen, auf "Politikfähigkeit" und "Kümmererpartei". Allzuviel NS-Nostalgie stört da. Also stört auch einer wie der Düsseldorfer Manfred Breidbach, der stellvertretende Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Mettmann/Düsseldorf.

Jedenfalls stört einer wie Breidbach dann, wenn er nicht nur in Hinterzimmern vor sich hin pöbelt, sondern mit seinen Auftritten in die Medien gelangt und sich sogar noch ein Strafverfahren einhandelt. "Notfalls" müsse man sich "auch mal von Leuten trennen, die die NPD nur instrumentalisieren oder Politik mit einem Abenteuerspielplatz verwechseln", so Apfel in einem Interview mit der Parteizeitung "Deutsche Stimme". Ohne Breidbach namentlich zu erwähnen, schimpfte Apfel gegen "Krawall-Redner, die es schlau finden, in Marktplatzreden brennende Moscheen oder angeblich am nächsten Laternenpfahl aufzuknüpfende Politiker zu fordern". Apfel: "Das Problem ist, daß einige wenige Idioten einen fatalen Gesamteindruck hinterlassen."

Rund zwei Wochen zuvor hatte der so indirekt als "Idiot" titulierte Breidbach wieder einmal einen seiner Auftritte als Demoredner gehabt – einen jener Auftritte, die sich seit dem Herbst 2010 häuften und bei denen er sich ungebremst rassistisch, antisemitisch und mit einem abgrundtiefen Hass auf alles Demokratische äußerte. An jenem 1. Oktober 2011 hatten es ihm die "oberen Zehntausend" angetan, zu denen er "die Führer aus Wirtschaft und Politik, hohe Würdenträger des Staates, Gewerkschaftsbonzen, Manager, Kirchenführer, Redakteure, Medienkartelle und so weiter" rechnete. Dies seien "Parasiten auf höchstem Niveau", donnerte Breidbach ins Mikrofon. In naher Zukunft gebe es "nur eine einzige Möglichkeit, wie mit diesen Leuten zu verfahren ist, nämlich sie am nächsten Laternenpfahl aufzuhängen, mit einem Schild um den Hals, auf dem geschrieben steht: ,Ich habe Verrat an meinem Volk begangen!'". Sein Publikum jubelte angesichts soviel Direktheit.

Einer unter vielen

Dass ihm einmal fast 300 Neonazis an den Lippen hängen würden, war vor Jahren nicht unbedingt zu erwarten. Seit Ende der neunziger Jahre war er Teilnehmer zahlreicher Neonazi-Aufmärsche – aber als einer unter vielen und zunächst ohne herausgehobene Funktion. Immer häufiger sah man ihn gemeinsam mit dem zwölf Jahre jüngeren Düsseldorfer Neonazi Sven Skoda. Vom einfachen Demo-Gänger stieg er zum Ordner bei Veranstaltungen der Szene auf. Im rheinland-pfälzischen Örtchen Marienfels gehörte er im Mai 2004 einer kleinen Delegation um Christian Malcoci an, die – als Höhepunkt der Veranstaltung – einen Kranz auf demjenigen Friedhof ablegte, auf dem kurz zuvor noch ein Denkmal für die Gefallenen des I. Panzer-Korps der Waffen-SS gestanden hatte. Im Juli 2008 dann schließlich trat er erstmals bei einem Aufmarsch ans Mikrofon – allerdings noch nicht mit einem eigenen Text: In Bonn, wo Neonazis gegen die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf die Straße gingen, las er ein Grußwort des US-amerikanischen Neonazis Gary Lauck (NSDAP-AO) vor.

Wiederbelebung der NPD in Düsseldorf

Seit wann Breidbach in der NPD aktiv ist, ist unbekannt. Dass er aber in Düsseldorf zu jenen NPDlern gehörte, die im Frühjahr 2007 nach langjähriger Abstinenz die NPD vor Ort wiederbelebten und einen eigenen Ortsverband gründeten, darf als sicher angesehen werden. Viel spricht auch dafür, dass er Autor von Texten war, die mit dem Hinweis "Geschrieben von Ortsvorsitzender" unterzeichnet waren. Nach langen Jahren tauchten auch wieder Flugblätter mit Lokalbezug in der Landeshauptstadt auf. "Rath statt AnkaRath!" lautete die darauf formulierte Parole gegen "Moscheebau" und "Multikulti": "Damit Düsseldorf deutsch bleibt." Bei der Kommunalwahl im August 2009 trat Breidbach im Stadtteil Rath als NPD-Direktkandidat an. In Rath wohnt er auch, auf dem Gelände eines ehemaligen KZ, wie er betont. Gemeint ist ein ehemaliges Zwangsarbeiterlager der "Rheinmetall-Borsig AG" in Düsseldorf-Rath. Außerdem war Breidbach Spitzenkandidat auf der NPD-Reserveliste zum Stadtrat sowie für die Bezirksvertretung, die für Rath zuständig ist. Bei der Bundestagswahl einen Monat später kandidierte er auf Platz 4 der NPD-Landesliste. Im Wahlkreis Düsseldorf I kam er als Direktkandidat auf 0,8 Prozent der Stimmen.

Als stellvertretender Kreisvorsitzender des NPD-Kreisverbandes Mettmann/Düsseldorf wurde der heute 43-Jährige zuletzt im März 2011 im Amt bestätigt. Dabei wurde er explizit als "erster Stellvertreter" der wiedergewählten Kreisvorsitzenden Nadine Braun bezeichnet. Braun hatte bei jener Jahreshauptversammlung die "erfolgreiche Zusammenarbeit mit den parteiungebundenen Kameradinnen und Kameraden" betont. In diesem Zusammenhang nannte sie insbesondere die "Nationalen Sozialisten Wuppertal" und die "AG Rheinland". Breidbach gab bei jener Versammlung seine Funktion an der Spitze des NPD-Ortsverbandsvorstands für Düsseldorf ab. Er könne "aus persönlichen Gründen" das Amt des Vorsitzenden nicht mehr wahrnehmen, berichtete die NPD.

Der "Militärhistoriker"

Militärgeschichtliches, vor allem mit Bezug auf das "Dritte Reich", hat es Breidbach besonders angetan. Bis in den März 2011 war er nach Informationen der LOTTA (Antifaschistische Zeitung, Anm. TERZ) als Administrator beim "Militaria Fundforum" aktiv. In dem Internetforum tummeln sich auch Vertreter der extremen Rechten. Grund genug für Breidbach, im Februar 2011 die Forumskommentatoren eindringlich zu warnen: "Fangt hier keinesfalls an den Holocaust zu leugnen." Das Forum und seine Autoren sollten nicht durch strafbare Äußerungen in Gefahr gebracht werden: "Also bitte unterlasst dieses Thema hier unbedingt!"

Strafbares hat Admin "Manni" selbst an dieser Stelle großräumig umschifft. Stattdessen legte er beispielsweise Ralph Tegethoffs Buch "Generalmajor Otto Ernst Remer – Kommandeur der Führer-Begleit-Division" den Kameraden ans Herz. "Der Autor ist ein Bekannter von mir", berichtete "Manni". Das Buch beschreibe Remers "unermüdlichen Kampf bis in die heutige Zeit". "Manni" riet, das Buch von Neonazi Tegethoff über Altnazi Remer rasch zu ordern: "Da Remers Meinung hier sehr genau wiedergegeben wird rate ich zu schnellem Kauf. Könnte sein das es das Buch nicht lange gibt."

Manni gibt Gas

Lange agierte der Düsseldorfer im Verborgenen oder nur in der zweiten Reihe der regionalen Neonaziszene. Sein eigentliches Coming-Out als Hetzredner hatte er bei einer Neonazi-Demonstration im Velberter Stadtteil Neviges (Kreis Mettmann) Ende Oktober 2010. Gleich zum Auftakt der Veranstaltung trat er ans Mikrofon und sorgte für Stimmung im braunen Fußvolk. Breidbach wetterte gegen die "Multi-Kulti-Kanakenrepublik" und die "multikulturelle Pest", warnte vor einer "Rassenmischung" und forderte sein Publikum dazu auf, es solle "bis aufs Blut gegen die Überfremdung kämpfen" und so "unsere Rasse vor dem Untergang bewahren". Überraschend war es dann nicht mehr, dass Breidbach seine Rede mit einem Zitat des NSDAP-Propagandisten Julius Streicher beendete: "Ein Volk, das nicht auf die Reinheit seiner Rasse achtet, geht zugrunde." Streicher, so erläuterte der NPDler dem geschichtlich weniger beflissenen Teil seiner Zuhörerschaft, habe "in Deutschlands großer Zeit gewirkt".

Drei Monate später, Ende Januar 2011, hielt er bei einer Demonstration in Wuppertal eine durch und durch antisemitische Rede. Vor strafrechtlicher Verfolgung versuchte er sich zu schützen, indem er immer dann die Chiffre "die alte Firma" benutzte, wenn er Juden meinte. Verstanden wurde er von seinen Kameraden auch so. "Dass Kapitalismus und Kommunismus keinesfalls Gegner sind, sondern vielmehr nur einzelne Teile der alten Firma und somit ein Gesamtkonzept, das zeigt uns das Beispiel des 2. Weltkrieges", dozierte er. "Als in Europa politische Ideen aufblühten wie der Faschismus und der Nationalsozialismus, da kämpften die angeblich gegensätzlichen politischen Lager Kommunismus und Kapitalismus sofort gegen diese Idee, zerstörten sie mit ihrer militärischen Übermacht und töteten Abermillionen Menschen. Während dabei die Völker der Welt auf den Schlachtfeldern ausbluteten, verdiente die alte Firma unendlich an diesem Krieg." Der "ewige Jude" also... Und dieser lenke sogar die Antifa. Breidbach: "Wir haben erkannt, wer sich hinter der Maske der linken Antifa verbirgt. Es ist die ewige Fratze der alten Firma Zion. Und es wird Zeit, dass diese alte Firma ein für alle Male geschlossen wird."

Anfang April 2011, bei einem der alljährlichen Neonazi-Aufmärsche in Stolberg bei Aachen wetterte er wieder gegen die "multikulturelle Pest" und die "Krawatten tragenden Parasiten in den Parlamenten". "Arische Menschen" stünden "mit dem Rücken zur Wand", befänden sich gar im Krieg, zitierte das Fachmagazin blick nach rechts Breidbachs Auftritt. Muslime würden dem "verkackten Propheten Mohammed" hinterherlaufen. Aber eines Tages werde Deutschland "im Glanze brennender Moscheen" erstrahlen.

Neuer NS-Vormann in der NRW-NPD

Spätestens zum Jahreswechsel 2010/2011 war der NPD-Kreisverband Mettmann/Düsseldorf um Braun und insbesondere Breidbach darum bemüht, sich auch öffentlich wahrnehmbar auf dem neonationalsozialistischen Flügel der Partei zu profilieren. Die Position des NS-Vormanns im Landesverband war einige Monate zuvor durch die Einleitung von Parteiausschlussverfahren gegen den Dürener Kreisvorsitzenden Ingo Haller und seine Stellvertreter René Laube und René Rothhanns vakant geworden. Bei einer "Mobilisierungsveranstaltung" für die Wuppertaler Neonazi-Demo im Januar 2011, die Mitte Dezember 2010 im Stammlokal der regionalen Neonaziszene in Mettmann stattfand, widmete er sich dem Zustand seiner Partei sowie dem Verhältnis zwischen Neonazis innerhalb und außerhalb der NPD. Breidbach habe sich in seiner Ansprache "rückhaltlos zum lebensrichtigen Menschenbild des nationalen Sozialismus" bekannt und sich "deutlich von reaktionären Machenschaften in den Reihen der NPD" abgegrenzt, freuten sich die Wuppertaler Neonazis. Für ihn und seinen Kreisverband werde es auch 2011 eine Selbstverständlichkeit sein, eng mit den "freien Kräften" der Region zusammenzuarbeiten und "eine radikale Politik in Abgrenzung zum System zu praktizieren, ganz gleich was selbsternannte ,Politikfähige' in der Partei davon halten mögen", wird Breidbach in dem Bericht zitiert.

Und so agierte Breidbach auch bei jener Demonstration in Hamm, die auf das Missfallen Apfels stoßen sollte. Neonazis, die den Düsseldorfer NPD-Funktionär als Redner einladen, können zuverlässig davon ausgehen, dass er diesseits und jenseits der Grenzen des Erlaubten rhetorisch alles gibt, ob es um blanken Rassismus, Antisemitismus oder um seine Vision brennender Moscheen geht. Gleich eingangs seiner Rede zitierte er "Deutschlands größten Sohn", und sogar der Unbedarfteste seiner Zuhörer verstand, dass er selbstredend den "Führer" meinte. Vor der "Blutmischung mit fremden Menschenarten" warnte Breidbach. Nach seiner Empfehlung, die "oberen Zehntausend" aufzuknüpfen, war er noch längst nicht fertig. Zumal er weitere Mitschuldige an der deutschen Misere ausgemacht hatte: eine Gruppe, "die hauptsächlich durch ihr Nichtstun die Verantwortung trägt für die fortschreitende Überfremdung unseres Volkes, und das ist der spießbürgerliche Mittelstand. Lehrer und Beamte, Pfaffen, Journalisten, kurzum devote Diener dieses Staates mit Schlips und Kragen, denen nichts heiliger ist als die Unversehrtheit ihres erbärmlichen Spießbürgerdaseins". "Gutmenschen" nennt er sie und erklärt: "Gutmenschentum ist geistiges Untermenschentum." Wie man wiederum mit ihnen verfahren sollte? Die "Millionen Gefallenen der Weltkriege", so Breidbach, "hätten sicherlich kein Problem damit, wenn wir uns jeder einen Knüppel schnappen und diese ganze gutmenschliche Multikulti-Idiotie kurz und hagelklein schlagen". Breidbachs Publikum war begeistert. "Deutschland muss leben – und wenn wir alle draufgehen!", schreit Breidbach ins Mikrofon und beendet seine Rede. Ein paar Tage später wurde bekannt, dass die Polizei wegen der Rede Ermittlungen gegen ihn eingeleitet hat.

Er finde nicht, so sagte Breidbach kurz darauf bei einer Saalveranstaltung von Neonazis aus dem Rheinland in Köln, dass er "zu radikal in meinen Äußerungen gegen gewisse religiöse Gruppierungen und so weiter" sei. Es gebe aber diese "ewigen Bedenkenträger", deren Argumentation er nicht im geringsten nachvollziehen könne: "Nämlich die, die meinen, ich würde mit meinen radikalen Äußerungen den durchschnittlichen Spießbürger vergraulen. Was ist schlimm daran, wenn Spießer und Pfeffersäcke aus unseren Reihen verschwinden und radikalen Leuten Platz machen?" Damit dürfte er aber aktuell selbst im nordrhein-westfälischen NPD-Landesverband keine Mehrheit finden. Eine Zuspitzung des Konfliktes ist absehbar.

Tomas Sager und Alexander Brekemann

(Anmerkung der TERZ: Dieser Artikel erschien Mitte Januar in der Ausgabe #46 der "LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen" und wurde uns auf unsere Bitte hin von der LOTTA zum Nachdruck zur Verfügung gestellt.)