"*Bei der Citibank hatte es Ende 1998 einen Streik gegeben. Wir fragten
uns, ob dieser Zeichen für das Entstehen einer neuen Militanz in diesem
Bereich sein könnte.
* In unser Region, dem Ruhrgebiet, wurde ein Call Center nach dem anderen eröffnet.
Die Zahl der Call Center-ArbeiterInnen ging schnell in die Tausende. Immer mehr
junge Leute, auch aus unserem Freundeskreis, gingen dort hin zum Arbeiten.
* Die meisten Jobs in Call Centern waren für Ungelernte. Uns eröffnete
das die Chance, da eingestellt zu werden. Aber wir sahen darin auch eine Chance,
jenseits von Berufsstolz und dem Mythos des "besseren Angestellten', Konflikte
und Kämpfe zu finden." aus Hotlines
Kolinko beschließt, sich die Callcenter etwas genauer anzugucken, und
zwar auf eine Art, die (erstmal) weh tut: Sie gehen selber in verschiedenen
Callcentern arbeiten. Die Erfahrungen, die sie und ihre KollegInnen dort gemacht
haben, sind in diesem Buch dokumentiert. Die Entscheidung, als Kollektiv arbeiten
zu gehen, die alltägliche Erfahrung im Kontext des "wirtschaftlichen
Umbaus" zu sehen, steht in der Tradition der "Militanten Untersuchung".
Das Konzept der Untersuchung entstand in den späten '50ern / frühen
'60ern in Frankreich und Italien.
"Man beginnt damit, sich anzuschauen, wie die Fabriken beschaffen sind,
wie sie wirklich funktionieren, wie die Arbeiter sind, wie die Leitung ist.
Man fängt an, den Begriff der Arbeiteruntersuchung zu verbreiten, die zusammen
mit den Arbeitern von ihrem subjektiven Standpunkt aus gemacht wird. Eine auf
Erkenntnis und Praxis zielende Untersuchung und Forschung, die darauf gerichtet
ist, Kämpfe und Initiativen von unten und außerhalb oder oft gegen
die vermittelnde Funktion der Parteien und Gewerkschaften auszulösen."
R. Alquati, Quaderni Rossi Nr. 2, 1962 nach "Die goldenen Horden"
Moroni/Balestrini
Nun geht es Kolinko nicht darum, ultralinke Traditionspflege zu betreiben, '99
veröffentlichen sie mit "Subversion des Alltags" einen Text,
der einerseits zwar ein Versuch ist, mit "der Linken" in die Diskussion
zu kommen, anderseits aber eben die Alltäglichkeit des Lebens und Überlebens
im Kapitalismus in den Mittelpunkt stellt. Zitate aus diesem Text durchziehen
auch das Hotlines-Buch und ermöglichen immer wieder eine Rückkopplung
mit ihrem Grundatztext.
"Wir wollten uns nach Monaten zäher kleingruppiger Grundsatzdiskussionen
rund um das Subversion des Alltags-Papier wieder Realität um die Nase wehen
lassen. Nicht nur lesen und schreiben, sondern auch sehen, hören, fühlen,
kreativ werkeln, trouble machen und dabei die bestehenden Erfahrungsunterschiede
zwischen uns aufheben. Außerdem war den meisten von uns "ArbeiterInnenuntersuchung"
bis dato zwar durch Überlieferungen älterer GenossInnen und der italienischen
Mythologie bekannt, aber wir wollten es jetzt auch selbst ausprobieren."
Hotlines
Sie haben es selbst ausprobiert, und in "Hotlines" werden die gemachten
Erfahrungen miteinander in Bezug gesetzt und analysiert. Das dies einer "radikalen
Linken", die sich schon lange nicht mehr mit den Arbeitsverhältnissen
auseinandersetzt, und die sich vom Klassenbegriff verabschiedet hat, da ArbeiterInnen
kollektiv ja eh nur eine dumpfe und angepaßte Masse zumindest latent rassistischer/faschistischer
IdiotInnen sind, eher schwierig zu vermitteln ist - tja - das ist status quo.
"Arbeit" ist Privatsache und wenn wir etwas über "Ökonomie"
wissen wollen, lesen wir eben den Wirtschaftsteil der FAZ...
Ansonsten beömmeln wir uns über Erklärungen der MLPD, und die
sind ja, nett gesagt, wirklich meist sehr lustig - aber immerhin lohnarbeiten
die ja wirklich in den Betrieben, von denen sie reden. Der Ansatz von Kolinko
ist jedenfalls ein anderer und die Interpretation bleibt in ständiger Verbindung
mit dem Erlebten:
Ohne das Call Center könnte Aldi keine Computer verkaufen, oder Aral oder
Tschibo könnten keine Brenner oder Scanner verticken. Es sei denn, mensch
würde eine Bibliothek an Büchern mitliefern. Es gibt Leute, die fragen
schon beim Kauf, ob es einen Support gibt, ob sie bei Problemen irgendwo anrufen
können. Es ist auch eine psychologische Betreuung, dass die Leute das Gefühl
haben, dass sie nicht mit dem Produkt und den Problemen alleingelassen werden.
[Medion, Mülheim, 2001] Hotlines
Es ist die Verknüpfung "abstrakter" Analyse und "unmittelbarer"
Erfahrung, das Bestehen auf der Direktheit der "kommunistischen" Position
in Rückkopplung mit der Beschreibung der Vielfalt der alltäglichen
Widerstandsaktionen innerhalb und gegen die Arbeit, die dieses Buch leider bis
auf weiteres einmalig macht:
"Um nach der Schicht noch einigermaßen alle Sinne beisammen zu haben,
lassen sich die ArbeiterInnen Mittel und Wege einfallen, sich Pausen zu verschaffen,
Oasen der Ruhe, um mal durchzuatmen. Dafür geben sie vor, was Wichtiges
zu tun zu haben, und bleiben dann zufällig am Kaffeeautomaten hängen.
Sie machen falsche Computereingaben, um die Bearbeitung eines Calls abzukürzen,
oder "Arbeit nach Vorschrift", aber eben langsam und gemächlich,
damit auch ja nix falsch läuft. Wenn das alles nicht reicht, muss halt
mal ein Krankenschein her. Nach ein paar Tagen im Bett und auf Partys kann mensch
den Telefonterror dann wieder einigermaßen ertragen." Hotlines
"Call Center stellen keinen eigenen Sektor dar. Sie sind bestimmt durch
eine besondere Arbeitsorganisation, die in verschiedenen Sektoren angewandt
wird. Grob zusammenfassend lässt sich sagen, dass ArbeiterInnen in einem
Call Center als humane Schnittstelle zwischen einem Datenspeicher (Kundendateien,
Produktinfos, Internet...) und einer Anruferin oder einem Angerufenen funktionieren.
Mit dem Datenspeicher sind sie über einen Computer verbunden, mit "dem
Kunden" meistens über Telefon, aber auch über Fax und Email."
Hotlines
Callcenter sind also auch ein relativ junger Versuch, durch Umstrukturierung
der Arbeitsorganisation und die Einführung neuer Technologie, etablierte
ArbeiterInnenzusammenhänge aufzulösen. Einerseits geht es bei dieser
Strategie darum, die Profitrate zu maximieren, anderseits stellt diese (von
Marx-Orthodoxen blind begrüßten) "Produktivkraftentwicklung"
immer auch einen Angriff auf die potentielle "Macht" der ArbeiterInnen
dar, ihre Forderungen gegen das Kapital durchzusetzen. Ein gutes Beispiel ist
der Bankensektor: die CC-Agents der Citibank, Commerzbank, Deutsche Bank werden
wesentlich mieser bezahlt als Bankkaufleute, obwohl sie durch die Neuorganisierung
der Arbeit viele derer Tätigkeiten übernehmen. Und eben das ist Voraussetzung
für Massenentlassungen und Filialschliessungen. Nur stellt die "Automatisierung"
alleine nicht die Grundlage für einen neuen Typ von Kapitalakkumulation
dar, denn nur lebendige (menschliche) Arbeit schafft den Mehrwert, und es ist
die fundamentale Misere des Kapitals, sich immer nur darüber reproduzieren
zu können, indem es die ArbeiterInnen eben am Arbeiten hält.
"Call Center sind Zeichen dafür, dass trotz oder gerade wegen der
Maschinen die direkte menschliche (und hierarchische) Zusammenarbeit zentral
für die kapitalistische Verwertung bleibt. Fragt man einzelne ArbeiterInnen,
ob sie mit anderen zusammenarbeiten, werden die meisten mit "nein"
antworten. Offensichtlich wird die Kommunikation mit KollegInnen nicht als "Arbeit"
begriffen. Aber die Gespräche untereinander sind notwendige Voraussetzung
für den Arbeitsprozess und täglicher Bestandteil des sozialen Miteinander
im Call Center." Hotlines
Im Buch thematisiert Kolinko neben anderen Fragen nach Arbeitsorganisation
und -kooperation viele andere Aspekte des alltäglichen Klassenkampfs: ArbeiterInnenmacht,
Kapitalzusammensetzung, Funktion von Gewerkschaften und Betriebsräten,
das Verhältnis Mensch/Maschine, die Krise ...
Sympathischerweise geschieht das nicht als alles erklärender theoretischer
Diskurs, sondern immer mit der Absicht, mögliche Bruchstellen innerhalb
der kapitalistischen Totalität herauszufinden. Fast noch sympathischer
ist die selbstkritische Reflexion der eigenen Praxis, sowohl der Untersuchung,
als auch der diversen Interventionen, z. B. durch Flugblattaktionen in diverse
Konflikte einzugreifen. Das Buch ist auf jeden Fall ausgesprochen lesenswert,
und der immer mal wieder durchbrechende, reichlich trockene Humor der AutorInnen
trägt mit dazu bei, dass es auch schlicht Spaß macht, sich mit ihm
hin - und auseinander zu setzen.
Richtig interessant wird es allerdings, wenn mensch sich zu den - aus der CC-Untersuchung
entwickelten - Vorschlägen durchgelesen hat. Wie gesagt - der praktische
Bezug auf das "alte" Konzept der "Militanten ArbeiterInnen-Untersuchung"
entwickelt sich nicht aus nostalgischer Schwärmerei für längst
vergangene mediterrane Klassenkämpfe - "Untersuchung", es bedeutet
nach wie vor, sich individuell und kollektiv, konkret und abstrakt die eigene
Position im Ausbeutungsverhältnis sehr genau anzusehen, gerade in Hinsicht
auf die möglichen Brüche.
Als sehr direkte praktische Kritik jeglicher Stellvertreterpolitik sind die
von Kolinko vorgeschlagenen Projekte auch eine Einladung an andere hierbei mitzumachen.
The Revolution will not be televised!
Hotlines Callcenter - Untersuchung - Kommunismus 223 Seiten + CD Rom (mit allen
Flugis, dem "Subversion des Alltags" und "Klassenzusammensetzung"-Text...)
für 9 Euro im ausgewählten Buchhandel (Bibabuze), im Handverkauf oder
im Netz: www.nadir.org/kolinko und noch viel mehr unter www.prol-position.net
Übrigens wird es Anfang nächsten Jahres noch ein Hotlines-Ereignis
in Düsseldorf geben - laßt euch überraschen!
Steffi. Unser bestes Gespräch.
piiiieps im headset, hallo anrufer, hier ist die nurfürsieda-bank, mein
name tut nichts zu sache, was kann ich gegen sie tun, mein mund gibt die phrase
wieder, ohne dass das großhirn eingreifen muss, hab ich doch grad noch
mit der steffi über bse und 68er diskutiert, jetzt geht es wieder ums ganze,
geld, ach ja, sie wollen aktien kaufen, da stelle ich sie durch, aber ihnen
sei gedankt fürn anruf, klack, ich leg auf und weg isser, piiieps! hier
ist die nurfürsieda-bank, überweisung? klar, von wo? wohin? wieviel?
rufen sie nie wieder an! klack, piiieps! hallo? nurfürsieda-bank, tach
auch, sie wollen sich beschweren, dann schreiben sie doch mal an folgende adresse,
ja die bearbeiten das auch irgendwann, ja hören sie mal, auch arschloch,
tschüss, klack, steffi, wo waren wir grad? ach ja, bei bse, piiieps! nurfürsieda-bank,
sie stören grad, was wollen sie? einen kredit, lassen sie es lieber, tschüss,
klack, piiieps! hej! was? wie? ja, nurfürsieda-bank, online-banking? also
sie kaufen sich einen computer und rufen bei der zuständigen hotline an,
viel glück, klack, piiieps! hallo, nurfürsieda-bank, aktien von dotcom
soundso, wieviel? für hunderttausend mack, klar doch mensch, und tschüss,
klack, huch! nee doch, ne falsche aktie eingetippt, naja, für den kerl
peanuts, piiieps! hallohallohallo, liebster kunde, ich verstehe sie nicht, also
ich leg dann mal auf, ne? klack, also mit bse ist das so, äh, steffi? hej
steffi! scheiße, sie hat einen anruf, piiieps! nurfürsieda-bank oder
so, waaas? sie waren nur zwanzig minuten in der warteschleife und dann wurde
die leitung unterbrochen, ja so machen die das hier, beschweren? schreiben sie
bitte an, ja die bearbeiten das auch, ich muss übrigens seit zwanzig minuten
aufs klo, tschüss, klack, piiieps! nurfürsieda hier, hallo teamleiter,
was du nicht sagst, meine performance ist heute wieder grad mal durchschnitt,
aber es gibt gute ansätze, lässt hoffen? und tschüss, klack,
scheiss drauf, piiieps! nein, ich kann sie nicht bedienen, mein computer ist
grad leicht abgestürzt, aber danke auch für ihr offenes wort, fick
dich ins, ach, schade, schon weg, hej steffi, die 68er hatten ja auch schon,
piiieps! nurfürsieda-bank, was kann ich nur tun? was? sie wollen grad jetzt
ihre telefonrechnung bezahlen, die bei der telekom, haha, tschüss, klack,
piiieps! nurfürsieda-bank, meinen namen? was tut der hier zur sache?! klack,
piiieps! ich weiss nix, klack, piiieps! nichtmehrda-bank, ich hasse sie, warum
rufen sie an, klack, piiieps! sie jetzt?! durchstellen? niemals! klack, piiieps!
nurfürsieda-bank hier, hej, ich sie auch, tschüss, klack, piiieps!
klack! klack! klack! kein piiieps? bse, mensch steffi, was für ein wahnsinn
Wir haben aus unserer bisherigen theoretischen und praktischen Arbeit viele
Fragen und sind auf der Suche nach den Antworten, die unserer Überzeugung
nach nur in den künftigen Kämpfen zu finden sind. Wir sind auf der
Suche nach den Kräften, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Wir
gehen davon aus, dass die negative Gesellschaftlichkeit des Kapitalismus da
aufgehoben wird, wo sie alltäglich produziert wird. Wichtig ist uns also,
Informationen über Kämpfe mitzubekommen, sie zu verbreiten und aus
ihnen zu lernen. Denn in den Kampferfahrungen wird die Kollektivität erlebt,
die eine andere Gesellschaft attraktiv und möglich macht.
"der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden
soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen
Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetztigen Zustand aufhebt. Die
Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung."
Marx/Engels.
OKAPI@M4F.NET