Rettet Bilk vor Schutt und Asche!

1979 veröffentlicht die Bürgerinitiative1 „Rettet Bilk“ (BI) unter diesem Titel ein Flugblatt, mit dem sie die Zerstörung von günstigem Wohnraum anprangert. In Hinblick auf heutige Strukturen des Düsseldorfer Wohnungsmarkts lohnt es sich, die Entstehungsgeschichte der BI zu betrachten: Bereits vor über 30 Jahren wurde die Wohnsituation für Menschen mit geringem Einkommen prekär.

Die Lage hat sich wegen des Gemeinde-Finanzreformgesetzes von 1969 verschärft: Gemeinden sollen fortan weniger an der Gewerbe-, dafür aber an der Einkommensteuer beteiligt werden. Städte wie Düsseldorf bemühen sich daher, gutverdienende Menschen an entsprechenden Wohnraum vor Ort zu binden, um die Einkommenssteuergelder zu kassieren. Die Sorge der Stadtplanung kreist vor allem um die Abwanderung der Besserverdienenden in grünere und ruhigere Gebiete rund um Düsseldorf. In Unterbilk wollen die Stadtplaner*innen nun das Image des Viertels für diese Klientel aufpolieren. Hierzu erarbeiten sie ab Ende 1975 das Stadtteilentwicklungsprogramm (STEP). Vorgesehen sind „Sanierungen“ der Wohngebiete; Neubau des Hafengeländes, des Landtags und Fernsehturms; Schaffung neuer Arbeitsplätze sowie der Ausbau des Verkehrsnetzes. Soziale und kulturelle Einrichtungen werden zunächst nicht eingeplant. Tatsächlich lassen Wohnsubstanz und Infrastruktur Bilks zu wünschen übrig: Die Häuser sind alt (viele Vorkriegsbauten), so manche Wohnung hat kein Bad bzw. nur eine Toilette pro Etage, und wegen der dichten Bebauung gibt es wenig Grün- und Freiflächen. Entsprechend günstig sind die Mieten. Im STEP wird gefolgert: „(Z)urück bleiben Familien mit niedrigem Einkommen, ausländische Arbeitnehmer, ältere Bürger. (D)er Fortzug jüngerer leistungsfähiger Familien (hat) Strukturwandlungen zur Folge, die nicht gewollt sein können.“

Sanierung Ja – Vertreibung Nein

Zwar wird seitens der Stadt betont, die Bedürfnisse der Bürger*innen mit einbinden zu wollen. Diese fühlen sich jedoch ob des bereits fertigen Konzepts überrumpelt. Initiativen, die schon in Bilk aktiv sind, übernehmen es fortan gemeinsam, die Bilker*innen zu informieren: Die Aktion Wohnungsnot (AWN)2 gibt im Mai 1977 das erste Schwarzbuch über leerstehende Wohnungen in Düsseldorf heraus. Als am 13. April 1978 der STEP im Stadtrat verabschiedet wird, verteilt sie Flugblätter über die Modernisierungsvorhaben an die Bilker*innen. Auf den Treffen der Selbsthilfe Düsseldorf (SHD)3 werden nicht nur Aktionen geplant, sondern auch Mieter*innen beraten. Die Spielplatz-Initiative veranstaltet mit Kindern ein Go-In ins Rathaus; Studierende der Kunstakademie bemalen eine Hausfassade auf der Konkordiastraße. Auf einem Flugblatt kritisierten sie die Passivität der Stadt, die Spekulant*innen Tür und Tor öffnet: „Viele Häuser in der Konkordiastraße stehen seit über 5 Jahren leer. Grund: Der Großspekulant und Milliardär Werhahn aus Neuss ließ jahrelang die Häuser der Konkordiastr. verkommen. Das Amt für Wohnungswesen, das die Vernichtung von Wohnraum unterbinden soll, unternimmt nichts.“ Hier wird auch darauf angespielt, dass die Stadt ihr Vorkaufsrecht selten bis nie in Anspruch nimmt. So sickern weitere Fakten zu Immobiliendeals durch und die Bilker*innen werden unzufriedener mit der Informationspolitik der Stadt. Diese lädt erstmals Anfang 1979 zur Bürger*innen-Versammlung, wo nun auch Faltpläne vom Modell Unterbilk verteilt werden sowie auf die Eröffnung eines Info-Büros hingewiesen wird.

Hier baut Protz und Klotz

Die Initiativen meinen: „Wenn die oben sanieren, und wir unten nicht gefragt werden, ist es höchste Zeit, dass wir uns zusammenschließen!“ und gründen am 29. Mai 1979 die Bürgerinitiative Rettet Bilk. Sie hat zunächst über 200 Mitglieder. Neben SHD, AWN, Initiative Sägewerk4, Kulturzentrumsinitiative sowie der BI Bilk braucht ein Schwimmbad sind die Wandmalgruppe, Einzelpersonen aus DKP und SPD und betroffene Mieter*innen engagiert. Letztere werden intensiv von der BI beraten und z. T. etwa bei Prozessen unterstützt. In der Aufklärung der Öffentlichkeit über Hintergründe und Begleiterscheinungen des STEP sowie in der Anrufung von Entscheidungsträger*innen sieht die BI ebenfalls eine Aufgabe. In einem Offenen Brief an SPD und FDP stellt sie heraus: „Als Träger (...) zeichnet sich die Landes-Entwicklungs-Gesellschaft (LEG) verantwortlich. LVA, West LB, Krupp, Mannesmann usw. sind durch Kapitalanteile innerhalb der LEG an dieser Stadtplanung beteiligt.“ Sie legt auf diese Weise die Vermengung von Wirtschaftsinteressen und Stadtplanung offen und erinnert Politiker*innen an ihre Verantwortung gegenüber den Bürger*innen.

Immer wieder wird deutlich, dass die Stadt ihre Strategien auf den Protest der Initiativen abstimmt. So besucht der Oberbürgermeister Klaus Bungert nach Gründung der BI plötzlich einzelne Mieter*innen. Auch in städtischen Faltblättern wird Bezug auf die Interventionen genommen: „(E)rste Flugzettel und Bürgerinitiativen sorgten für Aufsehen. Menschen, die in einem auf so vielfältige Weise ins Gespräch gekommenen Viertel leben, können da allzu leicht in Unruhe geraten. Dazu besteht aber kein Anlaß. (D)ie einzelnen Hausbesitzer und Wohnungsinhaber (entscheiden) mit, wie erfolgreich unser ‚Modell Unterbilk‘ sein wird. Fest steht aber, daß ein solches modellhaftes Vorhaben nicht Spielplatz für Spekulanten sein kann und darf.“ An anderer Stelle meint Bungert jedoch, dass die „offene Planung (...) natürlich auch Grundstücksspekulanten die Möglichkeit (gibt), einzusteigen. Dies durch Gesetz zu unterbinden, liegt nicht in der Macht der Stadt Düsseldorf.“ Angesichts solcher Aussagen macht die BI beharrlich darauf aufmerksam, dass die Stadt sich nicht um Lösungen bemüht, der Spekulation, dem Häuserabriss und der Mieter*innen-Vertreibung Einhalt zu gebieten. Im August 1979 dokumentiert sie, dass allein in Unterbilk rund 50 Häuser von Spekulationsfirmen aufgekauft wurden. In den nächsten Jahren werden deshalb in Bilk und anderen Stadtteilen viele Häuser besetzt. Zwar solidarisiert sich die BI oft mit den Besetzer*innen, dennoch heißen nicht alle Mitglieder das Mittel der Hausbesetzung gut. Viele plädieren dafür, lediglich legale Wege einzuschlagen, um die „Normal-BürgerInnen“ nicht abzuschrecken. (Dies ist nicht unbegründet, zumal allein aufgrund der DKP-Zugehörigkeit einiger BI-Engagierter so manche Person über den „kommunistischen Verein“ die Nase rümpft). Das Klima in der BI verschlechtert sich im Laufe der Zeit. Die politischen und aktivistischen Selbstverständnisse der einzelnen Gruppen kollidieren. Einigen missfällt die hierarchische Struktur, die sich durch den Vorsitzenden ergibt. Gleichzeitig fällt es den „Normalos“ zunehmend schwer, den Diskussionen und Grabenkämpfen zu folgen – zumal etwa die Mieter*innen ohnehin nur über ihr Recht und ihre Zukunft in den betroffenen Häusern informiert werden wollen. Darüber hinaus wittern viele eine Instrumentalisierung durch die Parteianhänger*innen: Diese schmückten sich mit der BI bei Bürger*innen, ohne sich mit politischen Mitteln für das Anliegen der BI stark zu machen.

Häuser werden abgerissen Bilker in den Knast geschmissen

Die Hausbesetzungen verlaufen zum Teil dramatisch. Am 19. September 1979 besetzen Bilker Initiativen die Kronprinzenstraße 90. Die Stadt erteilt dem neuen Eigentümer Bohne eine Abrissgenehmigung, obgleich es durch Renovierungsarbeiten wieder bewohnbar gemacht werden kann. Es werden etwa 1.500 Unterschriften für den Erhalt des Hauses gesammelt. Obwohl der Planungsausschuss der Stadt einer Besichtigung für den 24. September zustimmt, beobachtet die Polizei das Haus – auch als Abbrucharbeiter sich Zugang verschaffen: „Spitzhacken und schwere Hämmer hatten sie unter den Jacken verborgen gehalten. Im Auftrag und unter Anfeuerung des Architekten Bohne, zerstörten die Arbeiter (...) Dach, Fenster und Treppengelände. Sie warfen Einrichtungsgegenstände durch das Treppenhaus und aus den Fenstern. Sie zielten dabei brutal auf Menschen.“ Die Polizei greift nicht ein. Der Spekulant Bohne erklärt der Presse später, da die Politik sich nicht „die Finger verbrennen“ wolle, müsse er zur Selbstjustiz greifen. Am 8. Oktober besetzen die Initiativler*innen das Wohnungsamt, um auf Erhalt der Kronprinzenstraße 90 zu drängen. Die Polizei räumt das Amt, so wie sie einen Tag später das Haus räumt, das umgehend abgerissen wird. Auch in den Folgemonaten beteiligt sich die BI an Aktionen für leerstehende oder spekulationsgefährdete Häuser. Es kommt zu weiteren Besetzungen, etwa der Neusser Straße 77, des Lichtenbroicher Wegs 137, der Volmerswerther Straße 141 oder der Suitbertusstraße 122.

Weiterhin Wohnungsnot

Die BI kümmert sich daneben weiterhin um die Not der Mieter*innen. In einem Flugblatt vom Oktober/November 1980 verdeutlicht sie noch einmal die Notwendigkeit des Zusammenschlusses: „Viele betrachten ihre Wohnungsnot als ihr persönliches Versagen – selbstverschuldete Not? NEIN! Unsere Wohnungsnot ist der Spekulanten Brot! (...) Ein Hohn ist es, daß die Wohnungsbeamten öffentlich beteuern, sich um Wohnungssuchende zu kümmern, gleichzeitig aber bewußt die Zerstörung von Wohnraum planen“. In Bilk stehen immer mehr Wohnungen und Häuser leer, gleichzeitig gibt es tausende Wohnungssuchende. Die Stadt liefert ihrerseits zwar beständig neue Modifizierungen, um das Modell Unterbilk zu realisieren. Am Kernproblem, nämlich der Frage, wie trotz Modernisierung Menschen vor Vertreibung aus ihrem Viertel geschützt werden können, gehen die­se jedoch völlig vorbei. Anfang 1981 veranstaltet die AWN eine Demo gegen Wohnraumzerstörung, an der mehrere hundert Menschen teilnehmen. Das Polizeiaufgebot ist riesig, es kommt zu Ausschreitungen. In der Presse macht die Polizei später „Krawallmacher*innen von auswärts“ verantwortlich.

Im September 1981 beteiligt sich die BI am Internationalen Straßenfest der Ausländer-Gruppe Bilk in der Kronprinzenstraße. In der Einladung wird resümiert, dass „(s)eit gut einem Jahr (...) die Stadt durch ihren noblen Planungsdirektor Schmidt den STEP offiziell für gescheitert (erklärt). Wir erkennen darin einen Schachzug, mit dem die Stadtzerstörer unsere Empörung und unseren Widerstand durch dieses scheinbare Eingeständnis eines Fehlers beruhigen wollen“. Sie gibt sich weiterhin optimistisch und meint: „Wir stecken mit unserer zweijährigen Arbeit immer noch in den Kinderschuhen. Aus Fehlern der Vergangenheit lernen wir.“ Dennoch ist die Stimmung mies. In einem Rundbrief vom 20. Januar 1982 formulieren die verbleibenden Mitglieder denn auch, dass die BI „allmählich auf den Hund gekommen ist (...). Übrig geblieben ist ein Grüppchen von 4-5 Leuten (...). Wir (...) sind nun der Meinung, daß wir nicht mehr das Recht haben und uns anmaßen können, im Namen einer Bürgerinitiative ‚Rettet Bilk‘ zu sprechen (...). Dies mag Stadtplaner und Spekulanten freuen – wir können diese jedoch nicht nachempfinden. Denn was hier bisher an Stadtzerstörung und Vertreibung der Bürger in Bilk geschehen ist, ist nur die Spitze des Eisberges von dem, was noch auf Bilk zukommen wird.“ Zwar hat die BI es geschafft, die Bürger*innen zu informieren, einzelne Miete*innen zu unterstützen und eine breite öffentliche Aufmerksamkeit auf die Spekulationsfälle in Düsseldorf zu lenken. Auch räumt die Stadt ihre Fehlplanung ein und zieht sich zurück. Dennoch: Für Verwaltung und Politik ist es nun „der geeignete Augenblick, öffentlich für einen Prozeß der Zerstörung die Verantwortung abzugeben, den sie selbst mit großem Aufwand eingeleitet haben. Man überließ es fortan dem freien Spiel der Kräfte des Marktes, wie Bilk künftig aussehen soll.“ Die BI empfindet ein Engagement eigentlich als drängender denn je. Aber es gelingt nicht, die Arbeit auf eine Basis zu stellen, die von vielen verschiedenen Menschen getragen wird. Unter anderem, weil die Atmosphäre „eher von Expertentum und abgehobener Rechthaberei bestimmt“ ist und die BI sich „des öfteren vor den Karren der Parteien“ spannen lässt. Manche beugen sich dem Druck der Vertreibungswelle und ziehen weg, andere können „sich im Stadtteil halten, indem sie sich ins Eigentum einkauften.“ Anfang 1982 löst sich die BI auf und hält bilanzierend fest: „In Wirklichkeit lebt gerade eine Bürgerinitiative von der Vielfalt unterschiedlicher Fähigkeiten (...) und gemeinsam solidarisch getragenen Aktionen.“

ANNE NIEZGODKA
ARCHIV FÜR ALTERNATIVES SCHRIFTTUM
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1 Nicht-gegenderte Schreibweisen wurden so aus den Originaldokumenten übernommen. Genauso verhält es sich mit veralteter Rechtschreibung.
2 Offiziell gründet sich die AWN 1973. Sie bot mietfreien Wohnraum für Azubis, erwerbslose Jugendliche und später auch für Studierende an. Durch einen Deal mit der Stadt konnte sie leerstehende Häuser zwischennutzen, musste aber gewährleisten, diese wieder zu räumen, sobald der Abriss anstand.
3 In der SHD waren Menschen engagiert, die Umstände für ein autonomes Leben schaffen wollten. Einige waren zuvor in Kliniken, Heimen, Obdachlosenasylen etc. untergebracht und wehrten sich dementsprechend gegen Behördenwillkür und Fremdbestimmung.
4 Die Initiative Sägewerk ergriff zunächst insbesondere Partei für diejenigen, die keine Lobby hatten (nach eigenen Angaben für Arme, Alte und Kinder). So betrieb sie etwa ein Altencafé und einen Allerweltladen.