AgitProp – MuralPop

Wer sich durch Düsseldorf bewegt, wird feststellen, dass an etlichen Stellen Wandmalereien das Stadtbild prägen. Den Betrachter_innen wird auffallen, dass zahlreiche dieser Bilder deutliche politische Botschaften transportieren. Das ist meist der Gruppe „Farbfieber“ zu verdanken, deren Künstler_innen seit nunmehr 35 Jahren politisch engagierte Kunst in den öffentlichen Raum tragen.

Nach 35 Jahren politischer Wandmalerei in und aus Düsseldorf werden die Aktivitäten des „Farbfieber e. V.“ und anderer mit ihnen verbundenen Gruppen jetzt umfassend in einem Buch dokumentiert.

Und Aktivitäten gab es eine Menge. Von den Anfängen als „Wandmalgruppe Düsseldorf“ spannt sich der Bogen bis zur – gemeinsam mit „Freiräume für Bewegung“ und anderen Gruppen – unternommenen Umgestaltung des Tunnels an der Ellerstaße. („Licht im Tunnel“, TERZ 7/8.11) Dabei setzen sich die Macher_innen für eine sozialere (Stadt)-Politik ein und agieren auch immer als ein Teil der hiesigen Subkultur.

Das Buch ist wie ein Ausstellungskatalog aufgebaut und bildet Kunstwerke in Düsseldorf und anderen Orten (z. B. Warschau) großformatig ab. Der Schwerpunkt liegt naturgemäß auf der titelgebenden Gruppe „Farbfieber“ von der noch 45 Wandbilder in der Stadt existieren, und auf ihrem Frontmann Klaus Klinger, der seinen Werdegang in einem Interview schildert.

Zur eigenen politisch-künstlerischen Arbeit in Düsseldorf suchten die Macher_innen auch immer die Zusammenarbeit mit Mural-Gruppen (Mural = Wandbild) aus anderen Teilen der Welt. So wurden unter anderem in Polen, Kuba, Nicaragua Wandbilder angefertigt und Künstler_innen aus Brasilien, Kuba, Zimbabwe, Polen und weiteren Ländern kreierten in Düsseldorf Wandbilder oder arbeiteten vor Ort mit an Projekten.

Besonders interessant ist ein Kapitel über „zerstörte Bilder“, Malereien und Kunstobjekte, die im Laufe der Jahre zugebaut, durch Baumaßnahmen entfernt, mitsamt der Häuser abgerissen, übermalt oder auf andere Weise zerstört wurden. Ein Beispiel ist das beeindruckende Wandbild das 2002 am Vodafone-Parkhaus in der Nähe des Landtags über Wochen von vielen Künstler_innen zusammen mit dem Publikum erstellt und 2006 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Vodafone wieder abgerissen wurde. Sogar die ersten Bilder der „Wandmalgruppe Düsseldorf“ von 1977 sind in dem Kapitel noch einmal zu sehen (wenn Du die noch kennst, bist Du alt). Weitere Abschnitte zeigen Wandbilder, die gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen erstellt wurden, das „Gesamtkunstwerk“ Kiefernstraße wird ausführlich vorgestellt, und auch die einzelnen Elemente der Tunnelmalaktion Ellerstraße finden ihren Platz.

Den Abschluss bildet ein Kapitel, in dem beispielhaft verschiedene Eingriffe anderer Künstler_innen in das Düsseldorfer Stadtbild dokumentiert werden. Hier finden klassisch-abstrakte Wandbilder, Graffiti, Naegli-Werke und andere Formen der Urbanart ihren Niederschlag. Die Vielfalt der heutigen Streetart-Bewegung kann ein auf Düsseldorf bezogenes Buch dabei natürlich nur andeuten zumal viele ihrer Formen in der Stadt noch nicht angekommen sind. Da kann noch eine Menge passieren.

Wenn es etwas (neben einem schludrigen Lektorat) an dem Buch zu kritisieren gibt, dann, dass es lediglich ein Streiflicht auf die aktuelle Strömungen der Streetart und ihre Spielarten wirft.

So wünschen sich die Leser_innen doch noch viel mehr Platz im Buch und in der Stadt für mehr Streetart. Es bleibt nur, sich selbst aufzumachen und sich die Straßen Düsseldorfs als Atelier und Galerie anzueignen.

Uli

Eine informative Ergänzung bildet die Internetseite: www.farbfieber.de

Farbfieber: „mural / streetart / urbanart in Düsseldorf“
fiftyfifty Edition, 2012, 128 S., 18,- Euro


Über Veganer_innen, Vegetarier_innen und alles Lebendige

„Eine Blume zwängt sich durch einen Spalt in einem Gehweg, um das Sonnenlicht zu spüren“. Vom Leben und Überleben erzählt Ruby Roths Buch. Ihr Schwerpunkt hierbei liegt auf Tieren. Die Autorin stellt gegenüber, welche außergewöhnliche Eigenschaften und Merkmale Tiere haben und zeigt dann, wie unnatürlich und grausam es Nutztieren ergeht. Die Informationen, die hierbei die Leser_innen bekommen, sind interessant und anspruchsvoll. Über den Schwerpunkt hinaus wird das gesamte Ökosystem und dessen Zusammenspiel erklärt. So ermöglicht das Buch einen weit gefächerten Überblick über das Netzwerk aus Pflanzen, Tieren und Menschen und ihrer gegenseitigen Abhängigkeit.

Ruby Roth lebt seit 10 Jahren vegan. „Warum wir keine Tiere essen“ ist ihr erstes Kinderbuch. Sie hat es sowohl geschrieben wie auch illustriert. Während sie Kunst unterrichtete, fiel Ihr auf, dass die Kinder Interesse am Veganismus haben. Dies gab den Anstoß zu dem Buch. Rubys Affinität zur Kunst kommt auch in ihren Bildern zur Geltung. So werden die Formen der dargestellten Tiere leicht verfremdet, ohne dabei abstrakt zu wirken. Auf vielen Seiten stellt sie die Tiere nur auf einem schlichtem, weißem Hintergrund dar. Das kann man vielleicht als Metapher für das sehen, was wir ihnen an Leben und Lebensqualität rauben.

Das Buch ist weniger etwas für Menschen die Bereits Vegan oder Vegetarisch leben, weil diese ja in der Regel wissen warum sie dies tun. Vielmehr ist es dazu geeignet den Gedanken der vegan/vegetarischen Lebensweise weiter zu tragen. Dafür ist es nicht nur für Kinder ab dem Grundschulalter gedacht. Auch Erwachsenen ist das Buches zu empfehlen und kann mit Sicherheit auch so manchem „militanten Fleischesser“ durch Fakten ins Gewissen reden.

Das die Autorin Ihr Buch aus Überzeugung geschrieben hat macht sie auf der letzten Seite noch einmal deutlich. Hier findet mensch zahlreiche Tipps seinen Alltag Tier- und Umweltfreundlicher zu gestalten.

Abschließend bleibt zu sagen: „Darum essen wir keine Tiere.“

Ruby Roth: „Warum wir keine Tiere essen“ Echo Verlag, 2010, 48 S., 14,90 Euro


Zwischen Müll und Recycling

Zwei neue Bücher über Popkultur

Wir wissen es alle: Pop kommt aus dem Wasserhahn, und wenn nicht von dort, so ist Pop doch mindestens die Luft, die wir atmen (egal ob frisch oder stinkend). Mittlerweile ist jedoch auch klar: Pop ist nicht nur oft für die Tonne, sondern kommt auch mal gerne vom Müllplatz zurück. Also mal wieder her mit dem diskursiven Output darüber.

Simon Reynolds: „Retromania“

ist sicherlich eines der wichtigeren und lesenswerten Bücher über Popkultur der letzten Zeit, denn dazu kommt naturgemäß auch eine verdammt große Menge Grütz heraus. Das Thema der popmusikalischen Wiederverwertung sowie Fragen zu Originalität und Kopie werden seit geraumer Zeit diskutiert und behandelt. Diese Bereiche sind für das gegenwärtige Nachdenken und Sprechen über Pop relativ dringlich, will mensch sich doch erklären, wo das Neue und Aufregende im Pop bleibt, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich diverse Headz aus mehreren Richtungen daran abarbeiten, was ja auch völlig in Ordnung ist schließlich benötigen wir keine solitären Pop-Päpste, die meinen die Universal-Pop-Master-Theorie gefunden zu haben, sondern verschiedene, aber sich ergänzende Entwürfe. Reynolds, Musikjournalist und agiler Vielschreiber über Pop, selbst sagte dazu, er hätte das Thema jetzt unbedingt einmal als Buch zusammenfassen und vorlegen müssen, bevor ihm jemand zuvorkommt. Das klingt plausibel, birgt aber natürlich auch die Gefahr in sich, hier geht es um „Me first!“-Novelty mit dem oft unvermeidbaren Effekt, dass allzu viele selbstdenkfaule Pop-Heads, die ständig auf neue Theorie-Vorkau-Erlöser warten, dieses Buch als die definitive Schickung zum Thema glorifizieren. Reynolds ist aber halt nicht zuletzt Journalist. Das erleichtert die Sache in diesem Fall ungemein und ist beim Nachdenken und Schreiben über Pop und Musik nicht selten von Vorteil. Sprich: er beherrscht nicht nur eine verständliche Ausdrucksweise und weiß um die Vergänglichkeit von Fakten, Stilen und Moden, sondern kommt eben auch aus der „Praxis“, hatte also direkten Zugang zu den Phänomenen, zur Musik, zur Struktur und den Kontexten (Plattenindustrie, Medien etc). Und das ist ein klarer Vorteil, vom Ansatz her sicher besser als der zig-ste Wissenschafts-Addict und Universitäts-alimentierte Egg-Head, der seine ranzigen Theorien über Pop stülpt. Letztens begegnete uns da ja leider Heidingsfelder: der war zwar vor Urzeiten auch mal kurz Spex-Musikjourno, aber jetzt will er großbommelnd Pop via Luhmann von hinten aufrollen und neu erzählen aka endlich eine gescheite Professoren­stelle. Da ist der Diskurs über Pop mittlerweile angekommen. Ist es das, was ihr wolltet?

Dazu ein kleiner Exkurs:
Wir stehen bekanntlich kurz vor der endgültigen Vergewissenschaftlichung von Pop bzw. teilweise bereits bauchtief drin. Und angesichts diverser Strukturen und Ergüsse wirkt das leider oft nur mehr furchtbar, abstoßend und ekelhaft, wenn nämlich die eh schon falschen Voraussetzungen der bürgerlichen Wissenschaft nun auf die Popkultur angewendet werden und all den lockerspießigen Karrieristen-Jungwissenschaftler_innen eine willkommene Spielwiese gegeben wird, auf die sich die hoffnungsvolle Jugend stürzt. Wir haben jetzt Pop-Professor_innen und Pop-Studiengänge, und es ist oft peinlich, sich anzusehen, wie akadämliche Karrierist_innen, die zudem oft niemals Aktivist_innen in Pop-Kontexten waren, jetzt die dicken Pop-Erklärer-Maxe und forschen Forscher_innen sein wollen und an die akademischen Pfrundtröge drängen. Der Sammlungs- und Interpretationswahn der bürgerlichen Wissenschaften, die seltsame Sucht, absurd ferne „Wissens“strukturen auf Popkultur anzuwenden und natürlich fleißig eine „Narration“ zu finden, zu erwürgen und zu interpretieren, wird natürlich niemals hinterfragt und angegangen. Das System wird nie infrage gestellt, stattdessen wird das alte Falsche mit scheinbar neuen Inhalten gefüllt, was letztlich nur den Sinn hat, die schimmeligen, bürgerlichen Wissenschaften zu verjunghübschen und ihr falsches System künstlich am Leben zu erhalten. Mit neuen Themen, die natürlich alle schwer „erforschenswert“ sind, wird versucht, Karriere zu machen. Die Welt wird durch Pop-Wissenschaft indes natürlich nicht besser, die Welt der Wissenschaft erst recht nicht, und sie wird auch nicht transparenter, gerechter oder unkorrupter. Wer das Analysieren von Lady-Gaga-Videos (das letztlich ähnlich wie das Analysieren von Thomas-Mann-Geschichten vor sich geht) als unverzichtbare kulturelle Errungenschaft und Leistung anpreist, hat vielleicht den nächsten Tagungsband oder eine schöne Konferenzdienstreise nach Übersee im Augenwinkel, aber gesellschaftspolitisch leider nicht mehr alle Latten am Zaun.
Die zunehmende Verwissenschaftlichung von Pop ist mindestens so lästig und aufdringlich wie das vielgeschmähte Casting-Pop-System. Weder wird so die gegenwärtige Arbeitsweise der Popkultur verständlicher, noch wird sie auf ihre gesamtgesellschaftliche sozialökonomische Funktion zurückgeführt. Stattdessen arbeiten sich Pop-Wissenschaftler_innen häufig in altbekannter Manier an vergleichenden Werk- oder (noch peinlicher) in Einzelanalysen ab. Pop selbst, also den perpetuierenden Ausstoß von Produkten der Popkultur, stört das bekanntlich eh nicht. Dieser Waren-, Image- und Gefühls- und Gedenkberg freut sich seit jeher klammheimlich über all die fleißigen Akademiker_innen, die seinen Mehrwert und sein kulturelles Kapital durch Analyse und forsche Forschung nähren und vervielfachen.
„Eines ist mal sicher: 1 zu 1 ist jetzt vorbei“ sangen Tocotronic vor x Jahren naseweis, selbst sicher, damit eine postmoderne Wahrheit sloganisiert zu haben. Das glaubt leider auch ihr nur, ihr Tocos dieser Pop-Welt. Pop ist, gleich wie künstlich und unauthentisch, immer 1 zu 1, immer Pop selbst,
Dir
ja Dir!

schon mal immer voraus, und macht weiter, einfach weiter.

Das ist die Situation,
in die Reynolds dicke Schwarte kracht. Und klar will er auch Definitionsmacht damit beanspruchen. Und er tut das, was Musikjournalist_innen leider auch gerne tun: mit einer bisweilen zu sehr ausufernden Faktenfülle zeigen, dass er alles kennt und weiß. Genau das macht das Buch zwiespältig: ist die Faktenfülle nun toll, inspirierend und thematisch zuträglich – oder letztlich doch nur eitel, verwirrend und kontraproduktiv, da sie letztlich vor allem das Wissen spazieren führt und nicht zu klaren gültigen Aussagen kommen kann oder will? Allzu oft kommt der Kenner da vom spannenden Erzählen und originellen Benennen ins Schwafeln, führt aus, verzweigt erneut, spinnt weiter und setzt dann anders neu an. Klar ist der Bezug auf die Phänomene erstmal der richtige Weg, so lässt sich Einiges entdecken und ganz hübsch, locker und pointiert in Fußnoten und Textflussanekdoten packen, die man lesen kann, aber eben nicht muss – doch leider übertreibt Reynolds dieses Prinzip letztlich, zieht keine stringenten theoretischen Schlüsse und kommt zu keinen weiterführenden radikalen Thesen. Nicht dass wie gesagt noch unbedingt ein neuer kulturwissenschaftlicher Mastertheorieplan für Popkultur gefunden werden müsste, aber ein paar schmissig konsequente Fazite und semifuturistisch und yet bodenständige Theoriemodule wären gerade heute beim Sprechen über Pop notwendig. Ab und an kommt er zu brauchbar erscheinenden, aber letztlich viel zu ungenauen Beschreibungen: „Retro ist ein Nebenprodukt der Vermischung von populärer Kreativität und Markt. Das Ergebnis ist eine kulturelle Ökonomie, die jenseits der bipolaren Rhythmen des Auf- und Abschwungs changiert, zwischen Manie und Nostalgie.“ Oft entstehen zwar auch interessante Anregungen und Wissensszenarien, aber die radikalen Schlüsse daraus zu ziehen gelingt Reynolds seltsamerweise nicht. Stattdessen versucht er immer wieder vorzuführen, wie sehr Pop sich selbst isst und zitiert und dass Originalität und Innovation fehlen – und diese Aussage, bezüglich Pop schon vor Jahrzehnten examplifiziert, ist logisch so unoriginell wie ein Furz im Wind, da quasi jedes ästhetische System, die Mode natürlich inbegriffen, sich stetig in Rückgriff auf den eigenen Fundus erneuert und verjüngt. Dazu kommt, dass Reynolds selbst an der Glorifizierung der 60er und 70er als goldenem Zeitalter des Pop beteiligt war, und von daher erscheint es bigott, wenn er teils ziemlich kulturkonservativ die alten Zeiten beschwört, ohne deren eigenen Retrocharakter markieren zu wollen, und er der gegenwärtigen Popmusik letztlich Unoriginalität und ein Abwenden von der „Zukunft“ – einem nun wirklich komplett amorphen Popanz-Mythos – attestiert. Auch diverse Kontexte wie Pop-Fortschritt via technologische Entwicklungen oder internationale Kontexte aka Popsysteme im Vergleich werden nicht genügend beachtet oder bleiben gleich außen vor – zu wenig.

Leider bleibt auch Reynolds Nachwort zur deutschen Ausgabe, das bereits Reaktionen und Kritik reflektiert, merkwürdig unbefriedigend, lückenhaft in der Argumentation und letztlich unüberzeugend. Die berechtigte Kritik an seinem Modell wird recht undifferenziert-pampig weggewischt, zu eigenblind werden die eigenen Meinungsargumente wiederholt, und letztlich kommt Reynolds endlich zu einer kompakten Aussage, die aber leider ziemlich an Slogans konservativer Parteien erinnert: „Recreativity-Talk ist Propaganda zu Gunsten bewusster Minderleistung!“ Autsch. Fazit: wer sich über den state-of-the-pop-art etwas auf dem Laufenden halten und darüber nachdenken möchte, warum die musikalische Gegenwart ihre Zukunft immer intensiver aus der Vergangenheit konstruiert, greife hier trotz Unstimmigkeiten ruhig zu. Material und Inspirationen zum Weiterdenken bietet das Buch allemal, der gegenwärtig radikal nötige Beitrag zur Popkulturdiskussion ist dies allerdings definitiv nicht geworden.

Der Essay „Musik=Müll“

von Hans Platzgumer und Didi Neidhart (letzterer ist Mitherausgeber des Austria-Popkulturmagazins „Skug“ und auch Verfasser des Vorworts der deutschen Reynolds-Ausgabe) ist dagegen regelrecht entgegenkommend, ohne versöhnlich einlullen zu wollen: auf sympathisch knappen 120 Seiten wird gar nicht erst versucht, eine analytische Masterperspektive des aktuellen Popdiskurses einzunehmen, sondern es wird ganz im guten Sinne der europäischen Essayistik persönlich, selbstbetroffen und mitunter radikal nachgedacht und vor allem – sehr wichtig! –: neben Behauptungen werden Fragen gestellt. Für Popmusik zwischen (Selbst-)Entwertung und hyperaktiv-panischem Musikmarkt scheint die Müll-Metapher von sinnvoller Prägnanz zu sein. Kostprobe: „Der Geschwindigkeitsrausch unseres technischen Fortschritts ist nicht nur für die Musik im Sog des schwankenden Kapitalismus eine unheilvolle Spirale nach unten. Er ist ein Wettlauf, der auf Dauer nicht durchzuhalten ist. Wir sind die Opfer unserer eigenen Entwicklung, unserer Sozialisation, unserer Evolution. Wir nehmen an dem Wettrennen nach kurzfristigen Renditen teil – wissentlich oder unfreiwillig. Möge es uns Angst oder möge es uns geil machen. Wenn wir überleben wollen, können wir nicht anders als mitrennen, wohin auch immer. Das meinen wir zumindest. Also produzieren wir Müll und lassen für uns Müll produzieren. Häufen an. Wir sind Müllmacher und Müllkäufer. All die großen multinationalen Konzerne, die großen Hegemonialmächte, die über uns verfügen, sind die Mülldealer. Sie schütten uns zu mit Müll, bis wir nichts mehr anderes wollen und denken. Wir denken Müll, denken ans Entsorgen und an die kurze, immer kürzer werdende Zeitspanne, bis die Dinge, mit denen wir uns abgeben, auf den Müll geworfen werden müssen.“ In klarer, einfacher und unprätentiöser Sprache werden mit mindestens ebenso großer Sachkenntnis wie bei Reynolds wichtige Fragen der gegenwärtigen Popkulturkonsumation und -distribution verhandelt, nur ungleich kompakter. Das verdient Respekt, ist hochwillkommen und uneingeschränkt empfehlenswert.

Fazit

für den gegenwärtigen Popdiskurs: Reynolds Buch gehört auf jeden Schreibtisch, aber „Musik=Müll“ auf jeden Nachttisch. So einfach ist das. Check it out!

HONKER

Simon Reynolds: „Retromania. Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann“
424 S., Ventil Verlag, 2012, 29,90 Euro

Hans Platzgumer / Didi Neidhart: „Musik=Müll. Essay“
128 S., Limbus Verlag, 2012, 10,- Euro


Von Lebensschützer_innen und anderem Ungemach

„Die neue Radikalität der Abtreibungs­gegner_innen im (Inter-)Nationalen Raum. Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr?“

Das von dem Berliner Familienplanungszentrum – BLANCE herausgegebene Buch versammelt insgesamt 14 Beiträge von Ärzt_innen, Wissenschaftler_innen und Mitarbeiter_innen aus Beratungseinrichtungen rund um das Treiben christlich-fundamentalistischer Lebensschützer_innen.

Anne Thiemanns Beitrag „Sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrecht“ beleuchtet beispielsweise juristische Aspekte des Rechts auf reproduktive Gesundheit (1994 per UN-Konvention über Bevölkerung und Entwicklung anerkannt). Die Autorin führt aus, wie dieses durch das vielerorts geltende Abtreibungsverbot, das Frauen zu illegalen gesundheitsgefährdenden Abbrüchen zwingt, sowie durch unzureichende Sexualaufklärung untergraben wird.

Gisela Notz zeichnet die Geschichte des §218 in Deutschland bis in die Gegenwart nach und legt dar, dass dieser nicht primär auf den Schutz ungeborenen Lebens zielt, sondern als Instrument der Bevölkerungspolitik der Kontrolle über den weiblichen Körper als Ort der Reproduktion dient.

Sehr lesenswert ist der Beitrag von Ulli Jentsch und Eike Sanders vom Antifaschistischen Presse-Archiv und Bildungszentrum e. V. (apabiz) Berlin, der die verschiedenen Strömungen der Lebensschutzbewegung und ihre reaktionäre Agenda vorstellt. Sie legen dar, wie diese mit zeitgemäßen Medienauftritten auch unter jungen Menschen zu agitieren versuchen und welche Schnittstellen zur „Neuen Rechten“ bestehen. Die auf knapp acht Seiten zusammengetragenen Informationen vermitteln einen sehr guten Eindruck davon, mit wem man es auf Seiten der Lebensschützer_innen zu tun hat.

Leider wiederholen sich Argumente und Einschätzungen in den Texten mehrfach; dennoch werden immer wieder interessante Teilaspekte ergänzt: Die Beiträge widmen sich den „Märschen für das Leben“, mit denen Abtreibungsgegner_innen ihre Propaganda in den öffentlichen Raum tragen, und den aggressiven Methoden, mit denen sie Schwangere ganz konkret unter Druck setzen. Andere berichten von der weitaus einflussreicheren Anti-Abtreibungsbewegung in den USA und der rechtlichen Situation in den Ländern Lateinamerikas. Bemerkenswert ist der Aufsatz Hartwig Hohnsbeins, Pastor im Ruhestand, der die Bezugnahme der Lebensschützer_innen auf die Bibel kritisch reflektiert.

Die Kapitel „Gegenmaßnahmen“ und „Juristische Auseinandersetzungen“ sind vor allem für Ärzt_innen oder Berater_innen interessant, die mit Angriffen christlicher Fundamentalist_innen konfrontiert sind. Leider zeigen die Texte wenig Handlungsperspektiven auf, sondern widmen sich vorwiegend der Vorstellung der eigenen Praxis, so z.B. die Zusammenfassung der Fachtagung „Sexuelle Selbstbestimmung – Realität oder Utopie“ im Januar 2011 in Berlin, die Selbstdarstellung der AG sexuelle Selbstbestimmung oder die Beschreibung des (gescheiterten) Versuchs durch Befragung von Ärzt_innen eine Dokumentation von Übergriffen radikaler Abtreibungsgegner_innen zu erstellen und die betroffenen Einrichtungen untereinander zu vernetzen. Einzig Kirsten Achteliks Bericht über die Proteste gegen die „Märsche für das Leben“ liefert den ein oder anderen praktischen Vorschlag, wie sich gegen Kundgebungen der Lebensschützer_innen intervenieren lässt.

Der einzige, recht deprimierende Beitrag im Kapitel „Juristische Auseinandersetzungen“, mit dem das Buch schließt, legt dar, welche rechtlichen Möglichkeiten Lebensschutz-Organisationen nutzen, um Ärzt_innen und Beratungsstellen durch Klagen das Leben schwer zu machen – aufgrund bestehender Rechtsunsicherheiten offenbar nicht selten mit Erfolg.

Alles in allem bietet das Buch einen passablen Rundumschlag zum Thema. Auch wenn der rote Faden an manchen Enden ein wenig ausfranst, lohnt sich das Buch als Einstieg in das Thema durchaus.

Und wem Theorie allein zu dröge ist: Am 9. März 2013 findet in Münster eine feministische Demonstration gegen den alljährlich stattfindenden „Marsch für das Leben“ statt. See you there!

gruppe_f

(Für weitere Infos: besucht gruppe_f auf facebook.)

Berliner Familienplanungszentrum - BALANCE (Hrsg.):
„Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter)nationalen Raum“
AG SPAK, Neu-Ulm: Digitaldruck leibi.de 2012, 95 S., 14,00 Euro