MADE MY DAY

by HONKER

Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss – der "Spex" nicht? Seltenst thematisiere ich hier den angeschimmelten Anachronismus "Musikpapierblättchen mit Chefredakteur" – das letzte Mal war’s wegen des subkulturellen Kreativwirtschaftswunderwahn des Austria-Mags "Gap‘ – auch schon was länger her. Die "Spex" regt aber an, doch mal kurz draufzudengeln. Hallo wach? Die neue Spacks – ist die überhaupt EINE Zeile wert, hier erwähnt zu werden? Als sich das Blatt vor diverser Zeit zum xsten mal relaunchte, wuchs die eher uninteressierte Fassungslosigkeit schnell zum Ärgernis und Ignorierwunsch über soviel Falschheit. Der Bringer war damals schon der Einstieg – eine doppelseitige GEMA-Anzeige mit Fußballfans, dazu der Spruch: "Ohne Textdichter gäbe es keinen 12. Mann – "Fußball ist unser Leben", getextet von GEMA-Mitglied Jack White, 1973." Jouw. So uncool muss man erst mal sein können. Dann: Die betriebsnudelige Penetranz von Headspack Holger in’t Veld, einem Ex-"Intro"-Kritzler und jetzigem begeisterten Schrot & Porn-Leser, reichte eigentlich, um das Projekt "Neue Spex" gleich zu vergessen. Glaubt der wirklich, mit so einer unterigen Schreibe und einer schlaffigen Kolumne namens "Pofalte" kurz vorm komatösen Standpunkt-Exitus davonzukommen? Man bekam Mitleid mit der Zielgruppe – wer so was liest und sich heute so über Pop informiert, dem ist eigentlich nicht mehr zu helfen. Next: Der neue vorab vielgescholtene (da Ex-Rolling-Stoner) Chefredakteur und Springsteen-Fan-Groß in einer ewigst langen Story über Maximo Park, die er aufregenderweise im Tourbus begleiten durfte. Man versuchte, dem allen erstmal unvoreingenommen zu begegnen, aber es hielt nicht lange. Diese Schreibe mit den mittlerweile ellenlangen papihaften "Willkommen liebe Leser, es ist ja so"-Intros ist ein echter kleiner Aua-Donnerbalken. Die letzten Sätze seines damals ersten und leider nicht letzten Spacks-Artikels sollen hier reichen: "Das Business hat sie wieder. Und es sieht gar nicht schlecht aus für die Indie-Rock-Überlebenden Maximo Park." Danke für die Info, Du Profi. Für solche Schlusssätze hätte man Schreiberlinge früher achtkantig aus der Redaktion gefeuert, wahrscheinlich sogar beim Stönchen, dessen ewiges Gravitationsgesetz laut Oma Seelig ist: Stoner konnten’s nie, können’s nicht und werden’s nie können. Aber wenn doch Pizza-Chef persönlich schmiert, wer redet denn da schon rein? Au suivant: Man holte sich Zitrone Ted Gaier als Credibility-Brand und, perfide, made him an offer, he couldn‘t refuse, nämlich ein Interview mit John Lydon, und schon hat man zack einen Stempel: New spex approved by golden lemons-credibility. Ex-"Intro" & Jetzt-"Missy" Sonja Eismann wurde als Pop-Feminismus-Feigenblatt hofiert, gepflückt und eingebunden. Sie darf nun endlich das "Album der Ausgabe" (was für ein dämlicher Anachronismus! – genauso auch wie die penetranten "Spex"-Solo-Künstler-Cover: Z.B. James Blake, umwoben von Genie und Romantik – wirkt leider erzreaktionär!) einseitig – was früher oft nur den Jungs vorbehalten war – besprechen. Für den Rap holte man sich Marcus Staiger: Der hat zwar Ahnung, lutscht aber leider Spezln wie Haft oder JBG2 derart unkritisch die Lunte, dass es wehtut. Warum zum Teufel setzt man Easy-Eismann nicht auf solche Scheiben an – warum macht SIE denn bitteschön nicht ein Interview mit JBG? Kein Interesse, schon klar – oder doch zu feige? DAS wäre wenigstens mal ein minimaler Fortschritt in diesem Bastard zwischen Kulturwissenschafts-Hausstaub und Indie-Business-Geklingel mit ganzseitigen Lifestyle-Anzeigen, in dem so einiges nicht mehr stimmt und funktioniert. The return oft the awesome Grether-Horror-Twins als ewigwährender hiesiger Indie-Pop-Alptraum ist dann eh nur noch abgemachte Ehrensache. Rühmliche Ausnahmen sind meist Artikel von Tino Hanekamp, so dessen fundierte kalte Erregung über das Versagen des Staates in Sachen NSU-Ermittlung bzw. dessen Mithilfe beim Aufbau derer Strukturen. Das war mal ein Hingucker in einem Pops-Magazin, aber leider zu wenig im sonstigen rostigen Rest. Mittlerweile finden sich nicht wenige abgelegte "Intro"-Autor*innen im "Spex"-Roster, und nachdem sich der schlechte erste Eindruck über längere Zeit bewährte und verstärkte, ist ein Totalausstieg aus diesem anachronistischem Kasperltheater unausweichlich. Was soll das eigentlich noch? Die "Spex" ist längst kein erhaltenswertes Traditions-Blatt mehr, sondern ein postpopomoderner Pop-Zombie-Eintopf, verkocht mit schimmeligen Rest-Idealismus-Fetzen unter der faden Stichflamme "Business as usual". Long ago & far away wurde ihr ja oft vorgeworfen, sie komme als rigoroser kulturlinker Tugendprediger mit Boho-Sub-Checker-Attitüde daher, dabei sei sie stets nur ein weiteres Motörchen der Subkulturindustrie. Heute ist nur dieser obskure "WirsindhaltdochwasBesseres‘-Vibe geblieben, aber mit all diesen runzlig-ranzigen Fake-Brand-Idealismen als Marker in einem absteigenden Wirtschaftssegment ist sie jedenfalls einfach oft nur noch falsch und bigott. Aber: sie kostet. Leute! So wie das Kinder-1x1 weiß, dass Politik in Demokratie das Marionettentheater von Wirtschaft ist, sollte jedes Baby wissen, dass Musikblätter letztlich der verlängerte Arm der Musikindustrie sind. Ihr aber sollt trotzdem ernsthaft Kohle dafür legen? Wäre es nicht mittlerweile an der Zeit, dass dieses Blatt endlich verschwindet und mit seinem Qualitätsjournalismusgeseiere ins ewige Tal der Gerechten einfährt? Wie, was höre ich da hinten: Sie ist eh nur noch hilfloses Themen-Dosenwerfen von Retro-Schießbudenfiguren in einem Heiopeiblatt? Wie, sie kriegt keine Kurve ins wirklich Radikal-Diskursive mehr hin – und wer nöhlt da: Das konnte sie doch eh noch nie? Und was tun wir hier eigentlich Besseres in unserer kleinen komischen Polit-Unterhaltungsabteilung? Noch die Ruinenstützbalken dieses matten Hochglanz-Ärgernisses wegkloppen? Oder artig warten, bis das Ganze endlich von selbst implodiert? Was war das doch damals für eine Befreiung, die alten Jahrgänge von Ausgabe 1 an irgendwann aus dem Keller in den Papiercontainer gegenüber zu kloppen! Leider liegt die Neue irgendwie immer noch hier auf ihrem ewigen Ur-Ort, dem Scheißhaus, aber jetzt hat sich endlich jemand erbarmt und sie abbestellt. Stattdessen liegt da eine Zeitung mit der Headline "Pakistans Jugend kämpft gegen Status Quo". Chapeau! Wenn die rührend-aufrührerische Paki-Jugend sich gegen die britischen Alt-Rocker, die offenbar viel zu lange ihren Musikgeschmack bestimmt haben, erheben, kann die hiesige Jugend das mit anachronistischen Musikblättchen ja wohl auch noch schaffen, oder? Ok, Spaß – spart Eure Kräfte … erheben ist natürlich echt too much, schon klar … leave it to rot. Und ehrlich, jetzt mal ganz mild & cheesy: Von mir aus kann "Spex" mit ihrem Märchen-Dissidenz-Business auch noch 150 Jahre weiterdudeln oder nächste Woche endlich Geschichte sein – mich stört sie nicht mehr. Never-Ever-More – Word! No word about that shit anymo"– weder hier, und auch nicht anderswo. Die wirklich wichtigen Wichser warten woanders – ob die Schweineprügler vom Gezi-Park, der Blockupy-FFM-Blockade, in Brasilien oder morgen in Deinem Viertel: Kapitel zu, history reloaded, Ton ab.

GINTAS K: SLOW (baskaru) Und der Frühling, der keiner war, wurde zum Sommer, der keiner sein wollte. Darin lag die junge Frau im hellblauen Traum und ließ all die Schwärze treiben. Die Luft war klar, sie klirrte und flirrte zugleich, der Gestus des Denkens war: Klein. Umso größer kam sie bei sich selbst an, und so gelang es ihr, die Gefühle kleinzuhalten, um zu noch mehr kühler Klarheit in flirrender Hitze zu gelangen. 11 unspektakuläre Post-Glitch-Studien von Hr. Kraptavicius aus Litauen. Was soll die Hektik? Es ist Sommer.

BROKEBACK: BROKEBACK & THE BLACK ROCK (thrill jockey) Weiter Himmel, hohe Berge, auf der Erde üble Zwerge. Die siehst Du sonst nie – außer in der Prärie. Das Cover der fünften Scheibe von Doug McComb‘s Projekt verweist auf Wüste, flirrende Hitze und Road Movie, der elegant-bestechende Klang dieses grandiosen Albums ist von einer schneidenden Transparenz, in der jeder Drumroll wie ein Tumbleweed klingt. Großartiger Job, aber kein Wunder, wenn Tortoise-Bandbuddy John McEntire an den Reglern sitzt. Ruhig, cool, bestimmt – atmosphärisch ist das die Americana-Tex-Mex-Scheibe des Jahres.

MONOPHONIA: THE SPY (snowhite) Eine Band aus einem Schurkenstaat wie Luxemburg macht nun mal keine Gefangenen. Allein die entwaffnenden Ingredienzen sind gar nicht mal sooo neu: Er D&B-DJ’nProducer, sie Singer-Songwriterin mit Vorlieben wie Waits, Morrison, Mitchell. Das kann leicht zu enervierenden Pseudoneologismen führen, aber keine Spur, kein Gedanke: Von Sekunde 1 an überzeugt eine intensive und schöne Atmo. Bei manchen Stücken (Still) wünscht man sich die Elektronik gar zurück, insgesamt aber sehr stimmig.

PHONOFLAKES: 7:30 & EDINBURGH (rough trade) Nochmal Musik aus einem Schurkenstaat: das schnell packende Debut der Schweizer kommt direkt, klar und schnörkellos daher und lässt wenig Fragen offen. Ihr Indie-Rock-Pop schrammt unprätentiös und zielbewusst am Mainstream vorbei, um gleich danach oder sehr bald dort anzudocken. Geht gerade noch durch bevor zu fett.

THEA GILMORE: REGARDLESS (fullfill) Das 14. Album der britischen Ausnahmesongwriterin in ebenso vielen Jahren klingt natürlich wunderbar, aber auch sehr disparat und zelebriert wirklich unterschiedlichste Stimmungen. In die Pause durch die Geburt ihres 2. Sohnes und die angebliche "Neubewertung‘ ihrer Arbeit sollte man nicht zuviel hineingeheimnissen, indes: das Faktum der Aufnahme in 5 verschiedenen Studios in 9 Monaten gibt einen Hinweis auf eine bewegte, natürliche und klare Reflektion über das bisher Getane und Gelassene.

UTA KÖBERNICK: MAN MUSS JA NICHT GLEICH (kleingeldprinzessin) Die Uta ist ja erst mal ne Guta. Für ihren Zweitling holte sie sich kritische Begleitung durch ein famoses Trio, das sie am 15.10.11, dem Tag der weltweiten Occupy-Wallstreet-Proteste, musikalisch vor der Stuttgarter Börse traf. Die machen hier oft ganz subtil Wind und pusten so komisch, aber es passt. Insgesamt sehr schön, diese 4erbande, aber nu ja wie sag ich’s, manchmal etwas zu schlauistisch und zu uff ja doch künstlerisch vielleicht doch mal etwas äh schärfer urgl shit jetzt ist es raus. Andere konnten das ja auch, aber gut, Du bist ja Du. Macht ja nix, mach weiter. Scharfsanftsangbare Polit-Kleinkunst-Songs.

QEAUX QEAUX JOANS: NO MAN’S LAND (blackbird) Das die Holländerin ihren 1. Song mit 7 schrieb interessiert mich und euch doch nicht – aber sowas ist mittlerweile leider Promo-Folklore. Vielleicht hieß der ja "Haschu Bubbel muschu rubbel" – was für ein Blödsinn. Das Debut aber ist tofte und stimmig: tight gebändigte Passion und Soulness, ebenso aufspielende Band, very unique das alles. Das Rahi-Rezvani-Artwork umrahmt sehr schön diese exorbianten Songspielgeschichten in exquisiten Arrangements. Kommt mit 1a Studio-DVD.

CAROLINE LACAZE: EN ROUTE (légère) Weiter nach Frankreich. Manche meinen mosern zu müssen, das Debut der jungen Pariserin mit ihren neuen Hamburgern käme nach diversen 7"es etwas zu gefällig daher, mais non: es ist mindestens so aufregend! Klar, die Single "L’Etrange" knallt schön roh und riffig-untergriffig in den Beckenboden, dass es gut tut, aber auch der Rest 60ies inspirierter Psych-Funk-Chanson-Pop hat es ausgesprochen in sich. Tres bien.

SLACKWAX: NIGHT OUT (modernsoul) Das Coverdesign zwischen RCDS-Crazies und Mad Men lässt etwas landestypisch Seltsames zwischen schlimm und bieder ahnen. In der Tat, ein hiesiges Produzententeam, das mit nachweislich guten bis ganz okeyen Leuten zusammengearbeitet hat. Aber auch leider mit diesen: "Die Marken Adidas, BMW, Mercedes Benz oder Mini vertrauten Slackwax in den zurückliegenden Jahren bei der Auswahl der Musik für TV-Werbung, genauso wie diverse Bundesministerien." Oh je – hättet ihr besser geschwiegen. Denn die Musik, die changiert zwischen ok bis ganz und sehr gut, aber Musik für Bundesministerien, sorry lads, das geht bei aller guten Güte heute wirklich schon mal gar nicht durch, zumindest nicht bei uns. Drum ist dieses Programm hier bei uns nicht zu empfangen. Das tut uns leid.

ELIA VENS: BACK TO BEDLAM (ftw) Es gibt ein schönes Video von Annika Norlin, in dem sich bei einer Kinderparty ein Junge im silbernen Spaceman-Kostüm zum Affen macht. Auf dem Cover des Debuts des Dortmunder Techno-Produzenten ist man geneigt, an eine ähnliche Konstellation zu denken. Vens Musik überzeugt indes ziemlich schnell, da sie bei aller überraschenden Polystilistik nie beliebig oder zusammenkompiliert wirkt. Ein roter Faden ist vielleicht eine jeweils sehr eigenoriginelle Atmo, die er für jedes Stück erzeugen kann. Das alles kommt sehr unprätentiös, leicht und groovy daher. Am Ende des Videos geht übrigens das Piratenmädchen mit dem Spaceman. Ich geh mit.

ADULT: THE WAY THINGS FALL (ghostly) Nach Scheiben auf Ersatz Audio und Thrill Jockey ist das Detroi­ter Elektroclash-Duo beim 5. wieder lecker in Zeiten der Entpersönlichung und leidenschaftslosen Gegenwart angelangt: heartbreak, tonight we fall, new frustration, love lies, at the end of it all, nothing lasts – mit solch hoffnungsfreudigen Titeln spielt man sich natürlich schnell in die schockgefrosteten Herzen der devoted followers. Hört ihre Tiefkühl-Musik, vielleicht leisten sie sich dann eine Zeitreise in die 80er. Oder eine neue Grafik.

HETEROTIC: LOVE & DEVOTION (planet mu) Denn dahinter geht die Sonne nochmal neu auf … oder ist es Gott, der den Kühlschrank aufmacht, darin wir auf dem, was wir unsere Erde nennen, und eine Mini-LED geht über uns Kreatürchen an, die wir im nächsten Moment von einer unfassbaren Wärme überflutet und mitgerissen werden? Auch wenn ich nüchtern bleiben will – was sind das für seltsame Gefühle, die diese wundersam-wundervolle Musik in mir auslösen? Mike Paradinas macht mit Planet Mu eines der besten Label dieser Welt, doch nach diesem grandiosen Split-Joint mit Gravenhurst möchte man ihn antippen, sich doch bitteschön wieder mehr auf die Eigenproduktion zu stürzen.

GRISCHA LICHTENBERGER: AND IV (raster noton) Gut, das ist es, was ihr jetzt unbedingt hören solltet. Das normal fantastische und nüchtern erstaunliche Noton-Debut des auch-bildenden Künstlers ist angekommen und wird zu jeder Tages- und Jahreszeit weiterverwendet. Gewöhnlich große elektronische Kunst, wie sie gerade jetzt gebraucht wird und die nicht wenige Blockheads nie oder in 25 Jahren kapieren werden. Lichtenbergers Arbeit wird nicht komplett falsch, aber doch immer wieder unsachgemäß an Autechre angedockt. Sein Beat-Gespür – eher geschult an früh90er Hardcore als an HipHop –, Microsampling, der Umgang mit Field-Recordings, der Kunstgriff ins Fiktionale bei der Realisierung von Transformationen ist originär und bodenständig-visionär. Top.

MISSING DOG HEAD: CERBERUS ONE (delphy) Das AvantJazzCore-Trio um den Gitarristen Martin Philadelphy, Bassist Chris Janka und Schießbuden-Prügler Gustavo Costa hat sich den richtigen Titel ausgesucht: Wir wissen, dass die grimmige Töle mit den 3 Köpfen und den Monstergebissen dafür zuständig war, die über den Styx Gegangenen schön im Reich des Untergrunds in Schach zu halten. Seid sicher: Wenn ihr diese tighten, unter inspirierter Hochspannung stehenden Köpfe vor Euch seht, wollt ihr gar nimmer woanders hin. Grandios.

DIE ENTTÄUSCHUNG: VIER HALBE (intakt) Und sie ertappten sich, wie sie erschöpft von der anstrengenden Entleerung im Bett lagen und rauchten – keinen Tabak natürlich, sondern ihre Körper ließen Dampf ab –, und ihre Zehen bauten kleine Zelte unter der Bettdecke, in denen schienen kleinere Wesen zu tanzen. Oder waren das vielmehr kleine Hügel, stetig zitternd-zuckenden Vulkanen gleich, die sich ununterbrochen bewegten und die kurz vorm erneuten Ausbruch standen? Die Ursache war Ihnen nicht sofort klar, bald aber doch: Im Radio aus der Küche spielte seit geraumer Zeit das neue Album der Berliner Jazzband "Die Enttäuschung". Und obwohl da manchmal etwas zu kratzen, etwas schief in den Angeln zu hängen und manchmal gar umzufallen schien, war es dieser sattenfixe Rhythmus, der sich den Weg durch ihre ermatteten Ohren bis zu den schon wieder wachen Füßen gebahnt hatte. Als sie es erkannt hatten, sahen sie sich an und lachten. "Schon wieder", sagten sie zueinander, und "Wie geil." Dass das noch geht mit der neuen Musik, das war in einem lichten und intimen Moment des Lebens derart klargeworden, dass es geradezu öffentlich transparent, ja sozial luzid war. Mehr brauchte es gerade gar nicht. Aber es braucht Aufmerksamkeit, und es braucht Mut.

Einen schönen Sommer.