Alle Jahre wieder, pünktlich zur Vorweihnachtszeit, tauchen im Lande
Geldeintreiber auf, deren Profession es ist, aus einem schlechten Gewissen Geld
zu machen.
Behinderte und alte Menschen, die mit ihren finanziellen Mitteln vorne und hinten
nicht zurecht kommen, durch Krankheit gezeichnete MitbürgerInnen, die sich
eine vernünftige Behandlung nicht erlauben können, und nicht zuletzt
die Millionen hungernder Kinder in der Dritten Welt mit ihren großen,
resignierenden oder erwartungsfrohen Kulleraugen bieten hier das entsprechende
Anschauungsmaterial.
Nun könnte man beim Anblick dieser Bilder durchaus auf den Gedanken kommen,
ein System, das derartiges Elend produziert, sei ein Scheißsystem und
gehöre abgeschafft. Die SpendeneintreiberInnen hingegen streichen vorsätzlich
die wirklichen Ursachen von Armut und Elend und behaupten stattdessen, es läge
am Egoismus des Individuums, das verantwortlich für die geschilderten Umstände
sei. Oder - und das ist die Lehre der folgenden Geschichte - der Egoismus ist
der Ausweg aus dem Übel der Welt.
Die Gala der Reichen für die Armen
Alle Jahre wieder treffen sich im Swisshotel in Neuss die Reichen, Schönen
und Erfolgreichen dieser Gesellschaft und spenden demonstrativ für die
armen Kinder dieser Welt. Keinem informierten Zeitgenossen dürfte dieses
Event verborgen geblieben sein, denn keine Zeitung, Zeitschrift, Illustrierte
oder kein Klatschblättchen ließ es sich nehmen, über diese UNESCO-Veranstaltung
zu berichten. Unter der Regie von Düsseldorfs Schneiderin und Sonderbotschafterin
des vorhin benannten Vereins Ute Ohoven sowie der Schirmherrschaft von Ex-Kanzler
Kohl tummelte sich die illustre Gästeschar um die reich gedeckte Tafel,
erfreute sich über dicke Gewinne bei der Tombola und schwang das Tanzbein
im von den Musikanten vorgegebenen Takt. Am Ende der Show durfte Ute Henriette
Ohoven verkünden, dass 910 000 Euro für die Kinder in Not eingegangen
seien.
Insgesamt soll es eine fröhliche Veranstaltung gewesen sein, vertraut man
der Berichterstattung. Küsschen hier, Küsschen da, - herzliche Umarmung
inbegriffen - und feistes Grinsen in die Kamera waren an diesem Abend angesagt.
Die Gemeinde war ein Herz und eine Seele, vereint, die Mildtätigkeit zur
Schau zu stellen.
So manchem Zeitgenossen mag es beim Anblick dieser Bilder speiübel geworden
sein. Schließlich passen für ihn die Prahlerei mit dem vorgegebenen
Zweck der Veranstaltung nicht überein. Er merkt sehr wohl, dass die Figuren,
die sich hier profilieren wollen oder müssen, knallhart berechnende Typen
sind.
Da hat sich im Vorfeld die Presse nicht lumpen lassen und ein paar hübsche
Details unter's Volk gebracht. So soll der Ehemann des "Engels der Armen",
Mario Ohoven, den einen oder anderen Kunden seiner Firma über den Tisch
gezogen haben. Auch wurde ihm unterstellt, den Benefiz-Abend als Gelegenheit
zum Kundenfang zu nutzen.
Natürlich ließ der Geschäftsmann die üblen Sprüche
gerichtlich verbieten: Die Konkurrenz kämpft - und das weiß er aus
seiner eigenen Tätigkeit ganz genau - mit allen Mitteln, um dem Widersacher
eins auszuwischen.
Unerwähnt blieben die Forderungen, die der Chef des mittelständischen
Unternehmerverbandes im Vorfeld des Wahlkampfes gegen diejenigen vorbrachte,
die tagtäglich die Knochen für den Geschäftserfolg hinhalten
müssen: Die Ausweitung des Niedriglohnsektors, die Wiedereinführung
der Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle oder der Vorschlag,
den Kombilohn etwa fünf Prozent über dem Arbeitslosengeld anzusiedeln.
Die Interessen der LohnarbeiterInnen stehen halt nicht öffentlich zur Diskussion.
Warum sich Ohoven so aufregt, bleibt dennoch rätselhaft. Schließlich
übersieht doch niemand, dass jedeR TeilnehmerIn der Gala darauf schielt,
mit einem hübschen Spruch, der in der Presse veröffentlicht wird,
oder einem Bild an der Seite einer noch besser angesehenen Person seinen Marktwert
zu steigern.
Und die Moral von der Geschicht'
Bisweilen wird vermutet, die Benefiz-Veranstaltung sei eine Ausgeburt der Scheinheiligkeit.
Dem ist nicht so. Tatsächlich sind sich die Figuren, die sich da den Bauch
vollschlagen, angeberisch vor den PressefotografInnen posieren und ihr Almosen
in der Tombola-Büchse verschwinden lassen, mit sich und der Welt im Reinen.
Sie wissen, dass sie als LieblingsbürgerInnen der Republik genau das anerkannt
Richtige tun, wenn sie in ihrem bürgerlichen Leben den Erfolg zur Maxime
ihres Lebens erklären. Das gelungene Geschäft, die hohe Rendite sind
die Zwecke, die letztendlich in unserer Gesellschaft Gültigkeit haben.
Der Staat gibt dem Anliegen Recht, indem er mit Gesetz und Gewalt die Bedingungen
einrichtet, die das Geschäft überhaupt erst ermöglichen. Mit
der Absicherung des Privateigentums gestattet er denjenigen, die über solches
verfügen, national und international aus Geld mehr Geld zu machen. Die
Übrigen verpflichtet er zur uneingeschränkten Dienstbarkeit dem Privateigentum
gegenüber.
Entsprechend verhält es sich auch mit der Moral der LieblingsbürgerInnen.
Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie reich und erfolgreich sind. Im Gegenteil.
Sie verklären ihr Tun zu einer Wohltat gegenüber dem gemeinen Volk.
Ihr Bedürfnis nach Vernutzung von Arbeitskraft, ihre Entscheidungsgewalt
über Millionen von Existenzen bezeichnen sie mit dem Begriff "Verantwortung".
Genau so verhalten sie sich gegenüber den übrigen Elendsgestalten
dieser Welt: Nur wenn sie kompromisslos ihr Interesse durchsetzen, kann was
für die Hungerleider abfallen. Das demonstrieren sie auf allen Benefiz-Veranstaltungen
und glauben vielleicht auch daran.
Dem gemeinen Bürger mag das nicht so ganz einleuchten. Seine moralischen
Maßstäbe, mit denen er die feinen Leute beurteilt, sind zwar nicht
großartig unterschiedlich, gehen aber von gegensätzlichen Bedingungen
aus. Auch er erklärt sich "verantwortlich" für sein Gemeinwesen.
Nur bedeutet sein Einsatz für dieses in der Regel, Verzicht zu üben.
Einerseits hält er sich die ruinöse Plackerei am Arbeitsplatz in der
Form zu Gute, dass er stolz darauf ist, trotzdem immer brav seinem Herrn gedient
zu haben. Andererseits demonstriert er die Zufriedenheit mit seinem Los mit
dem unterwürfigen Spruch: "Arm aber ehrlich".
Wenn ihm nun die Spendengeier noch ein paar Cent für die Armen der Welt
abknöpfen wollen, findet er es richtig und selbstverständlich, dass
dies zu seinem materiellen Schaden gereicht. Das gute Gewissen ist ihm so gewiss.
In jedem Falle dient die Moral der ideologischen Rechtfertigung der Resultate
des praktischen Lebens. Und diese sind bei den Reichen und Mächtigen nebst
ihrem gut bezahlten Vergnügungskomitee der Erfolg, bei dem Rest der Mannschaft
der Misserfolg.
HENRICI
www.terz.org - 26.11.2002