Dem
Nikolaus die Hammelbeine langziehen!
Der launige
Moderator und Kommentator hält die Teilnehmerlisten in der Hand
und pflaumt die
Leute an, die hier - dicht am Start und Ziel des “3. Garather
Schlossmarathon”
– bei sonnigem Herbstwetter am Sonntag, den 7.11.04 im Schweiße
ihres
Angesichts seit 10 Uhr unterwegs sind: zum 1- und 5-km “Schnupperlauf”,
zum
“Halbmarathon”, erkennbar an der grünen Umrandung ihrer
Startnummer, die alle
Läufer auf der Brust tragen und an ihrem schnellen Schritt, mit
dem sich die
“Halb-Marathonis” (21 km), jedenfalls die ersten zehn, die wir
mitbekommen,
ihrer Endrunde in der benachbarten Bezirkssportanlage nähern.
Warum spende ich
ihnen keinen Beifall wie Gisela, die sich dem versammelten Publikum
applaudierend anschließt? Bin ich wirklich so herz- und
respektlos? Warum lass´
ich mir von einem kleinen Jungen die Urkunde zeigen, die er für
den 1. Platz
seiner Altersgruppe beim “Schnupperlauf” errungen hat?
Stünde
ich
jetzt – 50 Jahre in der Zeit zurückversetzt – am Sonntag-Mittag
vor einem
Kirchenportal und würde das Jesus-Sammelbild betrachten, das wir
für jeden
Besuch des Kindergottesdienstes damals erhielten, mit Buntstiften
ausmalen und
in ein Album kleben sollten, das möglichst vollständig
bestückt kurz vor
Weihnachten vom Pfarrer gelobt wurde, wäre mir dann wohler beim
Protest gegen
diesen religiösen Kitsch – als hier und heute beim Dokumentieren
der
spirituellen Dürftigkeit des Sportbetriebs, der gegenwärtig
die Leute beseelt
und beflügelt?
Leichtfüßig
sprintet ein rüstiger Rentner vorbei und winkt strahlend seinen
Leuten zu.
“Schaut mich an, wie gut ich noch drauf bin!” Sein Körper gehorcht
ihm wie eine
geölte Maschine. Sein Senioren-Lauf ist nicht der jungen
Konkurrenz am
Arbeitsplatz geschuldet, die viele Mitläufer ab Vierzig zum
regelmäßigen
Jogging anhält. Sich von Zuhause, von Ehe und Familie abzusetzen
oder sich von
anderen Sorgen “mentalmäßig” (Boris Becker) durchs
Lauftraining zu befreien: Es
funktioniert! - Auch wenn es weniger der eigenen Gesundheit als der
Sportartikel-Industrie zugute kommt. Die moderne Laufbewegung ist nicht
der
Freude an der Bewegungslust entsprungen, auch nicht der “Monotonie des
Immergleichen” entgegengesetzt. Es strukturiert die von der Arbeit
freie Zeit
und bei denen, die sich auf einen (Halb)Marathon sinnvoll vorbereiten,
frisst
sie diese durch planmäßige Vorbereitung und Training fast
vollständig wieder
auf. Das macht Sinn. Keine leere Zeit mehr (für die Mittelschicht)
und auch
keine Langeweile bei den unsäglichen Fernsehprogrammen, die sich
die
Couch-Potatoes reinziehen. Der Spott der hedonistischen Linken (68:
“Vögeln
statt Turnen”), dass der von der christlichen Marter befreite Leib
nichts
Besseres mit sich anzufangen weiß als sich im Kampf gegen den
inneren
Schweinehund dem Martyrium und der Einsamkeit der “long distance
runner” zu
unterwerfen, ist vom FIT FOR FUN AND RUN-Betrieb und der
altersgerechten
Fachsimpelei über günstige und beste “nordic
walking”-Spazierstöcke abgelöst
worden.
Man
muss es
ja nicht gleich übertreiben! Ein bisschen Bewegung hat noch keinem
geschadet,
wenn auch einige meiner besten Freunde sarkastisch grummeln:
“Hätten wir die
Spring-und-Hüpf-Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg als
Volkslauf
angemeldet und mit der Trimm-Dich-Bewegung koordiniert, dann wäre
der lange
Lauf zu uns selber ohne Pflastersteine ausgekommen und schon viel
früher im
Außenministerium gelandet.
Vier
Stunden sind die Läufer jetzt unterwegs und wir erleben die
Siegerehrung der
“Halb-Marathonis” beim “3. Garather Schlossmarathon”: Lieblos die
hässlichen
Pokale und Plastiksporttaschen für die ersten Sechs – Erster ist
Sascha Dee in
1:15:43) – die der Mann von der Stadtsparkasse Düsseldorf
überreicht. Neben ihm
– spitznasig wie Friedrich Merz – der Ortsvorsteher der CDU. Für
die SPD hätte
ich einen Reformvorschlag parat: eine Gratis-Massage für die
geschundene
Rücken-und Bein-Muskulatur, und zwar für alle
TeilnehmerInnen. Dabei denken wir
doch besonders an die, die bis zum Schluss noch eintreffen werden (5
1/2
Stunden), und deren Glück und Elend wir nach dieser Strapaze nicht
mit ansehen
wollen.
“Das
Event,
das es in Deutschland noch nicht gegeben hat”, ist der “1.
internationale
Niko-Lauf” am 18.11. zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes in der
Düsseldorfer
Altstadt. Das Werbeplakat zeigt, dass man auch den Nikolaus noch
sportifizieren
und selbst alten Leuten (den rot gekleideten Weihnachtsmännern mit
Rauschebart)
noch Beine machen kann.
400
verkleidete Nikoläuse wollte Antenne Düsseldorf an den Start
auf der Kö für den
3-Kilometer-Rundlauf durch die Altstadt locken, um die Wette gegen
Sat.1 nicht
zu verlieren. “Ich freue mich sehr auf das bunte Bild, das wir von
Düsseldorf
aus in die Welt schicken werden”, erklärt der
Geschäftsführer der Düsseldorf
Tourismus- und Marketing GmbH (DTM), Alexander Leibkind. “Für die
Läufer und
die Zuschauer wird es ein riesiger Spaß werden.”
Haste
gedacht! Es werden nur 252 Nikoläuse gezählt, die der
“Sportstadt Düsseldorf”
den Affen machen. Der riesige Spaß spurtet nicht bei Nieselregen
mit
klatschnassem Weihnachtskostüm drei Kilometer durch die Altstadt,
sondern läuft
schön beheizt und im Trockenen 92 Minuten lang im Kino: “BAD
SANTA” mit Billy
Bob Thornton als “pampiger Widerling” (BILD). Die TERZ spendiert Erwin
und
Leibkind je eine Freikarte, damit sie sich Anregungen für
nächstes Jahr holen
und unseren LeserInnen die Empfehlung, schon am 6. Dezember die vielen
schönen
Ideen vom “bösen Nikolaus” in die Tat umzusetzen.
Dieter Bott
www.terz.org - 23.11.2004