Georges
Adéagbo
GEHEIMTRANSPORT
FÜR DEN PHARAO
30.10.04
–
20.02.05
Museum
Ludwig, Köln
Georges
Adéagbo wurde 1942 in Cotonou in Benin geboren. Nach einem
Jurastudium in
Abidjan und in Frankreich kehrte er 1971 in sein Land zurück, wo
er mit
Ausstellungen im Hof seines Hauses begann, die aus den von ihm
gesammelten
Objekten bestanden. Es ging ihm darum, seinen Verwandten und einem
kleinen
Kreis von Interessierten “ein paar Dinge klar zu machen, die sie nicht
verstanden”. Was war damals damit gemeint?
Viele in
seiner Umgebung hielten ihn für einen Verrückten. Hinzu kam,
dass er sich nicht
als Künstler definierte: “Ich bin kein Künstler, ich mache
keine Kunst, ich bin
nur ein Botschafter.” Eigentlich wurde Adéagbo erst in den 90ern
von einem
französischen Kunstagenten “entdeckt”. Heute wird der
Documenta-Künstler und
mehrfacher Biennalen-Teilnehmer als eine der wichtigsten Positionen
zeitgenössischer afrikanischer Kunst gehandelt. Das Museum hat
seine
Installation “Der Entdecker und die Entdecker vor der Geschichte der
Entdeckungen ...! Welttheater” angekauft.
“Welttheater”?
Bei Betreten des Saals DC, dem Projektraum des Museum Ludwig,
fühlt man sich
ein wenig an eine synkretistische Kirche erinnert. Die Wände des
rechteckigen
Saals sind rundherum mit Sammelstücken, Bildern, Schallplatten,
Zeitungen,
Flaggen, religiösen Gegenständen und dergleichen gepflastert.
Im Zentrum des
Raumes befindet sich eine Art Kanu oder Einbaum, das von vier
geschnitzten
Holzsäulen flankiert wird. Zumindest läßt sich bei
Adéagbos Installation
feststellen, dass alles einer symmetrischen, mit komplizierten
diagonalen und
kreuzförmigen Achsen versehenen Anordnung gehorcht, in der sich
auch eine
altar-ähnliche Hauptwand ausmachen lässt. Die erschlagende
Vielfalt der
Installation bewirkt, dass sich die MuseumsbesucherInnen neugierig den
zahlreichen Einzelobjekten zuwenden. Zum Beispiel den Büchern, die
sich nach
näherem Hinsehen als Sammelsurium aus den Bereichen Kunst,
Stadtgeschichte,
Politik, Kulturgeschichte und Afrikaliteratur des 20. Jahrhunderts
entpuppen.
Sie sind rund um den Raum entlang der Fußleiste aufgereiht.
Einige der
BesucherInnen fangen an darin zu blättern, doch diese nicht
gewünschte
Interaktion des Publikums wird schnell durch das Wachpersonal gestoppt.
Tatsächlich ist hier viel Rares zusammengetragen, auch viel in
Vergessenheit
Geratenes. Adéagbo schreckt bei seiner hauptsächlich aus
französisch- und
deutschsprachig zusammengetragenen Sammlung nicht vor dem Profanen
zurück – es
lässt sich neben weltgeschichtlichen Aspekten auch einiges an
Trivial- und
Populärliteratur ausmachen, die zum Beispiel über das
deutsche
Selbstverständnis des kolonialen und postkolonialen Deutschland
erzählt.
Buchtitel wie “Kai in Kamerun, die Abenteuer eines Jungen in Afrika”,
auf dem
wie bei einem Heimatroman ein blonder Junge mit Sommersprossen vor
einer Savannenlandschaft
zu sehen ist, oder “Wildes schönes Afrika” im Zebradesign, “Im
dunkelsten
Afrika”, “Unserere Kolonien”, dazwischen dann Titel wie “Der Affe steht
auf”
zur Evolution des Menschen, verdeutlichen subtil und manchmal fast
sarkastisch
dieses Anliegen. Beiläufig darunter findet sich auch ein
aufgeschlagenes Buch
aus der Zeit des Nationalsozialismus: “Afrikaner – Ein Zeitbild aus des
deutschen Kolonialvolkes schwersten Tagen” mit einem Zitat von Carl
Peters,
der, obwohl Sohn eines Pfarrers, zu den Hardlinern in der
Kolonialpolitik
zählte. Weitere Bücher wie eine Karl-Marx-Biografie, ein Buch
über
Hexenverfolgung in Köln, Titel wie “Die neue große
Völkerkunde” bis hin zu
Documenta-Katalogen, Büchern über Buddhismus, über
Philosophie bilden ein Puzzle
über ein europäisches Verständnis von Kultur, das auf
der Einverleibung fremder
Kulturen beruht. Dieses Prinzip setzt sich bei den Bildern,
Zeitungsartikeln
weiter oben fort, nur kommen politische Themen des Zeitgeschehens mit
ins
Spiel. Dabei spielen auch Figuren wie Okwui Enwezor, Leiter der
Documenta 11,
eine wichtige Rolle, aber auch historische Ikonen der afrikanischen
Dekolonisation wie Leopold S. Senghor, Sénégals erster
Präsident nach Abzug der
französischen Kolonialmacht. Außerdem sind in der
Installation immer wieder
Verweise auf den Standort Museum und Köln zu finden, sowie zu den
beiden
“Magiern der Gegenwartskunst” Josef Beuys und James Lee Byars als auch
zu
Adéagbos Mentor Harald Szeemann.
An der
Stirnwand, der großen “Altarwand” des Raumes (gegenüber
befindet sich eine
kleine) hängt eines der von Adéagbo in Auftrag gegebenen
Ölbilder der Malers
“Esprit” aus Benin, auf dem die Bergpredigt Jesu dargestellt ist. Es
wird
flankiert von zwei Holzschnitzereien aus Benin (ebenfalls alles
Auftragsarbeiten)
und zwei chinesischen Papierfischen. Darunter ein gemalter Soundtrack
des
70er-Jahre-Films “Muhammad Ali”, gleich daneben eine
George-Benson-Platte,
“Space”, aus der selben Zeit.
Am Bug des
Kanus in der Raummitte hängt eine Headline des Boulevardblatts
“Express”:
“Geheimtransport für den Pharao”, darüber ein
Kunstgeschichtsbuch mit einer
Abbildung von Tutanchamun. Gleich mit “im Boot”: ein Metallobjekt, wie
man es
von Voudou-Altären Benins kennt.
Wohin geht
die Reise? Die Anwort liegt auch in der Vergangenheit. Es geht auch um
die
Rück-“Eroberung” des Gestohlenen.
Veranstaltungshinweis:
Vortrag im
Kinosaal Museum Ludwig, Köln, 14.12.2004, 19:00 Uhr
“Georges
Adéagbo – Site-specifity und postkoloniale Subjektivität”
von Prof.
Dr. Viktoria Schmidt-Linsenhoff
www.terz.org - 23.11.2004