Die Lust auf Veränderung nicht an einem Holzklotz oder Marmorbrocken auszulassen,
sondern auf gesellschaftliche Zustände zu lenken - gegen diese Utopie von
Joseph Beuys ist erst mal nichts zu sagen ...
In der Oktober-TERZ waren die braun-okkulten Seiten des "Schamanen"
Thema.
Eine (erweiterte) Weihnachtsreplik
Ein jesusartiger Maler als "Heiligenbildnis" - Pinsel in der einen,
Lambruscoflasche in der anderen Hand. Davor brennende Kerzen, Dankgaben, Devotionalien.
Dieser Voodoo- oder Kargokult-ähnliche Altar war in einer Ecke der Kunsthalle
aufgebaut. Auf einem Opfertischchen Gaben und kleine Zettelchen mit persönlichen
Wünschen - auffallend viele an den "San José" gerichtet:
"O Heiliger Joseph (Beuys), hilf!"
Im Jahre 1990 hatten kubanische Künstler in der Düsseldorfer Kunsthalle
ein karnevaleskes Crossover präsentiert: Porträts, zu monumentalen
Polit-Ikonen aufgeblasen, Parteiphrasen und Comicsprache wild gemischt. Dazwischen
als weihnachtskrippenartige Figürchen der Held des antikolonialen Befreiungskampfes
José Martí (1853-1895) und der "Maximo Lider" Fidel
Castro - beide in einem Boot und mit vergoldetem Blechheiligenschein. Ein Mix
von Sinnbildern, Personen und Dingen unterschiedlichster Erdteile und Epochen
...
Auch Joseph Beuys habe die kubanische Kunstszene stark beeinflusst, waren sich
die Künstler im Interview einig. Die beuyssche Utopie, dass "alle
Menschen zu Skulpteuren, Bildhauern oder Architekten" an der Gesellschaft
werden, dass jeder einzelne seine Lebens- und Umwelt mitgestaltet, war zunächst
eine Provokation im Castrostaat - Maler dienten da oft nur als Lieferanten bunter
Polit-Deko.
Das dunkle Gemunkel und die "unscharfen Kategorien" des "Schamanen"
stießen bei den jungen Kubanern aber auf Ablehnung. "Beuys' ehrgeizige
Vorstellungen von der therapeutischen Wirkung der Kunst sind besonders verführerisch",
so Félix Suazo. Oftmals sei aber "eine sehr viel radikalere Therapie
nötig": Die "Veränderung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher
Strukturen."
Achtzehn Jahre ist er nun tot. Von Zeit zu Zeit wird "der Schamane"
aber wieder exhumiert, um ihm ein paar Lobeshymnen darzubringen - oder das Gegenteil.
Beuys als "Vertreter eines völkischen Okkultismus zu entlarven",
sei "mehr als überfällig" gewesen, hieß es hier jüngst
über die Ausstellung "Inkarnationen" (TERZ 10.03). Die Beuysbiographie
"Flieger, Filz und Vaterland" (Elefanten Press; 1996) wollte ebenfalls
die braun-okkulten Seiten des "Schamanen" beleuchten. Seltsam nur,
dass die Autoren so tun, als seien sie die Begründer fundierter Beuys-Kritik
(ein Marketingtrick?). Ihre Schlüsse sind oft recht wunderlich.
Wenn Beuys sich mit einem Koyoten in einer New Yorker Galerie einsperren lässt,
der dann auch noch frecherweise auf das frisch entfaltete "Wall Street
Journal" pinkelt, so ist das für die Autoren - na klar! - Antiamerikanismus.
Wenn Beuys von der Stadt nichts sehen will - immerhin es ist New York - New
York -die Wall Street - "Hier saß für die Nazis das sogenannte
raffende jüdische Kapital" - dann ist das doch ein klarer Fall von
... Wer bei solchen Assoziationsketten endet, dem ist offensichtlich der überreichliche
Konsum von beuysschem Gedankensalat nicht gut bekommen. Wer anhand von Beuys'
documenta-"Honigpumpe" dessen Idee eines "menschlichen"
Bienenstaates mit fleißigen Arbeiterinnen (no sex!) als das analysiert,
was es ist, um dann aber bei Karel Gott und der Biene Maja zu enden - ("Auch
im Dritten Reich war die Biene Maja beliebt. Ihr aufopferungsvoller Kampf gegen
artfremde Elemente in ihrem organischen Bienenstaat ...") - Wenn "fundierte
Kritik" heute so aussieht, ahnt der Leser rasch, dass das alles kein gutes
Ende nehmen wird.
Die Behauptung der Filz-Fett-Vaterland-Autoren, eine kritische Auseinandersetzung
mit "dem Schamanen" habe es nie gegeben, ist nicht haltbar. 1987 -
dem Jahr nach Beuys' Tod - zeigte das Kunstmuseum die Ausstellung "Brennpunkt
Düsseldorf". Im Vordergrund standen Beuys und seine Schüler.
Zu sehen waren Arbeiten, Fotos und Dokumente von Happenings und Aktionen. Fotos
von Aktionen der "Mietersolidarität" und einer Hausbesetzung,
die 1970 von KünstlerInnen mitinitiiert und kreativ mitgestaltet worden
waren, ebenfalls. "Die politischen Aktionen überholten bald alle vorausgegangenen
Kunstformen in der Radikalität des Verlangens nach Veränderung",
heiß es im Katalog. Unter Berufung auf Paul Celans "Nachdenken hilft"
finden sich dort auch programmatische Aufsätze abgedruckt - unter anderem
Buchlohs "Joseph Beuys - Die Götzendämmerung".
In jener "Götzendämmerung" hatte Beuys' Anthroposophenguru
Rudolf Steiner bereits gehörig "sein Fett weg gekriegt". Kunstwissenschaftler
Buchloh kontert da Beuyssches wie Steinersches Gedankengeschwurbel mit Ernst
Bloch: Menschen wie Steiner seien "durchlöchert genug, um ungenormte
Zustände in sich eintreten zu lassen." In das "zerspaltene Ich"
gehe nicht nur "Sündengefühl von ganz verschollener Stärke"
ein. Hier setze sich "als einverleibtes Über-Ich", so der marxistische
Philosoph weiter, "auch ein Stolz, eine Sicherheit von kopiertem Heiland
fest, wie sie Gesunden, selbst bei höchstem Übermut nicht gelingt.
Kein falscher Demetrius hält lange durch, aber ein falscher Jesus unter
Irren durchaus ..."
Bleibt zu konstatieren: die kritische Auseinandersetzung mit Beuys ist heute
aus der Mitte der Gesellschaft (Kunsthalle, Museum, Tageszeitung) in die Peripherie
(Flingeraner Galerie, "Stattzeitung") abgedrängt. Und so mancher
alte Hut wurde uns da wieder als Frischware präsentiert.
Dagegen immer noch lesenswert: Buchlohs "Joseph Beuys - Die Götzendämmerung".
Der Kunstwissenschaftler (dereinst mit Lehrauftrag an der Düsseldorfer
Akademie) hatte den Aufsatz bereits 1980 (!) verfasst. Der erschien im renommierten
New Yorker "Artforum" unter dem Titel "The Twilight of the Idol",
sieben Jahre später dann der Wiederabdruck in deutscher Übersetzung
im Düsseldorfer Katalog.
In der Tat: brillante Analysen! Z. B. heißt es da: "Im Kontext zeitgenössischer
Kunst wächst das Bedürfnis nach Mythisierung in dem Maße, wie
die Rezipienten dieser Kunst Einsicht in die realen Determinanten ihrer geschichtlichen
Realität verweigern."
Der Kunstwissenschaftler begnügt sich nicht damit, den Künstler zum
x-ten Male zu demontieren. Sein Blick richtet sich vielmehr auf den historischen
Zeitabschnitt, in welchem "der Schamane" die Bühne betrat: die
Nachkriegszeit. Zum berühmten Tatarenmythos notiert er: "Beuys' Mythos
spricht von dem Gedächtnisverlust, den die Herrschaft des Nazi-Regimes
politisch, kulturell und psychologisch über die Generation von 1933/43
und die ihr folgenden verhängt hat."
Das Tatarenmärchen als Finte zu entlarven -- damit hält sich Buchloh
nicht lange auf. Polemisch wirft er nur ein, wer denn bitteschön die gestochen
scharfen Fotos vom abgestürzten Bomberpiloten Beuys geschossen haben soll?
"Die Tataren vielleicht, mit einer Filz- und Fettkamera?" Dem Kunstkritiker
geht's nicht um den Text, sondern den Kontext des Absturzmythos. "Gerade
die Verneinung der Verantwortung einer Beteiligung an der Geschichte des deutschen
Faschismus und des Zweiten Weltkriegs" seien es, die im Werk von Beuys
(und somit auch im Denken seiner unkritischen Rezipienten) "unausgesetzt
auf dieses Problem der Verdrängung hinweisen."
Wer es dereinst miterlebt hat, dem geht das kuriose Bild nicht aus dem Kopf,
welches die Jüngerschaft abgab, die rund um die Uhr an den Lippen "des
Schamanen" hing. Den Vätern daheim wollte diese Nachkriegskindergeneration
all die Kriegslügenmärchen nicht mehr glauben. "Der Schamane"
wurde so zum idealen Vaterersatz. Und dem nahmen sie auch noch die blödeste
Tatarenschmonzette ab. Ein abgestürzter Bomberpilot, von Tataren in Filz
und Fett gewickelt und als reines Unschuldslämmchen wiedergeboren? Wer
sollte so einen Quatsch glauben? Diese abstruse Mischung von Karl May und Heilandsmärchen
(vergl. Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium: "Und sie gebar ihren
ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn ..." in eine Fettecke?).
Bei grauem Filz fallen mir nicht "Tataren" ein, sondern übler
Jugendherbergsmief, die Anweisung des gestrengen Herbergsvaters: "Graue
Filzdecke nach dem Aufstehen ordentlich zusammenfalten und am Fußende
platzieren!" Bei "Fett" hab ich sofort einen gigantischen "Butterberg"
im Kopf: In der Nachkriegszeit war "gute Butter" Synonym für
Wohlstand. Zufall, dass Beuys' Geburtsstadt zugleich Produktionsstandort der
"guten Rama" ist, dem allseits beliebten Butterersatz?
In "Götzendämmerung" äußert Buchloh den Verdacht,
Beuys habe "die fiktive Natur seines Ursprungsmythos" womöglich
selbst hervorkehren wollen. Denn was er als "Dokumente" präsentierte,
passte hinten und vorne nicht zusammen: Die Fotos vom Flugzeugwrack, Anzahl
der Tage seiner geistigen Umnachtung etc. ... Nichtsdestotrotz: Die Jüngerschaft
glaubte alles. Zu übermächtig war offensichtlich deren Bedürfnis
nach einer makellosen Vaterfigur. Andere suchten sich damals woanders ihre "guten
Väter". Die konnten Freud oder Marcuse heißen, Marx oder Mao.
"Ich war immer noch völlig ohne Bewusstsein zu dieser Zeit",
so Beuys in seiner Tatarenmärchenversion von 1979. Egal ob Beuys das bewusst
war oder nicht, der Satz hat seinen ironischen Zeitbezug: Nie wurde derart viel
über "Bewusstsein" und "richtiges Bewusstsein" debattiert
wie damals. Und "immer noch völlig ohne Bewusstsein" waren viele.
Sie glaubten endlich "zu Bewusstsein" gekommen zu sein, wussten aber
oft nur unkritisch Zitate irgendeines Gurus nachzubeten wie Frömmler ihre
Bibel- oder Koranverse (vergl. Marx; "Deutsche Ideologie": "Die
Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen muß an
ihre Stelle treten").
"Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist",
verkündete einst Lenin. Ist diese ewige Suche nach einer messianischen
Heilsgestalt ein christlich-abendländisches Relikt in unserem Denken? Doch
diese Frage sprengt den Rahmen meines Essays.
Beuys' Anspruch, Kunst und Politik nicht als nebeneinander her bestehende "Paralleluniversen"
abzuhaken, bleibt Provokation. Alle Fragen der Menschheit seien "nur Fragen
der Gestaltung", sagt Beuys. Bereits Benjamin Buchloh wies hier auf die
ideologische Nähe zur Kunstauffassung des Faschismus hin, der die "Ästhetisierung
der Politik" (W. Benjamin) propagierte und betrieb. Doch eine "kritische
Übernahme von Beuys" könne für die bildende Kunst Kubas
wichtige Impulse setzen, ist sich Abdel Hernandez sicher. Hernandez malt sich
im Katalog zu "Kuba o,k." (Cuba O.K; Kunsthalle Düsseldorf, 1990)
künstlerische Projekte aus, die "nicht mehr nur ein bestimmtes Publikum
ansprechen", sondern "die sich kritisch in die soziale Weiterentwicklung
der Gesellschaft einzubringen trachten."
Im Widerspruch zu Beuys ist oft Wacheres und Pointierteres entstanden als durch
den "Schamanen" selbst. Auch in sozialen Bewegungen ist kreativer
Witz seit langem zuhause. Aus den besetzten Häusern auf der Binterimstraße
schaute im Oktober gleich mehrfach ein Gesicht, das auf inflationäre Weise
auch Print- wie elektronische Medien "besetzt hält". Erwin als
"multiple Persönlichkeit"! Quasi ein "pluralis majestatis"!
Pointierter läßt sich die aktuelle Stadtsituation nicht ins Bild
setzen: Der Oberbürgermeister wünscht sich in die Zeiten des "großen
Kurfürsten" zurück. Zurück zu Prunk und Protz und prachtvoller
Straßenbeleuchtung, die dereinst gar die von Paris in den Schatten stellte.
Zurück in die Zeiten des absolutistischen Jan Wellem, der seine Kammerherren
"wie Lakaien", ja "wie Wachtelhunde, vor seinem Wagen her und
durch die Stadt traben" ließ (so der Hugenotte Blainville 1705 entsetzt
in einem Brief aus Düsseldorf).
Dementgegengesetzt lassen die Hausbesetzer jene Zeiten wieder lebendig werden,
als Menschen dieser Stadt in Initiativengagement und Besetzungen ihren kreativen
- "Jeder Mensch ist ein Erwin!" - Beitrag zur Umgestaltung von Stadtgesellschaft
sahen.
Thomas Giese
www.terz.org - 25.11.2003