“Schönste
Nächte aus Kristall” ...
Neonazis
marschieren am Jahrestag der Reichspogromnacht
Ausgerechnet
den 9. November hatten sich Neonazis aus zwei
nordrhein-westfälischen Städten
ausgewählt, um Aufmärsche anzumelden. In den Jahren zuvor
hatte man sich noch
mit Saalveranstaltungen begnügt, die zumeist von “Kameraden” in
den
Niederlanden organisiert worden waren. Eine derartige Saalveranstaltung
mit
deutscher Beteiligung fand zwar auch in diesem Jahr - am 7. November -
in den
Niederlanden statt, zwei Tage später aber demonstrierten
nordrhein-westfälische
Neonazis zusätzlich noch in Leverkusen.
Für
Leverkusen-Opladen nämlich hatte Axel Reitz,
“Kameradschaftsführer” der Kölner
“Kameradschaft Walter Spangenberg” und “Gausekretär Rheinland” des
“Kampfbundes
Deutscher Sozialisten” (KDS) einen Fackelzug unter dem Motto “Gegen
einseitige
Vergangenheitsbewältigung” angemeldet, der sich unter anderem
gegen die
alljährliche antifaschistische Gedenkdemonstration vor Ort
richtete. In Essen
war es die “Kameradschaft Josef Terboven” um den erst 17-jährigen
Phillip
Hasselbach, die eine Kundgebung “mit Fackeln unter dem Motto ‚Macht
kaputt was
Euch kaputt macht! Europa erwache!’ vor der alten Synagoge” plante. Im
Gegensatz zu den rheinischen “Kameraden”, die sich zur Vermeidung eines
Verbotes in ihren Aufrufen bewusst schwammig, wortkarg und
gemäßigt gaben
(neonazistischer Kommentar im Internet: “Der 09.November sollte JEDEM
ein
Begriff sein”), gab Hasselbach mächtig Gas: “Wir haben als
nationale und
sozialistische Bewegung in Deutschland endgültig die Schnauze voll
von der
immer weiter zunehmenden Einflussnahme der jüdische Rasse auf
unser Land und
das gesamte weiße Europa”, goebbelste er in einer
Pressemitteilung vom 5.
November und fing sich hierfür einmal mehr ein Strafverfahren
wegen
Volksverhetzung ein. Das Verbot der Demonstration folgte, Widerspruch
hiergegen
wurde von Seiten des Anmelders nicht eingelegt. Im Gegensatz zu der
Demo in
Leverkusen. Zwar hatte auch hier der zuständige
Polizeipräsident ein Verbot
verfügt, dieses wurde aber nach einem Widerspruch der Neonazis vom
Verwaltungsgericht Köln wieder kassiert. Das VG Köln griff in
seinem Urteil die
Rechsprechung des Bundesverfassungsgerichtes auf, nach der “ein
Demonstrationsverbot nur dann möglich” sei, “wenn die
öffentliche Sicherheit
oder Ordnung bei Durchführung der Demonstration unmittelbar
(konkret)
gefährdet” sei. “Rechtsextreme Gesinnung” sei demnach “kein
hinreichender Grund
für ein Verbot”. Seitens der Leverkusener Polizei wurden gegen
dieses Urteil
keine weiteren Rechtsmittel eingelegt, allerdings Fackelverbot sowie
andere
Auflagen verhängt und der Aufmarsch fern ab der antifaschistischen
Gedenkdemon-stration nach Leverkusen-Wiesdorf verlegt.
Offensichtlich
hatten aber die Neonazis nicht mit einer Genehmigung ihrer Aktion
gerechnet.
Gerade einmal 70 bis 80 von ihnen fanden sich am 9. November am
Treffpunkt vor
dem Leverkusener Bahnhof ein, beschützt von mehreren
Hundert-schaften Polizei,
die sich redlich bemühten, 200 bis 300 Gegendemon-strantInnen auf
Abstand zu
halten. Dieses gelang jedoch nur teilweise, so dass es immer wieder zu
Behinderungen und Verzögerungen des Aufmarsches kam.
Die
Federführung bei der Vorbereitung und Abwicklung der Demonstration
lag in den
Händen des “Leverkusener Aufbruches”, einer schon seit
längerem existierenden “Freien
Kameradschaft”, die dieses Jahr ihre Aktivitäten ausgeweitet hat.
Angereist
waren hauptsächlich ihre “Kameraden” aus den im neonazistischen
“Aktionsbüro
Westdeutschland” organisierten Gruppen, also die “Kameradschaften” aus
Dortmund, Hamm, Köln, der regionale KDS sowie die “Autonomen
Nationalisten” aus
dem westlich und östlichen Ruhrgebiet sowie aus
Wuppertal/Mettmann. Aber auch
einzelne NPDler, beispielsweise aus dem Kreis Mettmann, ließen
sich blicken.
Als Redner traten neben Reitz die Kölner Paul Breuer und Peter
Faethe sowie ein
“Matthias N. (freier Aktivist, Leverkusen)” auf. Bei “N.” dürfte
es sich um
Matthias Nagelschmidt handeln, der auch für Propagandamaterial des
“Leverkusener Aufbruches” verantwortlich zeichnet und unter dessen
Leverkusener
Postfachadresse gerne antifaschistische Gruppen anschreibt. Der
Schwerpunkt der
Reden lag bei den “gefallenen Helden” des 9. November 1923, die “vor
der
Feldherrenhalle sowie im Hofe des ehemaligen Kriegsministeriums zu
München ...
im treuen Glauben an die Wiederauferstehung ihres Volkes” gefallen
seien.
Einige Teilnehmer des Aufmarsches ließen es sich auch nicht
nehmen, sich hörbar
positiv auf die Reichspogromnacht zu beziehen, also jenes zu Ende zu
bringen,
was einer ihrer ”Kameraden” pünktlich zu Demobeginn noch mit
Auslassungen ins
Internet gesetzt hatte: “...die schönsten nächte überall
- sind doch die nächte
aus ********!” Die Polizei zeigte sich tolerant und ließ sie
gewähren. Die
Marschierer bedankten sich mit der Ankündigung eines weiteren
Aufmarsches in
Leverkusen am 18. Dezember.
Antifaschistisches
AutorInnenkollektiv
www.terz.org - 23.11.2004