Übermorgen treffen wir uns zu einem kurzen Gespräch vor seinem Konzert
im Coffy in der Altstadt. Tom Liwa wieder mal auf Tour. Kann dieses Leben nicht
lassen, in kleinen Clubs seine "traurigen Lieder" vor einem ihm in
der Regel wärmstens zugeneigten Publikum zu spielen. Troubadour ... er
muss touren, weil man sonst als Musiker heute kaum noch überleben kann,
und er hat, das am Rande, eine 5köpfige Familie zu ernähren. Komisch:
Tom Liwa war immer irgendwie da, auch in Situationen, wo man musikalisch ganz
anders unterwegs war. Mit seiner Musik verhält es sich eigentlich so: manchmal
kannst Du sie einfach nicht hören. Und manchmal kannst Du NUR diese Musik
hören. Ich erlebte sie in den unterschiedlichsten Konzertsituationen: einmal
in Köln bei einer Jubiläumsfete des "Normal"-Ladens, muss
1997 gewesen sein. Tagsüber war ich noch im Laden, da sagte der Typ am
Tresen über das bevorstehende Konzert: "Der kriegt heute abend nen
schönes Konzert!" Für mich hörte sich das damals so an wie
"Der kriegt heut abend nen schönes Begräbnis." Und so'n
bisschen war es dann auch: Liwa im verschossenen Anzug, neben sich Frau, vor
sich Weinflasche, erst voll, später leer, dafür Liwa voll. Törnte
ab, das zu sehen, und andere Musik war nicht nur an diesem Abend viel interessanter.
Liwa hatte voll schlechte Karten. Dann in Dortmund, Subrosa, einem klassischem
Heimspiel für ihn. Ich fuhr total vergrippt hin, sagte jedem: das ist einer,
wenn nicht DER beste deutschsprachige Songschreiber der klassischen Schule,
muss man einfach hin. Im Laden schüttelte ich Frost, folterte mich mit
dem WOM-Magazin, und Liwa fing und fing nicht an. Ich beschloss, wieder zu fahren,
um fürs Wochenende nicht total im Arsch zu sein. Als ich rausging, fing
er an, aber er machte in einer wirklich ekligen Laberlaune Endlosansagen, nervte
sogar das ihm gutgesonnene Publikum und kam in jeder Beziehung nicht zu Potte.
Ich flüchtete einfach. Dann Berlin, Insel der Jugend, spazieren gehen.
Ein Miniplakat: heute abend Tom Liwa. Na mal hingehen, könnte ja gut werden.
Wurde fantastisch. St. Amour war gerade raus, und er hatte auf einmal wieder
verdammt viel Trümpfe in der Hand. Irgendwas hatte sich verändert.
Die Verkrampfung, die Leier schien weg zu sein. Die Seele hatte bei aller Empfindsamkeit
wieder Schärfe und Präzision. Dann das Konzert in Düsseldorf.
Er ist einfach präsent. Und er ist gut. Er redet nicht zuviel. Und wenn,
hat er was zu sagen. Wie die Story, wie ihm auf dem Duisburger Worldmusicfestival
seine Gitarre geklaut wurde, und wie ihm ein steinreicher Sponsor, dem der halbe
Duisburger Hafen gehört, Kohle für zwei neue spendierte. Die stehen
jetzt hier neben ihm. Es passt alles. Er spielt klar und bestimmt. Er singt
und gibt viel preis. Er ist mutig. Er ist fantastisch. Keiner will ihn gehen
lassen. Er hat keinen Backstage. Er kniet sich hinters DJ-Pult. Er kann nicht
entkommen. Er spielt noch eins, und noch eins. Und noch mehr. Bis klar ist:
jetzt lasst gut sein, das Konzert hatte dermaßen Klasse, something to
remember. Noch ein einziger Tropfen, und die Erinnerungslösung würde
umkippen. Wenn, dann geht nach vorne, wo er aus dem Koffer seine Platten verkauft.
Das Konzert hatte jene Intimität, für die Liwa bekannt ist. Jeder
kann teilhaben. Kein Kitsch und keine Phrasen, dafür Tiefe und Bewegung.
Früher hat er's in diversen Texten schon mal überrissen, so dass man
auf einmal da raus wollte. Heute ist alles klar, selbst die beste Verwirrung,
die dich weiterschauen lässt. Und auch zurückschauen: mittendrin spielt
er seine eigenen 80er-Referenzen, zB. Hüsker Düs "Hardly getting
over it". Gerade das. Unglaublich. Es passt wirklich alles.
Honker: Tom Liwa No Existe, Tom Liwa existiert nicht. Vielleicht erzählst
du erst mal, wie das mit der Hardcore-Platte kam?
Tom: Ich hab immer viel Punk-Sachen gehört, vor allem in den späten
80ern und 90ern, Hardcore, Dischord-Bands und Verwandtes. Das hat auch immer
einen Einfluss auf meine Musik gehabt, aber ich konnte das nie so gezielt ausleben.
Das Projekt ist gedacht als eine Art Insel, auf der ich alles das machen kann,
und zwar im Extrem, was ich machen will, und nicht mit meinem Solokram zu vereinen
ist. Von daher kann es sein, dass wir mit "no existe" auch mal eine
Dub-Platte aufnehmen oder ganz was anderes machen. Hier war der Plan jetzt wirklich
Hardcore: laut, schnell und dabei rumbrüllen, gerade weil das eben ein
schöner Bruch ist zu den melancholischen Soloauftritten, die ich sonst
so mache und so zu 90% auch auftrete. Die Band gibt's gerade mal ein Jahr. Das
sind eigentlich alles alte Freunde von mir. Wenn ich mit Band spiele, dachte
ich mir, will ich das dann auch laut umgesetzt wissen, und nicht sanft. Unsere
erste Tour fing drei Tage nach dem 11. September an. Alle sagten ab, aber wir
nicht, denn besser, die Leute kommen zu unseren Konzerten, als den ganzen Tag
CNN zu gucken. Die Tour hat uns extrem zusammengeschweißt, gerade in dieser
Zeit. Die Texte bei "no existe" sind auch anders. Abgesehen davon,
dass sie eben auch explizit politischer sind, kann man hier natürlich ganz
anders mit Slogans, Wiederholungen und Brechungen arbeiten, das ist schon ne
ganz andere Sprache. Wir haben uns relativ lange darauf vorbereitet und geprobt,
aufgenommen haben wir die Platte dann in einem kleinen Hotel auf Rügen,
in einer kleinen Scheune mit Tageslicht, ziemlich abgeschieden, in nur drei
Tagen. Und dann noch mal einen Tag mischen und Overdubs. Die andere Platte ging
aber genauso schnell, die wurde in einem Ferienhaus am Ijsselmeer aufgenommen.
Ich habe keine Lust mehr, in schummerigen Studios zu sitzen, lieber schöne
Räume ausfindig machen und Equipment ausleihen ... das geht auch für
kleines Geld.
H.: Inwiefern bezeichnest du die Texte der Band als "explizit politischer"?
T.: Ich hab selber gerade so'n bisschen gestutzt ... wir verstehen uns als politische
Band, auch als Einheit, während sich das bei mir halt mit den anderen Sachen
mischt ... aber klar, so ein Solo-Song wie "Kylie und Jochen" ist
eigentlich auch ein klares Statement. Also das explizit politische ist generell
wieder etwas bei mir in den Vordergrund gerückt durch Dinge, die in den
letzten Jahren passiert sind. Durch Beobachtungen von Prozessen, die passiert
sind, auch sehr dadurch, das es vor ein paar Jahren so aussah, dass die ganze
Zerklüftetheit, die die 80er und frühen 90er so geprägt hat,
wieder zu verschwinden schien durch die gemeinsame Überschrift "Antiglobalisierung"
... also wieder zu erkennen, dass all die Brüche, die in der Bewegung waren,
eigentlich auch nur welche waren, die vom Kapitalismus sehr gezielt geplant
wurden ... also sehr geschickte Vereinnahmungsprozesse. Ich mein, während
es bei den Hippies ja noch 3,4 Jahre gedauert hat, bis die vereinnahmt wurden,
ging es ja bei Punk schon sehr viel schneller, und heute werden Jugendbewegungen
halt direkt als Identifikationsmuster von der Industrie geschaffen, von Trendscouts
und so. Und das war ne Zeit lang sehr schwierig zu durchschauen ... ein Buch,
was da sehr wichtig für mich war, war "No Logo" von Naomi Klein,
hat sehr geholfen, bestimmte Strukturen zu erkennen und den Wert der Zeit zu
sehen ... ein ziemlicher Ruck waren auch die Dinge, die in Genua passiert sind
... klar, Seattle und Göteborg vorher auch, aber Genua hab ich bewusster
mitgekriegt ... ich war nicht da, hab aber in der Vorbereitung eben auch mit
Antifagruppen gearbeitet und dann erlebt, was da passiert ist und hab in Oberhausen
ein Benefizfestival für die Gefangenen organisiert. Und dann, klar, der
11. September, der erst mal irritierte und alles über den Haufen geschmissen
hat ... jetzt wird alles wieder nur dirigistisch, und was man von Schily hörte,
ging ja genau in die Richtung, dass wir uns hier auf mehr Repressionen einrichten
können ... so komisch das klingen mag, bin ich doch dankbar für dieses
historische Signal, das da passiert ist, weil dadurch einfach für viele
Menschen jetzt ein viel stärkeres historisches Bewusstsein da ist, um sich
überhaupt damit auseinander zu setzen, in welcher Zeit wir uns befinden
und Dinge viel konkreter zu sehen ... es ist für alle viel mehr 5 vor 12
seitdem, und das ist eigentlich was sehr Gutes und Notwendiges ... Antiamerikanismus
ist heute viel greifbarer für Teile der Bevölkerung, die das vor vier
Jahren noch nicht so gesehen haben ... natürlich einerseits, weil Bush
sich wie ein Kasper benimmt, aber andererseits weil auch Diskussionen viel offener
liegen und es um Dinge geht, die auch vor der Haustür stattfinden. Natürlich
kann man nicht sagen: Klasse, dass das so gekommen ist, natürlich nicht!
Das ist ne endlose Kette von Tragödien, aber letzten Endes ist Geschichte
heute wieder ein bisschen offensichtlicher und klarer, und alle Tendenzen zur
Verschleierung haben heute weniger Chancen als noch vor ein paar Jahren. Alles
ist schon irgendwie deutlicher geworden, finde ich.
H.: Stichpunkt "Deutlichkeit": Mich würden tiefere Kommentare
zu zwei Songs interessieren. "Kylie und Jochen"?
T.: Hier geht es grundsätzlich um Pop-Fans, und wieviel Fantum und die
Vorstellung von Popmusik mit Kapitalismus zu tun hat. Im Popbereich gesteht
man Leuten, auch bei fetten Stars auf Majorlabeln, immer zu, politische Statements
abzugeben, und man denkt, die Popmusik wär so im alten Sinn ein liberaler
Raum, in dem man alles sagen kann und in dem man progressiv sein kann, wo man
aber auch altmodisch und konservativ sein kann. Aber viele Leute übersehen
dabei, dass das Popbusiness eines der fiesesten, menschen- und frauenverachtendsten
Formen von Kapitalismus ist, die es überhaupt gibt. Wobei wir alle natürlich
selbst Musik lieben und Musik für uns wichtig ist, aber die Art und Weise
zu sehen, wie Musik verkauft wird, passend gemacht wird und sich in sämtliche
Bereiche einschleicht und als Accessoire verkauft wird, das ist sehr erschreckend.
Viele Grünhaarige in Jugendzentren, die sich für absolute Antikapitalisten
halten, würden wohl nie auf die Idee kommen, zB. bei der Popkomm den MTV-Stand
zu stürmen. Sie sehen zwar, das ist Kapitalismus, das ist fies, aber sie
tappen auch immer wieder in diese Identifizierungsfallen und denken: Hey, moment
mal, das ist doch auch für uns, da können wir ja gar nicht so gegen
sein - und das ist halt der Zwiespalt, um den es in dem Song geht.
H.: Zum Titel der ersten Scheibe: Da geh ich mal von aus, dass auf diesem
Pferd, auf dem du reitest, sonst wirklich nur Frauen geritten sind?
T.: Das ist tatsächlich so. Ich hatte irgendwann einfach den Satz in meinem
Notizbuch und dachte "So heißt die nächste Platte", hab
das Leuten erzählt, die sagten "Superlustig, aber du überlegst
dir das bestimmt noch, die Platte wird nicht so heißen", und irgendwie
hat sich das aber gehalten. Da schwirren so komische, ganz obskure Sachen mit:
das hat einerseits was Sexuelles, dann hat es aber auch so was dezent Feministisches,
gerade durch die Jugendstilschrift auf dem Cover sieht's dann auch noch so'n
bisschen nach 70er Jahre-Frauen-Flugblättern aus, irgendwie ... und ja,
ich hab an 70er Jahre-Feminismus auch sehr zärtliche Erinnerungen, muss
ich sagen ... (alle am Tisch lachen) ... naja ... weil, die Frauen, die in meiner
Sozialisation halt ne Rolle gespielt haben ... alle natürlich auch diesen
feministischen Einschlag zu dieser Zeit hatten. Ich bin von 61, im Prinzip waren
also die 70er meine Pubertät, meine Spätpubertät, und schon die
Zeit, wo mit Frauen Sachen anders passiert sind als vorher ... und andererseits
auch danach teilweise, wahrscheinlich auch meine promiskuitivste Zeit letzten
Endes, und ... naja, man hat rumgefickt, und das waren alles Feministinnen (Lachen
galore) ... ja, so war's halt.
H.: Superschluss. Kann ich das so schreiben?
T.: Ja (Lacht).
H.: Ok, vielen Dank. Superschluss. (Lacht)
T.: Gern geschehen (Lacht). Wieder alles kaputtgemacht (Lachen).
(Anmerkung: Toms Antworten wurden aus dem Duisburgischen übertragen)