Mindestlohn
contra Hartz IV?
Im August
diesen Jahres erklärte SPD-Chef Müntefering: “Wir können
nicht zusehen, wie die
Löhne an vielen Stellen dramatisch weg brechen.” (Spiegel Online,
23.8.) Denn
manche “Unternehmer in Deutschland versuchen derzeit, auf geradezu
unsittliche
Weise Löhne zu reduzieren.” (SZ, 24.8.) Zwar hat die SPD-Regierung
nie
zugeschaut, wenn es um Lohnsenkung ging. Vielmehr spielte sie sich als
Vorreiterin auf, als sie den Beamten die Zulagen kürzte und die
Arbeitszeit
verlängerte. Nun scheint aber das Ende der Fahnenstange erreicht,
und die Idee
des Mindestlohns wird in die öffentliche Debatte geworfen. Ist nun
die große
Kehrtwende eingeleitet? Nimmt die SPD Abschied von der radikalsten
Reform des
Arbeitsmarktes und des Sozialsystems zu Ungunsten der Lohnarbeiter und
der vom
Broterwerb aussortierten Bevölkerung seit Gründung der
Bundesrepublik? Oder –
wie in einigen Gazetten zu lesen ist – handelt es sich nur um einen
kleinen
Wahlkampfschwindel?
Befürchtungen
werden laut, ein Mindestlohn könne die Erfolge der Politik der
vergangenen
Jahre zunichte machen. Schließlich sind “Verkrustungen” des
Arbeitsmarktes
aufgebrochen worden. Der lästige Kündigungsschutz wurde
liberalisiert,
Arbeitszeiten werden entsprechend betrieblicher Bedürfnisse
flexibel gehandhabt
und nach der Einführung des ALG II können Arbeitslose zu 30
Prozent unter
ortsüblichem Tarif beschäftigt werden. Die “Betonköpfe”
und “Bremser” in den
Gewerkschaften dürfen froh sein, wenn sie noch ihre Meinung zu den
von
Regierung und Kapital vorgegebenen Alternativen abgeben dürfen.
Dabei
übersehen die aufgeschreckten KritikerInnen des
Münte-Vorschlags, dass die
SPD-Forderung eines Mindestlohns Ausdruck und Ergänzung der
radikalen Reformen
ist.
Die Lage
“Die
Löhne
fallen ins Bodenlose, immer mehr Menschen können von ihrer Arbeit
nicht mehr
leben.” So beschreibt der Stern am 17. August die Lage von derzeit ca.
15
Millionen Menschen in Deutschland. (junge Welt, 12.10.) Armut betrifft
knapp
1/5 der Gesamtbevölkerung. Als “arm” gilt derjenige, der weniger
als die Hälfte
des Brutto-Durchschnittslohns (derzeit 2.884 Euro) verdient. Nach Abzug
von
Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen verbleiben so maximal um
die 1000
Euro. Selbst unter den Vollzeitbeschäftigten macht sich laut
Frankfurter Rundschau
vom 25. August Armut breit: “Schon heute erhalten rund 12,1 Prozent
aller
Vollzeitbeschäftigten in Westdeutschland einen Armutslohn (9,5
Prozent
Ostdeutschland).”
Ende
2003
veröffentlichte das Bundesministerium für Wirtschaft und
Arbeit eine Liste von
Stundenlöhnen, die als unterste Entgelte in Tarifverträgen
vereinbart waren
(vgl. jW, 12.10.). Danach verdient ein landwirtschaftlicher Arbeiter in
Brandenburg bei einer 40-Stunden-Woche monatlich durchschnittlich 914
Euro, ein
Angestellter im Kfz-Gewerbe in Mecklenburg-Vorpommern 742 Euro und eine
angelernte Angestellte in der Sägeindustrie in Rheinland-Pfalz 894
Euro. Dabei
handelt es sich hier um tariflich festgelegte Löhne. Aber die
Anzahl der
tarifgebundenen Betriebe sinkt kontinuierlich. So sind heute im Westen
nur noch
70 Prozent der Arbeitsverhältnisse tarifgeschützt, im Osten
54 Prozent.
(Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2004)
Ein
internationaler Vergleich
In
18 von
25 Mitgliedsländern der Europäischen Union gibt es gesetzlich
festgelegte
Mindestlöhne. Sie variieren zwischen 121 Euro pro Monat in
Lettland und 1403
Euro in Luxemburg. Die Briten führten vor fast sechs Jahren den
Mindestlohn
ein. Trotzdem leben dort nach einem Bericht des Handelsblatt vom 24.
August
fast “ein Viertel aller britischen Kinder ... in Haushalten mit weniger
als 60
Prozent des Durchschnittseinkommens.” Mindestens 200 000 Menschen
arbeiten für
ein geringeres Einkommen als das gesetzlich vorgeschriebene Salär.
“Weder das
Department of Industry noch das Finanzamt haben Firmen aber wegen
Unterschreitung des Mindestlohns vor Gericht gebracht.” (ebd.)
Aber
Mindestlohn ist auf der Insel nicht gleich Mindestlohn. “So wird die
Einführung
regional verschiedener Sätze diskutiert; dies hatte die Regierung
wegen der
unterschiedlichen Wirtschaftsentwicklung in Nord- und Südengland
vorgeschlagen.” (ebd.) Der Lohn darf also in keinem Falle – mag er auch
noch so
gering sein – die Kalkulationen der Kapitalisten stören.
Schließlich kauft der
Unternehmer die Arbeitskraft ein, um aus ihr einen Gewinn zu schlagen.
Da
müssen die schnöden Bedürfnisse nach einem
einigermaßen erträglichen Überleben
zurückstehen.
In
den USA
gibt es Mindestlöhne schon seit 1938. Sie betragen heute 5,15
Dollar pro
Stunde. Ob diese kärgliche Summe überhaupt bezahlt wird, ist
fraglich, denn ein
funktionierendes Kontrollsystem gibt es wohlweislich nicht.
Außerdem ist die
Bezahlung von Studenten und Behinderten ausdrücklich von der
Mindestlohnregelung ausgenommen.
Die Debatte
Nachdem
Münte sein Stichwort der interessierten Öffentlichkeit
hingeworfen hatte,
meldeten sich sofort BefürworterInnen und GegnerInnen des Plans.
Erschrocken
äußerte sich BDA-Chef Hundt. Sein Verein hält den
Mindestlohn für eine
Katastrophe. Schon jetzt müssten die
Arbeitslosenhilfe-EmpfängerInnen auch
solche Jobs annehmen, die 20 Prozent unter Tariflohn bezahlt
würden. Das werde
Anfang 2005 weiter verschärft. “Und jetzt soll plötzlich das
glatte Gegenteil
wieder gelten?” Ganz staatsbürgerlich gesprächsbereit
schränkt er aber ein,
dass man über einen gesetzlichen Mindestlohn nachdenken
könne, aber er dürfe
nicht oberhalb der Sozialhilfe liegen. (Netzzeitung.de, 6.10.)
Die
Gewerkschaften sind gespalten. IG Metall und Bergbau/Chemie/Energie
sehen in
der gesetzlichen Festlegung einen Eingriff in die Tarifautonomie.
Schließlich
können die Gewerkschaften beste Referenzen vorweisen, wenn es um
die Festlegung
von Niedrigstlöhnen geht. Die Gewerkschaften NGG und ver.di wollen
sich mit dem
Gedanken an einen Mindestlohn anfreunden. In einem Interview mit ver.di
betont
der Lohnforscher Claus Schäfer, dass vor allem im Osten
Tarifverträge nicht
eingehalten werden oder extrem niedrige Tariflöhne gezahlt werden.
Außerdem
verweist Schäfer auf die tariffreien Bereiche. Für diese
Klientel wäre ein
gesetzlicher Hungerlohn doch eine Gnade.
Dass
durch
einen gesetzlichen Mindestlohn die Tarifautonomie ausgehebelt wird,
weiß auch
Müntefering – und findet das wohl prima: “Ich möchte nun von
den Gewerkschaften
wissen, ob sie bereit sind, an dieser Stelle ihre Tarifautonomie ein
Stück weit
aus der Hand zu geben und dem Gesetzgeber zu geben.” (Interview im
Deutschlandfunk am 22.8.)
Innerhalb
der SPD trifft der Vorstoß Münteferings auf ein geteiltes
Echo. Während Clement
sich gegen jeglichen Eingriff in die Tarifautonomie ausspricht,
betrachtet die
“SPD-Linke” die Anregungen Müntes als einen “sehr nützlichen
Anstoß”. (Sigrid
Skarpelis-Speck, Sprecherin für Globalisierungsfragen) Weiter
führt
Skarpelis-Speck aus: “Wir müssen auf diesem Gebiet etwas tun, weil
immer mehr
Ausländer ins Land kommen und zu erschreckenden Bedingungen
arbeiten. Das ist
sozusagen ein Insourcing von billigen Arbeitskräften mit den
entsprechenden
Auswirkungen auf die deutschen Arbeitnehmer.” So schön kann man
den
Nazi-Spruch: “Deutsche Arbeit nur für Deutsche” kolportieren!
Auch
die
Grünen können sich nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt
einigen. Während Chef
Bütikofer die Einführung des Mindestlohns ohne Wenn und Aber
befürwortet, sieht
Krista Sager Differenzierungsbedarf. Bei der Gestaltung des Hungerlohns
dürfe
man die Bedürfnisse der Billiglohn-Kapitalisten nicht
unberücksichtigt lassen.
“Deshalb ist hier das Florett gefragt und nicht die Steinaxt.”
Ansonsten gingen
“in den unteren Lohnbereichen Arbeitsplätze verloren”. (SZ, 27.08)
*
Rücksicht
auf die Gestaltungsfreiheit der Kapitalisten in Sachen Lohn ist auch
für
GegnerInnen der “sozialen Demontage” geboten. In ihrem Aufruf zur Demo
am 18.9.
“NRW-Netzwerk gegen Sozialkahlschlag” fordern die InitiatorInnen “Einen
Mindestlohn von 2/3 des Durchschnittslohns”. Da bleibt noch
genügend Spielraum
für die Gewinnkalkulationen des Unternehmers.
“Stattdessen
brauchen wir ein ausgebautes Kombilohn-Modell”, meint der weitblickende
Wissenschaftler Alexander Spermann vom Zentrum für
Europäische Wirtschaftsforschung
in Mannheim. (DIE ZEIT, 36/2004) Also: Der Unternehmer zahlt, was er
will, den
Rest zum Überleben gibt es vom Staat. Der Mindestlohn hingegen
wälze die ganze
Last auf die Unternehmen ab und die Regierung könne “zum Nulltarif
soziale Wohltaten
verteilen”. Das könne kaum gut gehen und Kolja Rudzio von DIE ZEIT
droht mit
dem “Risiko noch weiter steigender Arbeitslosigkeit”.
Was nun –
was tun?
Die
UnternehmerInnen ersparen sich Lohn durch Entlassungen. Der verbliebene
Rest
darf für weniger Geld mehr arbeiten. Das Arbeitslosenschicksal
wird durch die
Kürzung von Leistungen und die Einrichtung eines Arbeitsdienstes
für ein bis
zwei Euro pro Stunde so erschreckend gestaltet, dass die
Beschäftigten zu allen
von ihnen verlangten Bedingungen arbeiten.
Gleichzeitig
hat die Regierung dem “überregulierten Arbeitsmarkt” den Kampf
angesagt und dem
Kapital so zahlreiche Freiheiten im Umgang mit der Arbeitskraft
geschaffen. Den
Gewerkschaften hat der Staat mit einer “gesetzlichen Neuregelung der
Tarifautonomie” gedroht, falls sie nicht den betrieblichen
Wünschen nach
Sonderregelungen entgegen kommen.
So
kommt
langsam aber sicher im “Hochlohnland Deutschland” die Einrichtung eines
“Niedriglohnsektors” in die Gänge. Die Bedingungen, unter denen
die Forderung
nach einem Mindestlohn entstehen konnte, haben also Kapital und Staat
in
trauter Gemeinsamkeit geschaffen, denn ein immer größerer
Teil der
Arbeiterklasse kann von seinem Lohn nicht mehr leben. Und dabei geht es
hier
wohlgemerkt um Vollzeitbeschäftigte. Dass das stets wachsende Heer
der
GelegenheitsarbeiterInnen, Mini- und Ein-Euro-Jobber kein
existenzsicherndes
Einkommen bezieht, ist den an der öffentlichen Debatte Beteiligten
keinen
Kommentar wert.
Gleichzeitig
tauchen aus der Ecke, die ständig die unverantwortlich hohen
Löhne und den
“Freizeitpark Deutschland” gegeißelt hat, Befürchtungen auf,
dass die fällige
Verarmung auch irgendwo eine Grenze kennen müsse. Denn der Dienst
an Kapital
und Gesellschaft ist mit weitreichenden Pflichten verbunden, die auch
bezahlt
werden müssen. Ausgeschlafen, sauber, gewaschen und gut
genährt soll der
Arbeitsmann täglich seiner Arbeitspflicht nachkommen. Die Kinder
haben in der
Schule diszipliniert Spitzenleistungen zu erbringen, damit Deutschland
demnächst in den entsprechenden Studien wieder einen Spitzenplatz
einnehmen
kann. Die Alten müssen durchgefüttert, die Kranken versorgt
und die
Arbeitslosen verwaltet werden – natürlich mit dem Geld, das den
Lohnarbeitenden
abgeknöpft wird. Und außerdem darf die volkswirtschaftliche
Bedeutung des Lohns
nicht ignoriert werden, die Inlandsnachfrage zu beleben.
Nun
diskutieren sie, die PolitikerInnen, UnternehmerInnen,
GewerkschafterInnen und
JournalistInnen, wie der Niedriglohn zu händeln ist. Ob Kombi-
oder
Mindestlohn, ob feste Untergrenze oder flexible Gestaltung je nach
Unternehmererfolg, ob mit oder ohne gewerkschaftlichen Einfluss: “Ein
letztes
Wort ist in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Eines darf –
darüber
sind sich alle Verantwortlichen einig – eine gesetzliche Regelung aber
auf
keinem Fall tun: Etwas an den Zuständen ändern, die den Ruf
nach einem
Mindestlohn haben entstehen lassen.” (Analyse des
GEGENSTANDPUNKT-Verlags in
Radio Lora vom 25. Oktober 2004)
Josef
*Die
Forderung nach Erhalt von Arbeitsplätzen kümmert sich nicht
um deren Qualität.
Fragen nach dem finanziellen Ertrag und den übrigen Bedingungen,
unter denen
Arbeit stattfindet, treten in den Hintergrund und gelten als
unzeitgemäß.
“Hauptsache Arbeit” heißt das Motto. Gewerkschaften
schließen Verträge ab, die
die totale Verfügbarkeit des Kapitals über die Arbeitskraft
erlauben.
Reallohnsenkungen durch Null-Runden, Streichung von Zuschlägen und
Arbeitszeitverlängerungen stehen auf der Tagesordnung. So wird der
Lohnarbeitermannschaft gezeigt, wofür sie existiert: Sie hat
für den
Gewinnwachstum des Kapitals zur Verfügung zu stehen. Da stellt ihr
Lohn als
Kostenfaktor eine Einschränkung dieses Interesses dar und muss
immer mal wieder
zurecht gestutzt werden. Ob der gezahlte Lohn für ein
anständiges Überleben
reicht, hat den Kapitalisten nicht zu interessieren.
www.terz.org - 23.11.2004